Von Peter Ahrens
"Irgendwann werden sie ihre Schwächephase bekommen", sagt Bayern-Stürmer Mario Gomez über Borussia Dortmund.
Auf diesen Moment muss Gomez noch ein bisschen warten.
Am Freitagabend beim 2:0-Sieg gegen den Hamburger SV hat der BVB so gespielt, wie man es von einem Titelkandidaten erwartet. Abwartend zu Beginn, langsam den Druck erhöhend kurz vor der Pause, nach dem Wechsel ein schnelles Tor, und rechtzeitig mit einem zweiten Tor nachlegend, um eine ruhige Schlussphase zu gewährleisten. So spielte gewöhnlich der FC Bayern.
Man muss sich nach und nach mit dem Gedanken anfreunden, dass Borussia Dortmund in dieser Saison zum ersten Meisterschaftsanwärter gekürt wird - da mag Trainer Jürgen Klopp reden, was er will. Das ist eine Strategie, die man verstehen kann, um die jungen Bursche seines Teams nicht vorzeitig verrückt zu machen. Aber wer von zwölf Spielen zehn gewonnen hat, ist der Favorit auf den Titel. Jeder weiß das. Als der VfL Wolfsburg vor zwei Jahren den Titel holte, vermied dessen Coach Felix Magath das Wort Meisterschaft noch, als er die Schale schon in den Händen hielt. Das machen Trainer so, das muss man nicht über Gebühr ernst nehmen.
Überall waren schon zwei schwarz-gelbe Gegenspieler
Der HSV wurde von dem Laufspiel der Dortmunder geradezu erdrückt. Überall wo die Hamburger hin wollten, da waren schon zwei schwarz-gelbe Gegenspieler. Ein junges Team, wie Klopp es zur Verfügung hat, ist vielleicht unerfahren und noch nicht geschult darin, eine ganze Spielzeit von der Spitze weg mental und kräftemäßig durchzustehen. Aber ein Team von 20-Jährigen kann schlicht schneller, länger und mehr laufen als eine Mannschaft, in der fünf Spieler um die 30 sind.
Klopp ist nach außen ein Schausteller, ein Strahlemann, der Volkstribun, hier noch ein lockerer Spruch, da noch ein Jux-Interview. Und wenn es sein muss, gibt er den Vulkan am Spielfeldrand und brüllt schon mal den vierten Offiziellen an wie beim Hamburg-Spiel. Das Außenbild von Klopp steht seit Jahren fest. Er hat es selbst geprägt, und er bedient es immer wieder neu.
Aber vor allem ist der 43-Jährige einer, der das Spiel im Inneren verstanden hat. Der weiß, dass Fußballcoaching aus einer exakt austarierten Mischung von emotionaler Ansprache und taktischer Schulung besteht, wenn es Erfolg bringen soll. Klopp ist ein Arbeiter, das wird hinter der Fassade des Show-Jürgen immer mal gerne vergessen.
Er ist vor allem jemand, der mittlerweile erfahren genug ist, um zu wissen, dass für den Erfolg auch mal verloren werden muss - so paradox das klingt.
Klopp hat seiner Mannschaft erlaubt, aus dem DFB-Pokal auszuscheiden. Er nimmt das frühe Scheitern in der Europa League billigend in Kauf, um das Ziel Deutsche Meisterschaft umso ernsthafter anzugehen. Der Trainer ist überzeugt davon, dass seine Mannschaft im Frühjahr, wenn die Saison beginnt, lang zu werden und an den Kräften der jungen Elf zu ziehen, Reserven nötig hat. Sollen sich die anderen, die Leverkusener, die Bayern im April in europäischen Viertelfinalspielen gegen Sevilla oder Lyon verausgaben, der BVB hat dann spielfrei und konzentriert sich auf das Punktspiel am Wochenende gegen den FC St. Pauli.
Nationalmannschaft mit Dortmunder Touch
Sieben Punkte Vorsprung hat die Borussia vor diesem Samstagspieltag vor dem Zweitplatzierten aus Mainz, zehn Punkte vor Leverkusen, 15 vor dem großen FC Bayern. Der FC Schalke liegt sagenhafte 22 Zähler hinter Schwarz-Gelb. So wie diese Tabelle muss das Paradies für einen BVB-Fan aussehen.
Mario Götze, Kevin Großkreutz, Mats Hummels, Marcel Schmelzer - vier junge Dortmunder Profis werden am Montag mit der Nationalmannschaft nach Schweden aufbrechen - und das, nachdem Bundestrainer Joachim Löw jahrelang zielsicher einen Bogen um das Dortmunder Stadion nahm und sie Löw im Ruhrgebiet schon eine persönliche Abneigung gegen den BVB unterstellt hatten.
Vier BVB-Kicker beim DFB - das ist eine Momentaufnahme, das Spiel gegen die Schweden hat keinen hohen sportlichen Wert, viele etablierte Stammkräfte sind verletzt oder müde oder beides. Es gibt wenig bessere Momente für den Bundestrainer, um Nachwuchs fürs Team auszuprobieren. Dennoch: Die Spieler haben sich diese Berufung verdient. Hummels ohnehin, der schon längst ein Kandidat für die DFB-Innenverteidigung gewesen wäre. Aber auch die anderen drei sind keine Lückenfüller mehr, die Spieler scheinen zumindest in diesem Herbst stark genug, auch jede Nationalelf mit ihrem Selbstvertrauen zu stärken. Löw kann nicht viel falsch machen, wenn er Großkreutz, Schmelzer und Götze am Mittwoch in Göteborg einsetzt.
Auch dies ist ein Triumph für Klopp. Es sind seine Spieler. Er hat sie entdeckt und in die erste Mannschaft geholt.
Borussia Dortmund und Jürgen Klopp - oft ist das Passende dieser Kombination schon beschrieben worden. Der Kumpel Klopp im Revier der Kumpels, der Fußballarbeiter Klopp in der Arbeiterstadt, der Sprüchemacher Klopp in der Region, wo man dem Klischee zufolge geradeaus denkt und spricht.
Irgendwann eines nicht so fernen Tages wird der Trainer weiterwandern, und es braucht nicht viel Phantasie, dass es der FC Bayern sein wird, der ihn dann lockt. Klopp zwischen Rummenigge, Hoeneß und Co - das wäre eine ganz neue Herausforderung für den Erfolgstrainer. Bis es so weit ist, muss Bayern-Präsident Uli Hoeneß noch das Fernglas in die Hand nehmen, um Klopp und Borussia Dortmund da oben in der Ferne zu sehen.
Kein Zeichen von Schwächephase, weit und breit.
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