Drei Thesen zum WM-Auftakt Russland wird trotzdem in der Vorrunde scheitern

Nach dem Eröffnungsspiel schwebt WM-Gastgeber Russland auf Wolke sieben - und könnte umso härter fallen. Denn zum Weiterkommen wird die gezeigte Leistung nicht reichen.

Fedor Smolov
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Fedor Smolov

Von Philip Dehnbostel und Michel Massing


1. Die vielen Tore täuschen über große Mängel hinweg

Fünf Treffer für Russland im Auftaktspiel, damit hatte wohl kaum jemand gerechnet. Trotz der Torflut waren im Spiel der Sbornaja aber gravierende Mängel auszumachen. Vor allem in Hälfte eins wurden die Problemzonen offensichtlich - sie befinden sich im Zentrum des Spielfelds. In der ersten Hälfte trug das russische Team seine Angriffe durchschnittlich nur zu 15,2 Prozent durch die Mitte vor. Nach 90 Minuten waren es auch nur 19,2 Prozent.

Mit Alan Dzagoev verfügt Russland eigentlich über einen kreativen Akteur, der auch auf der Zehn sein Potenzial entfalten kann. Gegen Saudi-Arabien agierte der passstarke Offensivspieler jedoch eher als zweite Spitze neben Fedor Smolov. In der 23. Minute musste Dzagoev dann auch noch verletzungsbedingt ausgewechselt werden.

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Die Passgrafik bis zur 63. Minute zeigt, dass von den Innenverteidigern eher selten Zuspiele ins zentrale Mittelfeld gingen und vor allem der Weg über die Außenverteidiger genutzt wurde.

Für Dzagoev kam der Linksaußen Cheryshev ins Spiel. Übrig blieben in der Zentrale Roman Zobnin und Iury Gazinsky. Sie schafften es nicht, ein Verbindungsspiel im Zentrum herzustellen. Die Sbornaja spielte fast ausschließlich über die Flügel und Halbräume und agiert somit berechenbar - wenn es nicht gerade gegen überforderte Saudi-Araber geht.

2. Russlands WM-Hoffnung ist ein Joker

Vor der Auftaktbegegnung galt Dzagoev als Hoffnungsträger der Sbornaja. Wegen seiner Verletzung kam Cheryshev in die Partie. Dem 27-jährigen Linksaußen ist der internationale Durchbruch bisher verwehrt geblieben. Dabei ist Cheryshev einer von zwei russischen WM-Fahrern, die ihr Geld im Ausland verdienen.

Im Alter von fünf Jahren ging er mit seinen Eltern nach Spanien und schaffte es bis in die Jugend von Real Madrid. Bei den Königlichen kam er allerdings kaum zum Einsatz, wurde immer wieder ausgeliehen. 2016 wechselte er zu Villarreal, wo ihm in 24 Ligaspielen der abgelaufenen Spielzeit nur zwei Tore gelangen.

Genauso viele Treffer erzielte er nun gegen Saudi-Arabien. Bei seinem ersten Tor ließ er nach einem alles andere als perfekten Zuspiel zwei Gegenspieler mit einem Lupfer aussteigen. Der zweite Treffer war nicht weniger schön: Mit dem Außenrist schlenzte er den Ball aus 15 Metern ins lange Eck.

Trainer Stanislaw Tschertschessow traute ihm vor dem Spiel noch keinen Stammplatz zu. Nach dem Ausfall von Dzagoev und seinem Auftritt gegen Saudi-Arabien ist Cheryshev vom Status des "ewigen Talents" zum Hoffnungsträger der Sbornaja aufgestiegen.

3. Russland scheidet trotzdem in der Gruppenphase aus

Der deutliche Erfolg ist eine Überraschung. In der Vorbereitung auf das Turnier konnte Russland von vier Testspielen keins gewinnen. Dennoch sollte man den Sieg nicht überbewerten, zumal zwei der fünf Treffer in der Nachspielzeit fielen und sogar Trainer Tschertschessow zugab, dass der Sieg zu hoch ausgefallen ist. Bei der Beurteilung des Ergebnisses ist die Schwäche des Gegners von größerer Bedeutung als die Leistung Russlands.

