Drei Torschüsse, drei Treffer Triumph der deutschen Effizienz

Schlechtes Spiel, böse Fehler, wenig Chancen - viele Tore: Wenn die deutsche Mannschaft etwas vom Sieg gegen die Türkei ins EM-Finale mitnehmen sollte, ist es die unheimliche Effizienz. Wer mit drei Schüssen aufs Tor drei Treffer erzielt, hat Chancen auf den Titel.

Aus Basel berichtet Christoph Biermann


Manchmal ahnt man schon ganz zu Anfang eines Fußballspiels, was auf einen in den folgenden anderthalb Stunden zukommt.

So war es auch gegen die Türkei. Da standen also Miroslav Klose und Michael Ballack am Anstoßpunkt und warteten auf den Anpfiff von Schiedsrichter Massimo Busacca. Als er kam, stieß Klose den Ball an und Ballack, tja, der schaute irritiert nach vorne. Denn dort war niemand, den er hätte anspielen können.

Womit das Thema dieses Halbfinales schon vorgegeben war: der fehlende Zusammenhang.

Das Spiel zeigte dann, dass taktische Systeme eine wichtige Sache sein mögen, aber nicht allein entscheiden. Löw hatte sich erwartungsgemäß für das gegen Portugal so erfolgreiche 4-2-3-1-System entschieden und schickte auch dieselben Spieler auf den Platz. Sein Team spielte trotzdem tiefstes Kroatien. Wie bei der Vorrundenniederlage gegen die Mannschaft von Slaven Bilic (1:2) kickte es über weite Strecken ohne Tempo, ohne Druck, ohne Konzentration. Und vor allem eben ohne Zusammenhang.

Das deutsche Team zeigte von Beginn an einen kruden Mix aus Angeschalteten und Ausgeschalteten, wobei das zwischen verschiedenen Spielern bunt hin- und herwechselte.

Da haute der eine rein, aber der nächste ließ den Ball verspringen.

Da eröffnete der erste das Pressing, der zweite stieg mit ein, aber der dritte und vierte Spieler schon nicht mehr. Ein Spiel bekommt man so nicht zustande.

"Wir haben versäumt, aggressiv nach vorne zu verteidigen", sagte Philipp Lahm später. Aber dem Gegner einen Ball abzujagen, ist halt eine kollektive Anstrengung. Das Gleiche gilt für gelungene Angriffszüge.

Wenn aber immer einzelne Spieler ausgeschaltet bleiben oder nicht schnell genug angeschaltet werden, kommt es zu jenem Flickenteppich von Fußballspiel, wie ihn die Deutschen beim Halbfinale ablieferten. So heftig wie selten zuvor dirigierte Löw an der Seitenlinie sein Team. Er zeigte freistehende Spieler an und versuchte, die Spieler auf den Gegner hin zu verschieben.

"Wir haben es über das ganze Spiel hinweg nicht so geschafft, die Zweikämpfe zu bestreiten", sagte er danach. Außerdem habe sich sein Team durch einige Ballverluste "selbst aus dem Rhythmus gebracht".

Oder es hat ihn nie gefunden.

Die Mannschaft beraubte sich gegen die Türkei ihrer größten Stärke, eine Mannschaft zu sein, vom Anstoß weg. Sie war zu Anfang nicht richtig konzentriert. Und nach knapp einer Viertelstunde, als die Türken schon mal an die Latte geschossen und einige richtige Torchancen herausgespielt hatten, versuchten die deutschen Spieler, diesen Mangel abzustellen. So richtig gelang es ihnen bis zum Abpfiff nicht.

"Nein, das ist zu wenig!"

Von den Vorstößen, die Christoph Metzelder und Per Mertesacker gegen Portugal unternommen hatten, war im Viertelfinale ein Signal ausgegangen. Im Halbfinale war es genauso, weil die beiden Innenverteidiger sich selten nach vorne einschalteten.

Man muss Bundestrainer Löw schon großes Genie unterstellen, dass er den bis zur Unsichtbarkeit blassen Miroslav Klose in der 79. Minute nicht schon vom Platz genommen hatte. "Nein, das ist zu wenig!", schrie Löw sogar irgendwann in der ersten Halbzeit bei einer schwachen Aktion von Klose auf der Trainerbank. So laut, dass man es bis auf die Presseplätze hören konnte.

Löw hatte während der Partie erwogen, doch wieder zum 4-4-2-System zurückzukehren, und dafür gab es gute Gründe. "Ein zweiter Stürmer hätte uns gut getan", sagte er, denn vorne war Klose nicht nur schwach, sondern auch allein. Ballack hingegen spielte gegen die Türkei mitunter zu weit vorne, so dass er nie zur zentralen Figur auf dem Platz wurde.

Doch Löw blieb bei der Ordnung. Denn "wir hatten einige Lücken im Mittelfeld, da waren fünf Mann gut".

Bleibt da überhaupt Positives fürs Finale zu sagen?

Ja. Denn an einem fußballerisch weitgehend freudlosen Abend war nur eine deutsche Stärke erfreulich - und fast schon unheimlich zugleich: die Effizienz vor dem gegnerischen Tor.

Die Türken brauchten neun Torschüsse für zwei Treffer.

Bei den Deutschen bedeutete der dritte Schuss aufs Tor den dritten Treffer.

Drei ernsthaft durchgespielte Angriffszüge gelangen den Deutschen, zwei führten zu Toren - das ist ganz am Ende der Stoff, aus dem man Champions macht.



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