Drittligist Braunschweig: Eintracht reif für neue Helden

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Braunschweig darbt in der Dritten Liga, doch das soll schon bald vorbei sein. Das Magazin "11FREUNDE" beschreibt im letzten Teil der Serie, wie sich die Eintracht für die Zukunft rüstet und wieso Wirt Achmet hofft, endlich einen neuen Fleisch-Teller kreieren zu können.

Jubelnde Braunschweiger Spieler: 2011 um den Aufstieg mitspielen Zur Großansicht
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Jubelnde Braunschweiger Spieler: 2011 um den Aufstieg mitspielen

Lesen Sie im ersten Teil der Geschichte, warum die Leidenschaft der Braunschweiger Fans ungebrochen ist, und im zweiten Teil, wie der Verein immer wieder von Krisen erschüttert wurde.

Nachdem der totale Absturz in Liga vier gerade noch abgewendet werden konnte, startete Eintracht Braunschweig 2008 mit einem Minus von zwei Millionen Euro in die dritte Liga. Die Schulden waren die Altlasten der Möhlmann-Ära. In der Verantwortung steht seit gut zwei Jahren mit Präsident Sebastian Ebel nun ein Wirtschaftswissenschaftler, der, anders als seine Vorgänger, einen unaufgeregten Führungsstil prägt und gemeinsam mit Geschäftsführer Soeren Oliver Voigt einen rigiden Konsolidierungskurs fährt.

Das neue Präsidium ist bemüht, auf allen Ebenen die Versäumnisse der Vergangenheit zu kompensieren. Im Winter war die Rasenheizung zeitweise nicht in Betrieb, um Kosten zu sparen. Der Spieleretat für die laufende Saison wurde um 30 Prozent auf 2,4 Millionen Euro gesenkt. 14 Verträge laufen zum Saisonende aus, so dass sich Trainer Torsten Lieberknecht und Sportdirektor Marc Arnold ernsthaft fragen, ob sie in der kommenden Spielzeit genug konkurrenzfähige Akteure im Kader haben. Es muss dringend etwas passieren. Geschäftsführer Voigt weiß: "Tradition braucht sich irgendwann auf, wir müssen die Faszination wieder erlebbar machen."

Zu entdecken ist die große Tradition des Clubs ohnehin nur noch an zwei Stellen in der Stadt. Einerseits jeden ersten Montag im Monat, wenn sich bis zu elf Spieler aus der glorreichen Sechziger-Ära am Tresen in der Fankneipe "Zum gemütlichen Conny" zum Stammtisch treffen. Und dann in einem versteckten Winkel der Südtribüne, in dem Helmut Menz sein Eintracht-Archiv pflegt.

"Wir verstecken unsere Tradition"

Zahllose Ordner mit Zeitungschnipseln, Autogrammkarten und Tickets, 500 Wimpel und 350 Pokale hat Menz auf knapp zwölf Quadratmeter gehortet. Aber die Sammlung ist genauso defizitär wie das Image des Clubs. Nicht einmal eines der legendären ins Orange überlappenden "Jägermeister"-Trikots sind geblieben. Nicht einmal hier ist es dem Club gelungen, seine große Historie der Nachwelt zu überliefern. Im Eingang der Geschäftsstelle steht eine lieblos bespielte Vitrine mit Vereinsmemorabilia. Von den sechs Halogenstrahlern, die die Erinnerungsstücke beleuchten sollen, funktionieren nur noch zwei. Menz sagt traurig: "Es wird immer viel von Tradition geredet, aber wir verstecken unsere Tradition."

Trainer Lieberknecht sind diese Kontraste zwischen Anspruch und Wirklichkeit geläufig. Seine sportliche Vita liest sich, als sei er ein Handlungsreisender in Sachen "gefallener Traditionsclub". So spielte er unter anderem für den 1. FC Kaiserslautern, Waldhof Mannheim, den 1. FC Saarbrücken und eben Eintracht Braunschweig. Alles Vereine, die verzweifelt den Erfolgen ihrer Vergangenheit nachlaufen. Kein Wunder also, dass Lieberknecht, der aktuell seinen Trainerschein macht, sich als Thema für die Diplomarbeit gewählt hat: "Der schwierige Spagat zwischen Tradition und Zukunft bei Eintracht Braunschweig".

Für Lieberknecht ist Braunschweig mittlerweile zur zweiten Heimat geworden. Doch hier wird die Fußballtradition ganz anders aufgefasst als daheim in der Pfalz. Während er in Kaiserslautern nach jedem Spiel morgens im Café von den Rentnern angesprochen und mitunter auch lautstark kritisiert wurde, sind die Fans hier eher distanziert. Lieberknecht sagt: "Noch nie habe ich eine derartige Identifikation der Menschen mit dem Club erlebt, die mit einer so großen Ehrfurcht gegenüber den Spielern und Trainern einher geht."

