Dortmunds Niederlage in Marseille: Lehrstunde in der Königsklasse

Aus Marseille berichtet Felix Meininghaus

Mehr Ballbesitz, Chancen im Überfluss - und am Ende ein klares 0:3. Der zweite Spieltag in der Champions League wurde für Borussia Dortmund zu einer Lehrstunde. Die Niederlage bei Olympique Marseille zeigt deutlich: Dem Team von Trainer Jürgen Klopp mangelt es an internationaler Klasse.

DPA

Vor dem Abflug nach Marseille ist Sven Bender von einem Reporter der "L'Equipe" gefragt worden, ob er das Stade Vélodrome und seine gefürchtete Atmosphäre kenne: "Nur von der Playstation", hatte der Mittelfeldspieler geantwortet. Innenverteidiger Neven Subotic musste bekennen, zum Gegner "überhaupt nichts sagen zu können, außer dass die im Moment in ihrer Liga nur 13. sind".

Irgendwie hat es noch immer den Anschein, als sei die Champions League für das junge Team von Borussia Dortmund so etwas wie ein großes Abenteuer. Nach ihrer Rückkehr nach Dortmund werden Bender und Subotic mehr berichten können. Vom herrlichen Hotel mit Mittelmeerblick, vom wunderbaren Wetter in Südfrankreich. Vor allem aber von einem Spiel, das für den BVB zu einem Debakel wurde.

0:3 (0:1) verlor der Deutsche Meister seine erste Auswärtspartie in der Champions League seit achteinhalb Jahren, und dabei stellten sich die Borussen so naiv an wie Nachwuchsspieler. Nach Treffern durch den überragenden Ghanaer André Ayew (20./69. Minute) und Loïc Rémy (69.) resümierte Manndecker Mats Hummels treffend, niemals hätte man dieses Spiel verlieren dürfen, "weil wir über 90 Minuten die bessere Mannschaft waren. Aber das interessiert keinen Menschen, weil wir hier am Ende eine Klatsche kriegen".

Hummels: "Diese Niederlage nehme ich auf meine Kappe"

Das sah sein Trainer ähnlich. "Dass wir mehr Ballbesitz haben, mehr laufen und ein deutliches Plus an Chancen kreieren, spricht für uns", sagte Jürgen Klopp: "Aber am Ende verlieren wir dieses Spiel hoch, und das ist allein unsere Schuld."

Die Gründe für das deprimierende Erlebnis waren an beiden Enden des Spielfelds zu finden. In der Offensive versäumte es die Borussia, aus einer Vielzahl von Chancen auch nur einen Torerfolg zu kreieren. Und in der Abwehr lud die Mannschaft einen wahrlich nicht überragenden Gegner mit haarsträubenden Fehlern zu Toren ein.

Vor dem ersten Treffer rutschte Neven Subotic aus, beim zweiten legte Hummels seinem Gegner Rémy den Ball mit dem Kopf geradezu mustergültig in den Lauf. Und vor dem dritten Gegentreffer ließ sich Lukasz Piszczek wie ein Anfänger vorführen und sorgte so dafür, dass Sebastian Kehl einen Elfmeter verursachte, den Ayew sicher verwandelte.

Immerhin versuchten Subotic und Hummels erst gar nicht, nach Ausflüchten zu suchen. Subotic sagte, beim von ihm verschuldeten Gegentor habe er erlebt, "wie mein Kopf in die eine Richtung will, und die Beine sind schon in die andere unterwegs". Noch härter ging Hummels mit sich ins Gericht. Der Nationalspieler nahm nicht nur den Treffer zum 0:2 auf seine Kappe, "sondern die gesamte Niederlage, weil dieser Fehler zu einer Phase fiel, in der wir klar am Drücker waren".

Diese Offenheit ehrt Dortmunds verhinderte Torverhinderer. Wie Mario Götze über seine Leistung denkt, kann man hingegen nur erahnen. Der Jung-Nationalspieler durchquerte die Mixed-Zone mit eingezogenem Kopf, ohne zu den Journalisten zu sprechen. Der 19-Jährige hätte zum Helden von Marseille werden können, doch er vergab zwei erstklassige Möglichkeiten. Unter anderem gelang ihm während der zweiten Halbzeit das Kunststück, den Ball aus drei Metern freistehend an den Pfosten zu schießen, anstatt ihn im Tor unterzubringen.

Während Götze schwieg, übernahm sein Chef die Aufgabe, die Geschehnisse zu bewerten. Dabei tat Klopp das, was er tun muss: Er hielt seine schützende Hand über das Dortmunder Juwel. In erster Linie sei Götze für die vielen Impulse zu loben, die er dem Spiel seiner Mannschaft verliehen habe: "Nichtsdestotrotz ist Mario nach dem Spiel als erstes zu mir gekommen und hat gesagt: 'Trainer, ich muss den Ball reinschießen.'"

Ein eklatantes Missverhältnis von Aufwand und Ertrag

Rechnet man den Gegentreffer beim 1:1 gegen den FC Arsenal hinzu, haben die Dortmunder in der Champions League nun insgesamt vier grob fahrlässig verschuldete Gegentore kassiert und nur einmal getroffen. In Marseille bekam das junge Ensemble knallhart vor Augen geführt, woran es ihm mangelt. "Unser Gegner hat jede Chance konsequent ausgenutzt", so Subotic: "Das ist der große Unterschied."

