Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion Schalensitze statt Giraffen

Drittligist Dynamo Dresden hat ein neues Stadion - und zahlt dafür jährlich Miete in Millionenhöhe. "11FREUNDE"-Autor Johannes Ehrmann über einen Traditionsverein, der kurz vor dem Lizenzverlust stand und dem die Stadt im Falle des Aufstiegs die Unterstützung kürzen würde.

Rudolf-Harbig-Stadion (9. September 2009): Arena mit allen Annehmlichkeiten
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Rudolf-Harbig-Stadion (9. September 2009): Arena mit allen Annehmlichkeiten


Seit Ende Juni ist das Dresdner Elbtal kein Weltkulturerbe mehr. Schuld ist die derzeit im Bau befindliche Waldschlösschenbrücke, die nach Ansicht der Unesco den Landschaftsraum der Flussauen zerstört. Unweit der Brücke, drei Kilometer Luftlinie südwestlich, wurde ebenfalls radikal ins Stadtbild eingegriffen: Die Giraffen sind weg. Gemeint sind keine aus dem Zoo entlaufenen Paarhufer, sondern die vier charakteristischen Flutlichtmasten des alten Rudolf-Harbig-Stadions. Sie mussten einem rundum erneuerten Stadion weichen und existieren nur noch in der Erinnerung der Fans, auf Fotos und Dynamo-Memorabilia.

Als am 10. Oktober 2008 die letzte der vier Giraffen aus dem Panorama der östlichen Seevorstadt verschwand, ging symbolisch eine Ära zu Ende. Fast vierzig Jahre hatten die sechzig Meter hohen, leicht geneigten Masten die Geschichte von Dynamo Dresden beleuchtet. Sie bezeugten sieben DDR-Meisterschaften, schienen auf vier Bundesligajahre in der Nachwendezeit und setzten zahlreiche Europapokaldramen in Szene - unvergessliche Spiele gegen den FC Liverpool, Bayern München, Rapid Wien oder Roter Stern Belgrad.

Nun steht an der Lennéstraße gegenüber des Großen Gartens, an Stelle des baufälligen, unüberdachten Ovals eine moderne Arena mit allen Annehmlichkeiten. In sich geschlossen, mit rundlaufendem Dach, steil ansteigenden Traversen direkt am Spielfeldrand und Schalensitzen in den Vereinsfarben. Das neue Rudolf-Harbig-Stadion ist so geworden, wie es Verantwortliche und Fans im 21. Jahrhundert gerne haben. Am 15. September 2009 wurde vor ausverkauftem Haus gegen Schalke 04 Premiere gefeiert. Doch Dresden wäre nicht Dresden, wenn das Kapitel damit abgeschlossen wäre.

2,5 Millionen Euro jährlich für Miete und Betrieb

"Ab 2010 ist Dynamo nicht mehr konkurrenzfähig", prophezeite Ralf Minge, als er im April von seinem Posten als Geschäftsführer Sport zurücktrat. Auslöser für den Handtuchwurf des Dynamo-Urgesteins war die Unterzeichnung des Nutzungsvertrags für das neue Stadion. Zwölf Jahre hat sich der Verein dadurch vertraglich an die Betreibergesellschaft gebunden. Der Club muss laut Vertrag rund 2,5 Millionen Euro jährlich aus eigener Tasche für Miete und Betrieb des Stadions berappen - ein stolzer Betrag für einen Drittligisten. Die Stadt, in deren Hände das Stadion nach Ablauf des Finanzierungsmodells nach 30 Jahren übergeht, gibt weitere 2,2 Millionen per annum dazu. In diesem Jahr konnte die Belastung des Vereins noch um rund eine Million gesenkt werden, unter anderem, weil die Stadt ihren Zuschuss einmalig angehoben hat.

Problematisch ist dabei, dass auch ein möglicher sportlicher Erfolg keine Entlastung bringen würde. Steigt Dynamo in die Zweite Bundesliga auf, verringert sich der jährliche Zuschuss drastisch auf nur noch 615.000 Euro. Dieses Modell wurde zwischen Betreibergesellschaft und Stadt ausgehandelt. "Die Stadt schreibt aus, die Stadt lässt bauen und der Betreiber erhält einen Zuschuss von der Stadt. Diese Modalitäten waren fix, bevor der Verein ins Boot geholt wurde", erklärt der scheidende Geschäftsführer Markus Hendel. Minges Rücktritt nennt Hendel "eine große Katastrophe".

"Ohne Spielort, ohne Stadion - keine Lizenz"

Warum aber wurde der Nutzungsvertrag überhaupt unterschrieben? "Dynamo stand mit dem Rücken zur Wand", sagt Hendel. "Hätten wir die Verträge im April nicht unterzeichnet, hätten wir wahrscheinlich zwei Tage später das Licht ausmachen können. Ohne Spielort, ohne Stadion - keine Lizenz."

Wann es zu Nachverhandlungen mit der Stadt wegen zusätzlicher Zuschüsse kommt, ist derzeit unklar. Der DDR-Kultclub verfügt zwar über ein bundesligareifes Stadion, steht aber, was die internen Strukturen angeht, vor einer ungewissen Zukunft. Die Befürworter und Gegner einer Ausgliederung der Profiabteilung stehen sich gegenüber und rangeln um Einfluss im Club.

Geschäftsführer Hendel scheidet zum 15. November aus, weil er mit den Nominierten für den Aufsichtsrat nicht einverstanden ist. Zwei Sponsorenvertreter, die er gerne im Aufsichtsrat gesehen hätte, stehen wegen der Querelen nicht zur Wahl. Die Risse, die den Verein im Innern durchziehen, könnten sich auch auf die Stadionproblematik ausweiten. Und von der hängt nicht weniger als die Existenz des Traditionsclubs ab.



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