Von Daniel Theweleit, Duisburg
Es war Roland Kentsch, der kurz vor Mitternacht den ganz großen Bogen spannte: Balsam auf die Seele einer leidgeprüften Stadt sei der Einzug des MSV Duisburg ins DFB-Pokalfinale. "Was wir hier dringend brauchen, ist neues Selbstbewusstsein", erklärte der Geschäftsführer des Zweitligisten in Anspielung auf das Unglück bei der Love Parade vor gut sieben Monaten. Die Stadt habe "gezeigt, wie sie hinter dem Club steht, wie sie versucht, sich davon zu befreien, was hier letzten Sommer passiert ist, das hilft", sagte Kentsch - und schoss damit wohl ein wenig über das Ziel hinaus.
Tatsächlich hatten 30.000 Fußballinteressierte ein eher mittelklassiges, am Ende immerhin spannendes Pokalspiel gesehen, das die Duisburger 2:1 (1:0) gegen Energie Cottbus gewannen. Natürlich wurde gefeiert, wenige Momente nach dem Schlusspfiff hatten die siegreichen Spieler eigens gedruckte Final-T-Shirts übergestreift, Trainer Milan Sasic wurde während eines Fernsehinterviews mit Bier aus einem dieser überdimensionierten Humpen überschüttet, die normalerweise erst zum Einsatz kommen, wenn Titel auch gewonnen wurden. Aber Duisburg ist eben ein kleiner Zweitligist und bejubelte den Einzug ins Berliner Endspiel wie einen großen Sieg. Hier gilt: kleiner Club, großes Gefühl.
Und so waren die Beteiligten in einer Art und Weise berührt, die weit über das Sportliche hinausging. "Da kommt vieles aus der Vergangenheit hoch", sagte Trainer Sasic. Er erzählte noch einmal, wie er 1991 "aus einem glücklichen Leben" vor dem Krieg in Jugoslawien flüchten musste, dreieinhalb Jahre auf einer Baustelle arbeitete und einen Kreisligisten trainierte. Das Finale von Berlin ist die Krönung des Aufstiegs in einem fremden Land.
Wahrscheinlich hatten die Cottbuser sogar einen regulären Treffer erzielt. In der 90. Minute hatte Uwe Hünemeier aufs Tor geköpft, Olivier Veigneau schlug den Ball von der Linie und sagte hinterher: "Ich glaube schon, dass der drin war." Es war wieder mal so ein Moment, in dem der Chip im Ball geholfen hätte, über dessen Einführung das Regelgremium des Weltfußballs am kommenden Samstag entscheiden wird.
Wollitz und die Widrigkeiten des Lebens
Ein Jahr zu spät für die Cottbusser, Trainer Claus-Dieter Wollitz haderte nach dem Abpfiff allerdings mit einer anderen Szene: Schiedsrichter Michael Weiner hatte in der Anfangsphase nach einem Foul von Ivica Banovic an Jiayi Shao im Strafraum auf den Elfmeterpfiff verzichtet. "Das hat er gesehen, das war eine spielentscheidende Situation", unterstellte Wollitz dem Unparteiischen. Der Coach war zutiefst frustriert, die Reise nach Berlin wäre der größte Erfolg seiner noch recht jungen Karriere gewesen. Und einmal in Rage geraten, teilte Wollitz dann auch gegen die Gastgeber aus.
Bei der Ankunft wurden die Gäste von einer Gruppe MSV-Anhänger mit Tritten gegen den Bus und Schlägen gegen die Scheiben empfangen. "Wenn so was in Cottbus passiert, dann gibt es einen Aufschrei in Deutschland", sagte Wollitz und erhob schwere Vorwürfe gegen die Duisburger Polizei. Die Beamten hätten tatenlos zugesehen. "Das war einfach unterirdisch, aber so ist das halt in unserer Gesellschaft, es ist viel Hass drin", sagte er.
Die Arena hatte sich längst geleert, da redete Wollitz immer noch auf seine Zuhörer ein, er referierte über "Moral", über "Leidenschaft" und erhofft sich "eine Trotzreaktion". Nur die Einsicht, dass Energie nach 90 Minuten Fußball der verdiente Verlierer war, fiel ihm schwer. Wahrscheinlich hätte Wollitz im Erfolgsfall erklärt, welch eine weitreichende Bedeutung eine Finalteilnahme für Cottbus, die Lausitz und ganz Ostdeutschland gehabt hätte. Dabei war es doch nur ein Fußballspiel zwischen zwei Zweitligisten.
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