Dortmunds Reus-Verpflichtung: Vom Schnäppchen- zum Bayernjäger

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Was für ein Transfercoup! Borussia Dortmund hat Nationalspieler Marco Reus verpflichtet. Für den Offensivspieler muss der BVB allerdings tief in die Tasche greifen - und vom bisherigen Sparkonzept abrücken. Dafür sendet der Club ein Signal an alle jungen Talente.

Marco Reus: Heißbegehrter Heimkehrer Fotos
DPA

17,5 Millionen Euro. So viel mussten die Dortmunder Verantwortlichen für eine Fehleinschätzung auf den Tisch legen. Vor fünf Jahren schickten sie den schmächtigen Jungen davon, nun kehrt Marco Reus zurück. Der am Mittwoch bekannt gewordene Wechsel des Nationalspielers zum Deutschen Meister Borussia Dortmund ist ein Signal für die ganze Liga: Außer dem FC Bayern gibt es wieder einen weiteren selbstbewussten, erfolgreichen Verein in Deutschland, der attraktiv für junge Top-Spieler ist.

Dass der 22-jährige Reus in absehbarer Zeit von Borussia Mönchengladbach zu einem Top-Club wechseln würde, galt als sicher. Doch dass es Borussia Dortmund wird, ist angesichts des offenen Flirts des FC Bayern München und dem Interesse zahlreicher internationaler Spitzenmannschaften überraschend. Nur für Jupp Heynckes nicht: "Ich habe damit gerechnet. Es gab diesbezüglich einige Faktoren: Erstens kann der FC Bayern Reus bei dem riesigen Konkurrenzkampf hier keine Stammplatzgarantie geben. Und zweitens wohnen ja seine Eltern in Dortmund", sagte der Bayern-Trainer.

Die Genugtuung der BVB-Verantwortlichen über den abgeschlossenen Fünfjahresvertrag mit Reus war spürbar: "Ich freue mich natürlich, wir haben damit unseren absoluten Wunschspieler bekommen und uns gegen hochkarätige Konkurrenz durchgesetzt", sagte Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc.

Reus will um Meisterschaft und Champions League spielen

Auch die Art und Weise, wie Reus seine Entscheidung begründet, wird die BVB-Verantwortlichen freuen: "Ich habe mich entschieden, dass ich in der kommenden Saison den nächsten Schritt machen und bei einem Verein spielen möchte, der um die Meisterschaft mitspielt und mir die Garantie gibt, in der Champions League zu spielen. Diese Chance sehe ich in Dortmund."

Die Verpflichtung lässt auch schwelende strukturelle Probleme der Borussia wie den unsicheren Verbleib des wechselwilligen Lucas Barrios oder die Formschwäche des Sahin-Nachfolger Ilkay Gündogan erträglicher erscheinen. Und auch für den starken eigenen Nachwuchs, allen voran Mario Götze, aber auch Kevin Großkreutz oder Mats Hummels, wird der Transfer ein Grund sein, dem Club die Treue zu halten. Wer will schon einen Verein verlassen, für den ein so starker Spieler wie Reus den Bayern abgesagt hat?

Der Transfer zeigt auch einen Systemwechsel in der Dortmunder Transferpolitik: Der BVB rückt davon ab, nur auf den eigenen Nachwuchs zu setzen oder auf dem Transfermarkt als Schnäppchenjäger unterwegs zu sein: 17,5 Millionen Euro - mehr Geld hat Dortmund zuletzt nur in der Ära vor dem großen finanziellen Absturz für einen Spieler ausgegeben: Der brasilianische Stürmer Marcio Amoroso kostete den Club 2001 knapp 25 Millionen Euro.