Saudi-Arabien wird als schwächste Mannschaft im gesamten Teilnehmerfeld eingeschätzt. Gegen Russland unterbot der Außenseiter die Erwartungen noch. Es ist unwahrscheinlich, dass sich Uruguay (mit Luis Suárez und Edinson Cavani) oder Ägypten (mit Mohamed Salah) gegen die Grünen Falken schwerer tun werden. Insofern könnte der Kantersieg ein Muster ohne Wert sein, an der Ausgangslage hat sich kaum etwas verändert. Die echten Prüfsteine für Russland kommen erst noch.

Die Schwächen im eigenen Kreativspiel könnten der Sbornaja gegen Uruguay und Ägypten zum Verhängnis werden. Wenn die Russen so spielen wie in der ersten Halbzeit gegen Saudi-Arabien, werden sie die beiden weiteren Partien in der Gruppe verlieren und das Achtelfinale trotz des hohen Auftaktsiegs verpassen.

Die Favoriten, die Stars, die Außenseiter - alle Gruppen in der Analyse


insgesamt 62 Beiträge
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foerster.chriss 14.06.2018
1. Drei Punkte sind drei Punkte. Und mehr als neun gibt es nicht.
Auch wenn ich die Einschätzung grundsätzlich teile, scheint der Bericht überwiegend vor dem Ende des Spiels geschrieben worden zu sein. Die drei Punkte sind ein Riesenschritt. Und die Tordifferenz von fünf Punkten könnten bei der Endabrechnung auch hilfreich sein. Dann reicht vielleicht ein Unentschieden gegen einen der beiden nächsten Gegner. Fussball hängt nicht nur von den Statistiken ab...
Wolfvon Drebnitz 14.06.2018
2. Am deutschen Wesen soll die Welt genesen...
ich kann diese Besserwisserei nicht ertragen. Wenn Deutschland schlecht spielt, klar dann steigert man sich und kommt weiter. Aber bei den anderen? Nee - die scheiden sang- und klanglos aus. Was ist das für eine einfältige Denkweise? Besserwisserei, Pessimismus - ist das nun die deutsche Tugend? Wo bleibt Freude an den schönen Toren, an dem begeisterten Publikum - ist doch toll wenn der Gastgeber so ins Turnier startet. Doch dann kommt der Deutsche und macht alles madig. Ich kann gar nicht beschreiben, wie sehr mich diese Einstellung ärgert!
spon_liner 14.06.2018
3. Vorrundenaus? Glaube ich nicht...
Die Saudis holen gegen Agypten ein Unentschieden und Russland gewinnt mit dem Schwung des Eroeffnungsspiels gegen Aegypten. Sollte es eng werden, hilft ihnen immernoch das Torverhaeltnis. Die Analyse des Artikels scheint wunschgetrieben. Am Ende steht Russland mit mehr Toren an der Tabellenspitze. Wetten? Dem Gastgeber sollte man schon der Stimmung wegen das Viertelfinale goennen! Es war uebrigens m.M.n. das ereignisreichste Eroeffnungsspiel sei 2006 in Muenchen.
halverhahn 15.06.2018
4. Kühne Behauptung!!
Ein Sieg, und das mit 5 Toren, bedeutet fast schon die halbe Miete zum Weiterkommen bei ner WM in der Gruppenphase. Noch ein „Rumpel-Unentschieden in einem der nächsten beiden Spiele und die Russen sind weiter. Sicherlich ist Uruguay der Favorit in dieser Gruppe. Aber Ägypten ist auch kein Top-Team. Trotz Salah, von dem man auch nicht weiß, ob der nach seiner Verletzung wirklich topfit ist. Also egal, ob die Russen heute eher durchwachsen gespielt haben oder nicht, ob die Saudis eher schwach bis total desolat waren... Der WM-Gastgeber steht bereits mit einem Bein im Achtelfinale!
meresi 15.06.2018
5. Hmm...hüstl
Soweit ich mich erinnere hat Deutschland gegen Saudi Arabien 2:1 gewonnen. Nun, damit ist eigentlich klar dass Deutschland nicht Weltmeister werden kann, wahrscheinlich werden sie schon in der Gruppenphase ausscheiden, weil...siehe Artikel oben. aber halt, das war ja nur ein Testspiel, oder ??
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