Tatsächlich war die Nacht von Marseille ein beeindruckender Beleg dafür, wie sehr es dem BVB an internationaler Klasse mangelt. Das eklatante Missverhältnis von Aufwand und Ertrag war schon während der berauschenden Meistersaison auffällig, doch das konnte kompensiert werden, weil die Mannschaft meist sicher stand und zu null spielte.

Das hat sich geändert, nun addieren sich zur mangelnden Chancenauswertung auch noch haarsträubende Abwehrfehler, die in der Champions League "knallhart bestraft werden", wie Kapitän Sebastian Kehl richtigerweise anmerkte. Natürlich weiß das Team selbst um seine Probleme. "Es ist unsere Pflicht", sagte Bender, "an unseren Fehlern zu arbeiten und sie möglichst schnell abzustellen."

Klopp ist davon überzeugt, dass seine Mannschaft an den Rückschlägen wächst: "Man wird uns bereits beim nächsten Spiel in Piräus ansehen, dass wir aus den Erlebnissen hier in Marseille die richtigen Schlüsse gezogen haben."

Olympique Marseille - Borussia Dortmund 3:0 (1:0)
1:0 André Ayew (20.)
2:0 Rémy (62.)
3:0 André Ayew (69., Foulelfmeter)
Marseille: Mandanda - Azpilicueta, Diawara, Nkoulou, Morel - Diarra, Kabore - Valbuena, Lucho Gonzalez (73. Amalfitano), André Ayew (89. Sabo) - Rémy (72. Jordan Ayew)
Dortmund: Weidenfeller - Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer - Sven Bender, Kehl - Götze, Kagawa (63. Blaszczykowski), Großkreutz (63. Perisic) - Lewandowski (72. Barrios)
Schiedsrichter: Eriksson (Schweden)
Zuschauer: 26.142
Gelbe Karten: Morel (2) - Hummels
Gelb-Rote Karte: Jordan Ayew wegen unsportlichen Verhaltens (90.+3)

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insgesamt 86 Beiträge
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1. seltsame Schlussfolgerung
Mo2 29.09.2011
Aber Marseille hatte dann internationale Klasse, oder wie? Meine Güte, so geht das manchmal im Fussball, die klar bessere Mannschaft verliert. Das war einfach auch Pech, etliche Chancen, 2 x Alu und der Gegner trifft glücklich (ja, auch gekonnt) fast jedes Ding. Das sollte man nicht überbewerten.
2. Lustiger Kommentator
picard95 29.09.2011
"Weidenfeller ist der bester Torwart der nie in der Nationalmannschaft spielen wird", oder so ähnlich. Das Spiel war durchaus ansehnlich, die Chancenauswertung von Marseille brutal. Der Kommentar von Beckenbauer während der ersten Halbzeit zur Verfassung von Dortmund als Team heftig (um nicht zu sagen vernichtend). Ich wünsche Dortmund jedenfalls mehr Glück in den nächsten CL Spielen.
3. .
flip 29.09.2011
Zitat von Mo2Aber Marseille hatte dann internationale Klasse, oder wie? [...] Das sollte man nicht überbewerten.
Ich kann's auch nicht mehr hören. Es mangelt nicht an internationaler Klasse, sondern an der Chancenverwertung - und das ja nun schon das ganze Jahr 2011 über (die Meister-Rückrunde war dahingehend ja auch nicht mehr so doll). Marseille ist auch nur ein besseres Durchschnittsteam der französischen Liga und damit quasi auch Bundesligadurchschnitt. Und gegen eben diesen Bundesligadurchschnitt verhaut Dortmund ja auch Woche für Woche Chance um Chance, ohne das gleich die Bundesligatauglichkeit abgesprochen würde. Wie war das denn erst vor wenigen Tagen in Mainz? Quasi genauso wie jetzt in Marseille, nur mit besserem Ende. Also: Der BVB hat ein Problem bei der Chancenverwertung - unabhängig vom Wettbewerb. DAS muss möglichst bald abgestellt werden. Mit fehlender Klasse oder Übermacht der CL-Gegner hat das (zumindest in den bisherigen 2 Spielen) gar nix zu tun!!!
4. Es ist alles gesagt…
emmaP10 29.09.2011
… auch von mir im Forum des anderen Artikels (BVB geht in Marseille unter…). Trotzdem halte ich weiter zum BVB, drücke ihnen die Daumen, bleibe Fan. Ich hoffe, dass alle anderen BVB-Fans nun geschlossen hinter dem Team stehen. Und dass Kloppo, Susi & Co die richtigen Konsequenzen ziehen, damit sowohl in der Bundesliga als auch in der CL noch die Kurve gekriegt wird. Heja BVB!
5. Fazit?
thrasybulos 29.09.2011
Zitat von sysopDem Team von Trainer Jürgen Klopp mangelt es an internationaler Klasse.
Diese Schlußfolgerung finde ich merkwürdig. Die Dortmunder haben einen guten Fußball gespielt, sich aber in einigen Situationen blöd angestellt (s. Hummels Kopfballvorlage zum 2:0) und leider die reichlichen Chancen nicht ausgenutzt. Letztendlich haben sie sich selbst geschlagen, ihnen fehlt es noch an Kaltschnäuzigkeit und Abgebrühtheit, aber das kommt noch.
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