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Millionen für Spieler: Die teuersten Bundesliga-Transfers
Dortmund nimmt also wieder Geld in die Hand - und das, obwohl BVB-Boss Hans-Joachim Watzke noch im vergangenen Sommer die Fünf-Millionen-Euro-Grenze für Einkäufe ausgerufen hatte. Doch je näher der Reus-Transfer kam, desto mehr rückte Watzke von dieser Zahl ab. Der "Sportbild" sagte er kürzlich: "Hohe Ablösen sind für den BVB kein Tabu mehr" - und heizte damit die Spekulationen weiter an. Auch für die hohe Ablösesumme hat er nun eine Erklärung: "Der Transfer ist aus unseren Rücklagen der letzten Jahre solide finanziert. Marco Reus ist ein Spieler, der den Unterschied ausmacht, und dazu ein echter Dortmunder Junge."

Bayern ist der Verlierer des Wechselspiels

Das Umdenken ist sicherlich auch dem schwachen Auftritt in der Königsklasse geschuldet. Durch das Ausscheiden des BVB in der Vorrunde ist den Verantwortlichen klar geworden, dass man ohne richtige Investitionen international nur schwer mithalten kann. Dass es mit Reus ausgerechnet einer geworden ist, der international - außer mit der Nationalmannschaft - noch überhaupt keine Erfahrung hat, mag Kritiker zum Schmunzeln bringen. Doch die Perspektive des Offensivspielers, der in der laufenden Saison bereits zehn Tore schoss und vier Treffer vorbereitete, scheint dieser Tage grenzenlos.

Verlierer dieses Wechselspiels ist der FC Bayern, auch wenn der Rekordmeister die Absage sicher verkraften kann. Das Interesse des FCB war in den vergangenen Wochen offen kommuniziert worden - doch auch eine andere Bayern-Personalie dürfte Reus mit Interesse beobachtet haben: FCB-Coach Jupp Heynckes und andere Bayern-Granden sprachen immer wieder von einer Vertragsverlängerung mit Arjen Robben, der, bei guter Gesundheit, auf dem Platz wohl auch vor Reus den Vorzug erhalten hätte. Und als Ersatz für den Niederländer steht ja immer noch ein Thomas Müller bereit, seines Zeichens der WM-Torschützenkönig von 2010.

Vielleicht war Reus gewarnt durch die vielen jungen Spieler, die nach sehr guten Leistungen in ihren Clubs von den Bayern gelockt wurden - und dort abstürzten: Jan Schlaudraff, Lukas Podolski, Marcell Jansen, Tobias Rau - sie alle konnten sich an der Säbener Straße nicht durchsetzen. Da wirkt Dortmund deutlich attraktiver auf den talentierten Nachwuchs. Der 22-jährige Bayern-Innenverteidiger Holger Badstuber glaubt an ähnliche Beweggründe: "Vielleicht hat er sich den Schritt zu Bayern nicht zugetraut, weil er als junger Spieler dringend Spielpraxis braucht. Er wird seine Gründe haben, wir haben jedenfalls auch so Top-Spieler", sagte Badstuber SPIEGEL ONLINE im Trainingslager der Münchner in Doha.

Für Reus ist es eine Rückkehr in seine Heimatstadt. Dorthin, wo sie damals sein Potential nicht erkannten. In der Jugend spielte er für den BVB, doch weil ihn die Verantwortlichen für nicht Bundesliga-tauglich einstuften, wechselte er 2006 zum Regionalligisten Rot Weiss Ahlen.

Nun hat der BVB seine Fehleinschätzung korrigiert. Für 17,5 Millionen Euro.