2011 will Braunschweig um den Aufstieg mitspielen

Aber keine Liebe hält ewig, wenn sie nicht erwidert wird. Auf der Prioritätenliste des neuen Präsidiums steht deshalb die Jugendarbeit ganz oben. Ein Nachwuchsleistungszentrum muss her. Weil immer mehr Fan-Nachwuchs zu den "Wölfen" abwandert, wurde mit der Aktion "Löwenbande" gerade eine Kooperation des Clubs mit den 26 Schulen im Einzugsgebiet ins Leben gerufen. Das Präsidium hat einen Drei-Jahres-Plan, der vorsieht, dass der Club spätestens 2011 wieder um den Aufstieg mitspielt.

Hinter vorgehaltener Hand sehnen sich viele aber nach einer Person, die allein durch ihre Bedeutung für den Club die Glaubwürdigkeit besitzt, um Überzeugungsarbeit für ein verbessertes sportliches und wirtschaftliches Konzept zu leisten. Es fällt auf, dass bei Eintracht in der Führung so gut wie immer Wirtschaftsexperten und Politiker das Sagen hatten. Herausragende Persönlichkeiten aus dem Clubleben waren nie in der engeren Auswahl.

Eintracht reif für neue Helden

Dabei gäbe es durchaus Alternativen: Bernd Gersdorff etwa, Konzernsprecher der Salzgitter AG und einer der wenigen Nationalspieler in der Eintracht-Geschichte, war vor zwei Jahren nahe dran, Verantwortung zu übernehmen. Er sagte aber aus beruflichen Gründen ab. Auch Dietmar Erler, Gersdorffs Teamkollege in den Siebzigern, macht sich Gedanken. Um seine Mitarbeit wurde er bislang noch nie gefragt. Er sagt: "Ich müsste mir auch gut überlegen, ob ich Verantwortung übernehme. Aber ich habe dem Fußball viele Chancen zu verdanken, ich würde gerne etwas zurückgeben." Auch aus der Geschäftsstelle hört man, dass es kein schlechter Schachzug wäre, wenn irgendwann eine charimatische Persönlichkeit den beruflich eingespannten Geschäftsmann Ebel als Präsident beerbt.

Achmet Öztürk, der Wirt aus dem "Elvan", hätte nichts gegen eine neue Lichtgestalt einzuwenden. Seine Speisekarte liest sich langsam wie die Zimmerbelegung eines Altersheims für Ex-Kicker. Er sehnt sich nach einem, der ihn inspiriert, noch mehr gegrilltes Fleisch zu einem neuen monumentalen Teller-Gericht zusammen zu stellen. Eintracht ist reif für neue Helden.

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Forum - Glaubensbekenntnis - welcher Club liegt Ihnen am Herzen?
insgesamt 1791 Beiträge
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    Seite 1    
1. Schalke ist meine Weltanschauung
chefstratege 20.06.2007
Schalke 04, und zwar völlig unabhängig vom momentanen sportlichen Erfolg. Schalkes Ex-Präsident Günter "Oskar" Siebert sagte einmal zutreffend: "Das Herz von Schalke schlägt in der Brust seiner Anhänger". Ich darf mich dazu zählen, ich habe auf Schalke zeitweise mein Herz und gelegentlich auch Teile meines Verstandes verloren. Mit dem Verstand ist Schalke ohnehin nicht zu fassen. Nirgendwo sonst in Deutschland herrscht soch eine unbändige Fußballbegeisterung, solche eine fanatische Hingabe und solch besessene Vereinstreue. Es gibt keinen Verein, der auch über die lokalen Grenzen hinaus (ich selbst komme auch nicht auch Gelsenkirchen) so viel Gefühl vermittelt und so viele Emotionen hervorruft. Schalke, das ist eben mehr als "nur" ein Fußballverein, eine Art (Fußball-)Weltanschauung, auch für mich!
2.
Klo 20.06.2007
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
SG Calvörde
3.
king.woita 20.06.2007
Einmal Löwe - Immer Löwe München ist Blau
4.
Umberto 20.06.2007
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
Stade Français, weil dort das beste Rugby in meiner "Nähe" gespielt wird.
5.
Carsten31 20.06.2007
Zitat von sysopIm Glaubensbekenntnis schreiben Autoren von SPIEGEL ONLINE aus der Fan-Sicht. Warum haben Sie sich für Ihren Lieblingsverein entschieden?
Falsche Fragestellung. Ein Fan entscheidet sich nicht bewusst für einen Verein. Das ist dem Verlieben sehr ähnlich. Wer sagt schon "Ach, heute verliebe ich mich mal"? :o) Ausserdem kommt der Aspekt der frühkindlichen Prägung noch dazu. Vati/Onkel/Opa etc. schleppt den Kurzen mit ins Stadion und schon ist es geschehen! Momentan arbeite ich mich persönlich an dem Sohn eines Kumpels ab. Trikot hat er schon, jetzt wird ungeduldig gewartet, ihn das erstemal ins Stadion mitnehmne zu können. Der muss früh geimpft werden, damit er sich nicht in die falsche Mannschaft verliebt. Mit einer italienischen Mutter besteht zudem die Gefahr, sich für eine komplett falsche Liga zu erwärmen!!! :o)
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