Trainer-Kündigung bei Alemannia Aachen Coach in der Klausel-Falle

Traumberuf Fußballtrainer? Nur so lange, bis der Verein den Coach loswerden will. Ralf Aussem vom Drittligisten Alemannia Aachen wurde wegen Erfolglosigkeit gefeuert - gedeckt war die Entscheidung von Klauseln im Arbeitsvertrag. War sie auch rechtens?

Ex-Aachen-Trainer Aussem: Sieg mit Klage vor dem Arbeitsgericht
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Ex-Aachen-Trainer Aussem: Sieg mit Klage vor dem Arbeitsgericht

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Den ganzen Tag in einem dunklen Raum sitzen, Akten wälzen, Rechnungen von einer Seite auf die andere schieben, sich über Mitarbeiter ärgern: Wie schön wäre da ein Job an der frischen Luft, mit Bewegung, unter jungen Menschen und noch dazu mit einem ordentlichen Gehalt! Fußballtrainer müsste man sein! Für viele Bürohengste käme der Alltag eines Arbeitnehmers im Profifußball-Geschäft dem Jobparadies gleich. Doch auch das Paradies hat seine arbeitsrechtlichen Schattenseiten - wie im Fall des früheren Trainers von Alemannia Aachen, Ralf Aussem.

Am 3. September 2012 kündigte der insolvente Drittligist seinen Chef-Trainer Aussem, Co-Trainer Michael Burlet und Torwartcoach Hans Spillmann fristlos. Die Begründung: mangelnder Erfolg. Zwei Tage zuvor hatte Aachen 1:3 gegen die Stuttgarter Kickers verloren, es war das vierte Spiel ohne Sieg in Folge. Die Vereinsführung begründete den Rauswurf mit einer Klausel in den Arbeitsverträgen der Trainer. Die sah ein verhaltensbedingtes Sonderkündigungsrecht für die Alemannia vor, falls der Aufstieg in die zweite Bundesliga verpasst würde. Derzeit steht der Club auf dem 15. Tabellenplatz, nur drei Punkte vor dem Relegationsrang.

Zudem erweiterte der Club, der sich dabei am DFB-Musterkontrakt für Profitrainer orientierte, die Verträge um einen Paragrafen, wonach die Coaches nicht gegen ihre Kündigung klagen dürfen und sich mit einer Abfindung von drei Monatsgehältern zufriedengeben müssen.

Paralleluniversum mit eigenen Gesetzen

Alles nicht rechtens, entschied jetzt das Aachener Arbeitsgericht. Einem Profifußballtrainer dürfe in seinem Arbeitsvertrag nicht das Recht auf eine Kündigungsschutzklage genommen werden, denn er sei ein ganz normaler Arbeitnehmer. Auch der Kündigungsgrund Erfolglosigkeit war dem Richter zu pauschal. Die im DFB-Musterarbeitsvertrag üblichen Klauseln sind mit seinem Urteil unwirksam.

Ein Paradigmenwechsel für das Arbeitsverhältnis von Trainern und Vereinen?

"Nicht wirklich", sagt Professor Ulrich Preis, Arbeitsrechtler an der Uni Köln, SPIEGEL ONLINE. "Das Arbeitsgericht hat mit seinem Urteil zwar recht: Es handelt sich um ein normales Arbeitsverhältnis. Doch der Profisport gleicht einem rechtlichen Paralleluniversum mit eigenen Gesetzen." Etliche Vertragsklauseln zwischen Vereinen und Profitrainern oder -sportlern hielten arbeitsrechtlichen Prüfungen nicht stand. "Aber die wenigsten dieser Fälle landen vor Gericht", sagt Preis. Der Profisport sei eine sensible Welt, keiner wolle als Querulant gelten. "Es gibt Trainer und Athleten, die nach ihrer Kündigung vor Gericht Abfindungen in Millionenerhöhe erstritten haben." Doch man wolle vermeiden, dass es so weit komme.

Einen ähnliches Ziel dürften auch Aussem und seine Co-Trainer verfolgt haben, die gegen ihre Kündigung klagten - und nach dem Urteil des Aachener Arbeitsgerichtes eigentlich in ihre Jobs bei der Alemannia zurückkehren könnten. Dabei trainiert Aussem, der in dieser Angelegenheit zu keinem Kommentar bereit war, mittlerweile den Regionalligisten Viktoria Köln, auch Spillmann hat einen neuen Arbeitgeber gefunden.

