Hattrick-Rekordhalter Michael Tönnies: Der glückliche Pessimist
Vor 22 Jahren schoss sich MSV-Stürmer Michael Tönnies in die Geschichtsbücher: Sein Hattrick gegen den Karlsruher SC ist noch immer der schnellste in 50 Jahren Bundesliga. Doch dann stürzte er ab. Kneipe, Scheidung, 80 Zigaretten am Tag, Lungenemphysem. Er sagt heute: "Ohne die Fans wäre ich nicht mehr am Leben."
Ein Leben, zwei Daten: Am 27. August 1991 machte Michael Tönnies das Spiel seines Lebens. Am 6. April 2013 begann für ihn so etwas wie die zweite Halbzeit.
Tönnies hat zuvor "acht Scheißjahre" durchgemacht, sagt der frühere Stürmer des MSV Duisburg im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: 2005 wurde bei ihm ein Lungenemphysem festgestellt, eine chronische Erweiterung der Lunge; ständig hatte er Atemnot, die Luft konnte nicht entweichen. Bei Tönnies war die Krankheit genetisch bedingt, sagt er selbst. Trotzdem tat er alles dafür, dass es fast eskaliert wäre.
Wenn er vom 27. August 1991 spricht, klingt er fasziniert und ratlos zugleich. "Da brachen alle Dämme", sagt er. Die dafür verantwortliche Naturgewalt war er selbst: Der "Tornado", wie ihn Fans und Medien nannten, schoss an diesem Abend fünf Tore beim 6:2 gegen den Karlsruher SC, drei davon in fünf Minuten. Bis heute ist es der schnellste Hattrick der Bundesliga. Es war der Höhepunkt einer Fußballerkarriere, die eigentlich schon vorbei war.
Als Tönnies Ende 1986 als 27-Jähriger zum damaligen Amateur-Oberligisten MSV Duisburg kam, war er schon beim FC Schalke 04 und bei Rot-Weiss Essen gescheitert. Doch beim MSV schoss der Stürmer in 179 Spielen 101 Tore, den Verein von der 3. zurück in die 1. Liga und sich selbst in die Herzen der Fans.
Erst Bundesliga, dann Kneipe
Der gebürtige Essener war ein Fußballer vom alten Schlag - samstags erst Fußballspielen und dann "steil gehen", ab in die Kneipe. "Ich bin in Kneipen großgeworden", sagt Tönnies. Von Ernährungsplänen und Enthaltsamkeit hielt er nichts. Während sein Mannschaftskollege Ewald Lienen vor dem Spiel in der Kabine meditierte, steckte er sich in der Dusche eine Zigarette an. Nach seinem Karriereende rauchte Tönnies bis zu 80 Zigaretten am Tag. Hinzu kamen private Probleme, seine Ehe ging in die Brüche. "Es gab Tage, da wollte ich nur noch einschlafen und einfach nicht mehr wach werden", erzählt er.
Im August 2011 befragte ihn ein Journalist zum 20. Jubiläum seines Rekord-Hattricks. Tönnies erzählte wieder einmal von diesem 27. August, aber auch von seiner Krankheit und einer überlebenswichtigen Operation. Der damals 51-Jährige brauchte eine neue Lunge, sonst würde er keine 60 mehr, hatten ihm die Ärzte gesagt. "Aber ich bin ein Angsthase und glaube, dass es sowieso nichts wird", sagte er damals im Interview.
Tönnies war immer ein Spieler gewesen, kein Kämpfer. Doch kaum jemand der MSV-Fans wusste, wie schlecht es um ihren einstigen Helden wirklich stand. Im Fanforum starteten die Anhänger daraufhin einen Aufruf: Jeder sollte schreiben, was ihm der "Dicke" bedeute. Daraus wurde ein 60-seitiges Album. Auch frühere Mitspieler von Tönnies beteiligten sich, sie schickten Fotos und Widmungen.
Als eine kleine Gruppe von Fans Tönnies das Album in seiner Essener Stammkneipe überreichte, war er überwältigt. Es war ihm nicht klar, dass er ihnen noch so viel bedeutet, an seine erfolgreichste Zeit als Fußballprofi beim MSV hatte er lange nicht mehr gedacht. "Ich hatte ja alles Positive ausgeblendet", sagt er.
Das Spenderorgan war beschädigt
Langsam fasste Tönnies wieder Mut - und fing endlich an zu kämpfen, diesmal um sein Leben. Er ließ sich für eine Spenderlunge listen. Ende 2012 wurde er ins Transplantationszentrum nach Hannover gebracht, doch das Spenderorgan war beschädigt. "Beim ersten Mal war es schrecklich", sagt er. Dreimal wurde er nach Hannover gerufen. Dreimal wurde er wieder nach Hause geschickt. "Beim vierten Mal habe ich gedacht, da passiert eh nichts, da war ich ganz locker und dann ist es passiert."
Das war am 6. April 2013. Ein Samstagnachmittag. "Wie früher, wenn Bundesliga war", sagt Tönnies.
Ein Leben, zwei Sätze. Nach seinen fünf Toren beim 6:2 gegen Karlsruhe hatte er einem Fernsehreporter geantwortet: "Ich hatte das Glück, das ein Torjäger braucht." Über den 6. April 2013 sagt er: "Ich hatte das Glück, dass einer gestorben ist, der meine Werte hatte."
Aber er glaubt auch: "Ohne die Fans wäre ich nicht mehr da." Als der Verein in diesem Sommer nach dem Lizenzentzug vor dem Absturz in den Amateurfußball stand, besuchte Tönnies die Anhänger, die sich fast täglich vor dem Wedaustadion trafen. Vor einigen Wochen verkaufte er im Fanshop Tickets und schrieb Autogramme. Er wollte sich bedanken - bei den Fans und beim MSV, der nun wieder in der 3. Liga spielt.
So wie damals, als Tönnies nach Duisburg kam. "Ich will dem Verein helfen, aus der ganzen Scheiße wieder rauszukommen", sagt er. "Man darf nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwinden." Weder als Verein noch als Mensch. Tönnies weiß das nur zu gut.
Lesen Sie hier Teil 1 der SPIEGEL-ONLINE-Serie zu 50 Jahren Bundesliga: "Die Helden der Redaktion"
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