Dresden gegen Bayern 1973 Und dann kam Müller

Überheblichkeit gegen Underdog, West gegen Ost, Bayern gegen Dresden: Vor 35 Jahren kam es im Europacup zum ersten deutsch-deutschen Duell in einem internationalen Wettbewerb. "11 FREUNDE"-Autor Jens Kirchschneck über ein Fast-Debakel für arrogante Münchner.


Am 5. Oktober 1973 um 11.13 Uhr treten die deutsch-deutschen Beziehungen in eine neue Phase ein. Im Zürcher Hotel "Atlantis" werden die Achtelfinalspiele im Europapokal der Landesmeister ausgelost. Der BRD-Meister Bayern München ist bereits aus der Trommel gezogen worden, nun gilt es den Gegner zu ermitteln. Es ist: Dynamo Dresden. Ein Raunen geht durch den Saal. Mit der Paarung ist das erste Duell der beiden deutschen Staaten nach 17 Jahren Europapokal perfekt.

Dynamo-Spieler Sachse (l.), Bayern-Profi Hansen (beim Hinspiel in München): Überheblichkeit gegenüber dem "Zonenclub"
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Dynamo-Spieler Sachse (l.), Bayern-Profi Hansen (beim Hinspiel in München): Überheblichkeit gegenüber dem "Zonenclub"

Der glamouröse westdeutsche Fußballclub mit seinen Weltstars Beckenbauer, Müller, Maier und Hoeneß gegen die jungen Wilden aus Sachsen, die seit ihrem Wiederaufstieg 1969 die DDR-Oberliga mehr und mehr dominiert haben. Hier also wird nun der "wahre" deutsche Meister ermittelt. Ein Fest für die westdeutschen Medien, ein Fest für die ostdeutsche Propaganda, der perfekte Humus für einen sportlichen Klassenkampf.

Es ist viel über die politische Komponente dieser beiden Spiele im Herbst 1973 geschrieben worden. Über die Versuche des Ministeriums für Staatssicherheit, mögliche Nebengeräusche mittels einer groß angelegten Operation mit dem Titel "Aktion Vorstoß" zu unterbinden. Über die Arroganz und Paranoia der Bayern. Dabei gerät ein wenig in den Hintergrund, dass sich die beiden deutschen Meister eine der aufregendsten Auseinandersetzungen der Europapokalgeschichte lieferten.

Im Vorfeld der Duelle hatten beide Teams in ihren nationalen Ligen mit großen Problemen zu kämpfen. Auch damals wurde vor wichtigen Spielen schon spioniert, und was Dresdens Meistertrainer Walter Fritzsch bei seiner West-Tour in Begleitung eines Stasi-Offiziers erlebte, war ebenso wenig angsteinflößend wie das, was Bayern-Coach Udo Lattek und Manager Robert Schwan von Dynamo sahen.

Schwan ließ sich nach dem 0:3 der Dresdner bei Sachsenring Zwickau gar mit den markigen Worten zitieren: "Wenn wir gegen die rausfliegen, wandere ich in die Zone aus." Doch auch Walter Fritzsch konnte kaum glauben, was der FC Bayern in seiner Anwesenheit zeigte. War das 4:2 gegen den MSV Duisburg noch halbwegs solide, erlitten die Münchner drei Tage später eine historische 4:7-Niederlage in Kaiserslautern. Fritzsch, der stets eine Schmalfilmkamera mit sich führte, kam mit dem Filmen kaum hinterher.

Die etwa 1000 Schlachtenbummler, die Dynamo Dresden zum Hinspiel ins Münchner Olympiastadion begleiteten, waren von der politischen Führung sorgfältig ausgesucht worden. Unterstützt wurden sie von einigen Anhängern des TSV 1860, die zur Verblüffung der Gäste-Delegation im weiten Rund das "Dynamo-Lied" anstimmten. Club-Rivalität stach in dem Fall weltanschauliche Differenzen. Während das Star-Ensemble der Bayern nahezu in Bestbesetzung auflaufen konnte, hatten die Dresdner einen herben Verlust zu verkraften: Torjäger Hansi Kreische, eine ihrer zentralen Spielerpersönlichkeiten, hatte sich in einem Länderspiel gegen Rumänien schwer verletzt und fiel für Monate aus. Dennoch verging dem FC Bayern zeitweise Hören und Sehen, die Überheblichkeit gegenüber dem "Zonenclub" rächte sich rasch.

Dass sie unterschätzt wurden, war den Sachsen spätestens klar, als sie einige ihrer Namen auf der Aufstellung falsch geschrieben fanden. Dabei hatten sie in den Jahren zuvor die Fans mit einem spektakulären Angriffsfußball begeistert, der in der DDR schon ehrfürchtig als "Dresdner Kreisel" goutiert wurde. Und in der ersten Runde des aktuellen Landesmeisterpokals hatten sie niemand Geringeren als Juventus Turin aus dem Weg geräumt. Trotzdem kannten sich die Bayern-Stars wahrscheinlich in der zweiten italienischen Liga besser aus als auf der anderen Seite der deutsch-deutschen Grenze; nun sollten sie ihre ostdeutschen Brüder näher kennenlernen.

Nach 45 Minuten stand es 3:2 für Dynamo Dresden, wenige Tage nach dem Debakel von Kaiserslautern schien die Saison für den FC Bayern endgültig aus dem Ruder zu laufen. Der damalige Präsident Wilhelm Neudecker lief in der Halbzeitpause aufgeregt in die Kabine und erhöhte die Siegprämie. Am Ende kamen die Münchner zu einem mühevollen 4:3, Franz "Bulle" Roth und der unvermeidliche Gerd Müller hatten das Spiel mit Ach und Krach noch gedreht.



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