Der DFB setzt auf Schlichtung

"Natürlich geht es jetzt um die Höhe der Abfindung", sagt Benjamin Bürrig, Rechtsbeistand des Drittligisten. "Aber wir fragen uns: Was soll das eigentlich? Um genau diese Probleme zu vermeiden, hatten die Parteien im Vorfeld alles vertraglich geregelt, und beide Seiten haben unterschrieben. Die Halbwertszeit von Fußballtrainern ist nicht so hoch, das wissen alle Beteiligten."

Bürrig sieht mit dem Urteil eine Grundsatzfrage aufgeworfen: Ist ein Fußballtrainer wirklich als gewöhnlicher Arbeitnehmer anzusehen? "Wir finden nicht. Das wäre aberwitzig. Ein Trainer wird im Profifußball doch für den Erfolg bezahlt", sagt der Anwalt. "Sollten derartige Vereinbarungen nicht möglich sein, dann kann man in Fußballprofigeschäft nur schwer einen Trainer kündigen. Was sollen die Vereine denn tun? Den Coach für ein verlorenes Spiel abmahnen?"

Bürrig weiß noch nicht, ob der Verein gegen das Urteil vorgehen wird. Doch Arbeitsrechtler Preis ist sicher, dass Alemannia auch in zweiter Instanz unterliegen würde. "Jedem halbwegs versierten Juristen ist klar, dass diese Sonderklauseln nicht zulässig sind. Das wissen auch die Vereine und Profis. Aber alle hoffen, damit durchzukommen und öffentliche Prozesse zu vermeiden." Er beobachte allerdings in der jüngsten Zeit einen Trend, dass Betroffene diese Selbstjustiz innerhalb des deutschen Profifußballs nicht mehr hinnehmen.

Rainer Koch, beim DFB verantwortlich für derartige Rechtsfragen, lässt sich davon nicht verunsichern. Eigentlich besteht für ihn dieses Problem gar nicht: "Wenn nichts anderes vereinbart wurde, können befristete Arbeitsverträge, wie sie bei Trainern üblich sind, nur aus wichtigem Grund vorzeitig gekündigt werden", sagt er. "Die DFB-Ausbildungsordnung sieht für derartige Streitfälle eine Schlichtung vor." Alles geregelt also im Paralleluniversum. Zumindest bist zum nächsten Fall.



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
nofreak 02.03.2013
1.
Zitat von sysopGetty ImagesTraumberuf Fußballtrainer? Nur solange, bis der Verein den Coach loswerden will. Ralf Aussem vom Drittligisten Alemannia Aachen wurde wegen Erfolglosigkeit gefeuert - gedeckt war die Entscheidung von Klauseln im Arbeitsvertrag. War sie auch rechtens? http://www.spiegel.de/sport/fussball/drittligist-alemannia-aachen-trainer-aussem-klagt-wegen-kuendigung-a-886066.html
Was für ein Relegationsplatz? Nach unten, Richtung 4. Liga gibt es nur direkte Abstiegsplätze. D.h. Vereine am Ende der Saison die auf Platz 18-20 stehen steigen direkt ab. Ausnahmen gibt es nur bei Lizenzentzug oder freiwilligen Abstieg besser platzierter Mannschaften.
sellerieschubser 02.03.2013
2. Niemand wird gezwungen...
...etwas zu unterschreiben! In der Hinsicht ist jeder für seinen "Otto" selber voll verantwortlich :-)
noalk 02.03.2013
3. Fußball ist Religion
Und deshalb gelten für die am Kicken beteiligten Personen dieselben Ausnahmen vom ordentlichen Recht wir für die Mitarbeiter von Religionsgemeinschaften. (Ich weigere mich, diesen Beitrag als ironisch zu kennzeichnen).
bowat 02.03.2013
4.
"Klagen" auf hohem niveau. fragen sie mal die frauen die bei schlecker gekündigt wurden.
darkview 02.03.2013
5.
statt sich um die Luxusprobleme überbezahlter Fußballtrainer zu kümmern sollte man sich mal mit den Arbeitsbedingungen beschäftigen, die bei Kündigung eine direkte Existenzbedrohung zur Folge haben.
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