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1. Da schau her...!
axelkli 04.01.2012
Der war schon mal beim BvB? Das läßt die Dortmunder Entscheidungsträger von damals allerdings nicht gut aussehen. Wer war damals Trainer? Thomas "Ich lach mir den A... ab" Doll?
2. Rechte Seite
Freifrau von Hase 04.01.2012
"FCB-Coach Jupp Heynckes und andere Bayern-Granden sprachen immer wieder von einer Vertragsverlängerung mit Arjen Robben, der, bei guter Gesundheit, auf dem Platz wohl auch vor Reus den Vorzug erhalten hätte. Und als Ersatz für den Niederländer steht ja immer noch ein Thomas Müller bereit, seines Zeichens der WM-Torschützenkönig von 2010." Das war sicherlich der entscheidende Punkt: Die rechte Seite ist bei Bayern einfach schon besetzt. Wäre Reus gekommen, hätte Robben gehen müssen. Ne, ne, das Geld sollten die Bayern im Sommer lieber anders investieren. Evtl. noch ein Kracher für die Defensive oder den Götze mit Geld zuschmeissen.......
3. ...
Greg84 04.01.2012
Zitat von sysopWas für ein Transfercoup! Borussia Dortmund hat*Nationalspieler Marco Reus verpflichtet. Für den Offensivspieler muss der BVB allerdings tief in die Tasche greifen - und vom bisherigen Sparkonzept abrücken. Dafür sendet der Club ein Signal an alle jungen Talente. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,807218,00.html
FC Bayern als "Verlierer", das klingt ja süß. Nach Aussage des Gladbacher Managers gab es allerdings von Seiten der Bayern nie mehr als eben Interesse, ein Angebot lag aber nie vor. Ein wenig eigenartig find ich allerdings die erwähnten Spieler beim Dortmunder Nachwuchs. Götze ist da natürlich zu nennen, Großkreutz war allerdings vor seiner Zeit bei den Dortmunder Profis sechs Jahre in Ahlen, Hummels kommt aus der Jugend des FC Bayern. Maximal Schmelzer hätte da noch erwähnt werden können, der kam aus der U17 aus Magdeburg zum Dortmunder Nachwuchs.
4. Mal in aller Nüchternheit
bengel09 04.01.2012
zu ein paar Punkten, die vielleicht griffig, aber nicht unbedingt richtig sind: (Zitat) Vom Schnäppchen- zum Bayernjäger Nein. Borussia Dortmund hat die letzten Jahre gezielt junge Talente verpflichtet, die zum neuen Kloppschen Fußballstil des BVB passen. Es ging nie á la Magath um irgendwelche 7-Mio.-Schnäppchen aus Mazedonien. Nein. Borussia Dortmund definiert sich nicht über die Rolle des "Bayernjägers". Auch wenn dieses von Journalisten, die sich anscheinend nichts anders vorstellen können, permanent wiederholt wird. (Zitat) [...] und das, obwohl BVB-Boss Hans-Joachim Watzke noch im vergangenen Sommer die Fünf-Millionen-Euro-Grenze für Einkäufe ausgerufen hatte. Nein. Watzkes Credo seit 2-3 Jahren ist immer gewesen, dass die 5-Mio.-Grenze kein Dogma ist. Entscheidend ist die betriebswirtschaftliche Gleichung dahinter, sprich es muss ein klarer Nutzwert erkennbar sein. (Zitat) Das Umdenken ist sicherlich auch dem schwachen Auftritt in der Königsklasse geschuldet. Jein. Die Mannschaft, der Verein wird seit Jahren kontinuierlich weiter entwickelt - unabhängig von "vorauseilenden Erfolgen", wie es vielleicht die Miesterschaft war, oder eben Rückschlägen. (Zitat) Für Reus ist es eine Rückkehr in seine Heimatstadt. Dorthin, wo sie damals sein Potential nicht erkannten. Nein. Michael Zorc hat es neulich noch erklärt. Reus hat seinerzeit selbst den Schritt nach Ahlen gemacht. Er wurde nicht weggeschickt.
5. Fehleinschätzung?
annfritz 04.01.2012
Zitat von sysopWas für ein Transfercoup! Borussia Dortmund hat*Nationalspieler Marco Reus verpflichtet. Für den Offensivspieler muss der BVB allerdings tief in die Tasche greifen - und vom bisherigen Sparkonzept abrücken. Dafür sendet der Club ein Signal an alle jungen Talente. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,807218,00.html
Glaube nicht,daß Borussia Dortmund damals Marco Reus falsch eingeschätzt hatte. Der Spieler hatte zu jener Zeit nicht annähernd das Niveau von heute. Reus hat sich in verschiedenen Klubs weiterentwickelt und ist jetzt ein Spitzenspieler. Weltklasse ist aber zur Zeit noch stark übertrieben.
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