DVD-Rezension: Zwischen Karrierekick und -knick

Von Jan Reschke

Profi werden: Welcher junge Fußballer träumt nicht davon? Das Filmprojekt "Hauptsache Fußball - Junge Profis auf dem Weg ins Spiel" zeigt, wie schwierig und hart der Weg nach oben ist. Und gibt sonst so rare Einblicke, wie die Szene funktioniert.

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Bayern-Profis Müller (l.) und Badstuber: Durchbruch gelungen

Niclas Heimann ist Torwart. Er hat beim FC Chelsea gespielt und ist nun bei Red Bull Salzburg unter Vertrag. Zwei klangvolle Namen in der europäischen Fußballszene. Und dennoch werden von dem 20-Jährigen allenfalls absolute Fußball-Experten gehört haben. Im Filmprojekt "Hauptsache Fußball - Junge Profis auf dem Weg ins Spiel" ist er eine der Hauptpersonen.

Die Dokumentation will einen Einblick in die schwierige Alltagssituation junger talentierter Fußballer geben, im Angesicht der Perspektive Profigeschäft oder Provinz. Das gelingt ihr vortrefflich, was vor allem an den vielen gut ausgewählten Charakteren liegt. Vielen ist gemein, dass sie nicht direkt im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen, aber dennoch die Basis des Profigeschäfts bilden.

Wie Berater Jörg Neblung, der unter anderem den verstorbenen Robert Enke betreut hatte, Bayern-Co-Trainer Hermann Gerland, Schalkes Nachwuchsleiter Oliver Ruhnert oder die Trainer Hannes Wolf (Borussia Dortmund) und Dariusz Wosz (VfL Bochum). Aber auch prominente Persönlichkeiten aus der Szene kommen zu Wort wie Bayerns Manager Christian Nerlinger, Leverkusens Verteidiger Stefan Reinartz oder Gladbachs kürzlich entlassener Trainer Michael Frontzeck.

Erfrischend authentische Antworten

Der Film macht deutlich, wie viele Faktoren über eine erfolgreiche Fußballkarriere entscheiden können und wie verschlungen die Entscheidungswege sein können, bei welchen Vereinen die jungen Profis landen werden.

Hat man den richtigen Berater? Ist der Trainer für die Entwicklung eines Spielers geeignet? Im Fall von Torwart Heimann kann für seine Zusage an einen Club sogar der Torwarttrainer ein wichtiges Argument sein. Und was passiert überhaupt, wenn ein junger Fußballer das Interesse eines größeren Vereins geweckt hat? Auf all diese Fragen liefert der Film erfrischend authentische Antworten, was vor allem an der Nähe liegt, die der Film, der nur auf DVD erscheinen wird, zu den beteiligten Personen schafft.

Immer wieder besucht das Filmteam Torwart Heimann, dessen Vater, ohne den keine Vertragsfrage entschieden wird, und Berater Neblung. Wenn die drei zusammensitzen und über die Karriere des jungen Keepers diskutieren, wird der Entscheidungsprozess wunderbar plastisch dokumentiert.

In anderen Szenen kann man erahnen, wie schmal der Grat zwischen Profilaufbahn und Amateuren ist. Wenn der 22 Jahre alte Torhüter Robin Himmelmann zur U23 des FC Schalke 04 wechselt und dort bei den Profis Nationalkeeper Manuel Neuer im Tor steht, bekommt man ein gutes Bild davon, wie eng der Kanal ist, durch den er es in die Profi-Elf schaffen muss.

Einer, der es geschafft hat, ist Holger Badstuber vom FC Bayern München. Auch der 22-Jährige ist eine der Hauptpersonen der Dokumentation. Er ist das Paradebeispiel für einen jungen Fußballer, der es nach ganz oben geschafft hat - trotz eines Schicksalsschlags. Sein Vater Hermann war Jugendkoordinator und A-Junioren-Trainer beim SSV Ulm 1846 und starb 2009 an Krebs. Die Gespräche mit Coach Gerland, einem engen Freund der Familie Badstuber, über den Tod von Hermann Badstuber liefern Eindrücke, wie man sie aus Sportschau oder Spiel-Übertragungen im Fernsehen sonst nie bekommen würde.

Bleibt die Entwicklung aus, ist der Traum schnell vorbei

Während die Inhalte den Film absolut sehenswert machen, so ist deren Verknüpfung doch etwas lose. Einen roten Faden kann man bei dem Projekt nicht erkennen. Auch fragt man sich, was der Besuch beim Finale der Champions League in Madrid plus An- und Abreise in dem Film zu suchen hat. Hier scheint es, als wäre ohnehin vorhandenes Material einfach mitverwertet worden. Das Ganze stört das mit 140 Minuten plus Bonusmaterial lange Filmerlebnis jedoch nicht nachhaltig.

Der Film ist für Fußballfans, die gerne mal über den Tellerrand des eigenen Clubs hinausblicken und generelle Entwicklungen verfolgen, ein absolutes Muss. Allein das Gespräch mit Bayern-Trainer Hermann Gerland, das ungeschnitten im Bonusbereich zu finden ist, liefert viele persönliche Eindrücke, die dem so straff durchorganisierten Mediensport Fußball sonst abgehen.

Eine Sache macht dieser Film aber auch nachdrücklich deutlich: Er zeigt, wie austauschbar die Nachwuchsspieler sind. Zwar betonen sämtliche Beteiligten immer wieder, dass die Entwicklung der jungen Akteure das zentrale Anliegen ist. Klar wird aber, dass bei deren Ausbleiben der Traum ganz schnell vorbei ist.

Fazit: Auf jeden Fall anschauen.

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