Dynamo Dresden Warum die Fans gerne das Doppelte bezahlten

Einige Fans von Dynamo Dresden haben dem Klub einen zweifelhaften Ruf eingebracht. Im Alltag jedoch arbeiten Anhänger und Verein konstruktiv zusammen, wie ein Auszug aus dem Fußballbuch "Fieberwahn" zeigt.

Fans von Dynamo Dresden
DPA

Fans von Dynamo Dresden


Es gibt viele Gründe, die Dresdener Fanszene problematisch zu finden. Dass sich in ihr eine stattliche Anzahl an Hooligans und rechtsgerichteten Fans befindet, ist Fakt. Fakt ist aber auch, dass Tausende in Sippenhaft genommen werden, die als "ganz normale Fußballfans" wahrgenommen würden, wenn sie statt dem gelb-schwarzen Trikot der Dresdner eines der Dortmunder Borussen anhätten, bei denen die Probleme ja auch ins Verhältnis zur Gesamtzahl der Fans gesetzt werden.

In Dresden sind Heimspiele Pflichtveranstaltungen - für den Rentner, der mit Rührung im Blick die Vereinshymne "12. Mann" mitsingt, bis zur Familie mit Kindern. Von dem jungen Mann mit Dreadlocks und dem Shirt "Love Dynamo, hate racism", der am Albertplatz in der alternativen Neustadt in die Straßenbahn steigt, bis zur Klientel aus dem Nobelviertel Weißer Hirsch, wo an den Laternenmasten ebenfalls die Dynamo-Aufkleber prangen. Als Volkspartei gilt, wer alle Bevölkerungsschichten anspricht. Somit wäre Dynamo ein Volksverein - bei Dynamo setzen sie auf die Mitbestimmung der Fans und Mitglieder. Und auf das, was den Verein seit 1953 ausmacht.

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Fieberwahn

Wie der Fußball seine Basis verkauft

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Die U17 trainiert Cristian Fiél, ein Ex-Profi, der den Fans im Gedächtnis geblieben ist. Typen wie Fiél strahlen etwas aus, das sie vom Gros der anderen Profis unterscheidet, die im einen Sommer kommen und im nächsten gehen. Der 37-Jährige spielte von 2010 bis 2015 für Dynamo, er kann genau beschreiben, was seinen Verein ausmacht. "Einmal waren wir fast schon abgestiegen und sind mit dem Bus zu einem Heimspiel gefahren. Da waren die Straßen voll mit Fans, alles leuchtete von den Bengalos. Tausende wollten uns zeigen, dass sie auf uns zählen. Wer da nicht rausgeht und sagt: 'Jetzt wollen wir's wissen', der hat seinen Beruf verfehlt", sagt er. "Tradition wird hier jeden Tag gelebt. Das merkt man schon, wenn man eine halbe Stunde durch die Stadt geht."

Oder wenn man mit dem Manager redet. Ralf Minge war bereits lange Jahre Dynamo-Fan, ehe er mit 19 Jahren erstmals für die erste Mannschaft auflief. Natürlich kann so jemand verstehen, dass Menschen, für die der Verein so wichtig ist, dass sie Mitglied werden, darüber mitreden wollen, was mit ihrer Herzensangelegenheit passiert. "Mittags ist Pressekonferenz, nachmittags triffst du die aktive Fanszene oder die Ultras und abends hast du noch Sponsorentreffen." Unnützer Ballast, würde man vielleicht anderswo sagen, schließlich könnte man in der Zeit jede Menge einsame Entscheidungen treffen.

"Ohne aktive Fanszene wären wir längst platt"

Dabei ist die Einbeziehung der Basis kein nettes Entgegenkommen. Sie ist im ureigenen Interesse eines Vereins, den es ohne seine Fans vielleicht nicht mehr gäbe - da unterscheidet sich Dynamo Dresden nicht von Union Berlin, dessen Fans die "Alte Försterei" in insgesamt 140.000 Stunden ehrenamtlicher Eigenarbeit umbauten.

Oder vom FC St. Pauli mit seiner "Retter"-Kampagne, die Millionen in die Kasse brachte. "Ohne die aktive Fanszene wären wir heute schon längst platt", sagt Minge. Da wäre das Benefizspiel gegen den FC Bayern im August 2015, damals stimmten auch alle Fanvertreter für eine Verdopplung der Ticketpreise. Ein Stehplatz kostete also 29, ein Sitzplatz bis zu 90 Euro - alles für Dynamo.

Genau wie bei den beiden Sonderumlagen, bei denen die Mitglieder fast einstimmig dafür stimmten, ihren eigenen Jahresmitgliedsbeitrag zu verdoppeln. Allein durch diese Aktion kamen noch mal 1,2 Millionen Euro in die Kassen. Wenn Minge die Einbeziehung der Fans so offensiv verteidigt, dann auch, weil sie sich nichts anmaßen, von dem sie nichts verstehen: Über Transfers entscheidet auch bei Dynamo nur die sportliche Leitung. Den Fans geht es um andere Dinge, um das, was den Verein ausmacht, was das Auf und Ab im Liga-Alltag überdauert.

Bisher hat die Basis noch nie ein Vorhaben scheitern lassen, das den Verein wirklich weiterbringt. So wird Dynamo sein Trainingszentrum ins Ostragehege verlegen. Das Areal ist die angestammte Heimat des kleineren Ortsrivalen DSC. Dass die Profis bessere Trainingsbedingungen brauchen, war aber auch den Dynamo-Fans klar. Und siehe da, es passierte etwas, das die Kinds, Hopps und Mateschitze der Liga wohl nie für möglich halten würden: 98 Prozent winkten auf der Mitgliederversammlung die Umzugspläne durch. Wenn man seine Basis als Basis sieht und sie nicht als "Kunden" entmündigt, dauert es vielleicht manchmal etwas länger, bis eine Entscheidung gefallen ist, doch dafür wird sie dann auch von allen mitgetragen.

Dies ist eine gekürzte Version des Textes. Die ungekürzte Version und viele weitere Texte lesen Sie im Buch "Fieberwahn" (192 Seiten) von Christoph Ruf, erschienen im Verlag Die Werkstatt.



insgesamt 11 Beiträge
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phoenixcp 19.10.2017
1. Faktenfrage
Sehr geehrter Autor Für den Satz "Dass sich in ihr eine stattliche Anzahl an Hooligans und rechtsgerichteten Fans befinden, ist Fakt." haben sie doch sicher auch Belege, mit welchen sie ihre Fakten untermauern können, oder? Im Vergleich zu anderen Vereinen dürften die Zahlen (sofern es denn belastbare Zahlen überhaupt gibt) recht gering ausfallen. Alleine das Spiel am letzten Samstag stand unter dem Motto "Love Dynamo, hate Racism" und wurde vom Verein mit einem Auflaufen in entsprechenden Sondertrikots unterstützt. Der Großteil der aktiven Fanszene war ebenso in dieses Sondertrikots gekleidet. Ich behaupte frei heraus, das es keine belastbaren Zahlen gibt sondern sie hier wieder mit einer groben Pauschalisierung auf den Verein losgehen. Was das Fanprojekt und der Verein in den letzten Jahren geleistet und bewegt haben, wird regelmäßig unter den Tisch gekehrt. Um dies auch mal mit belastbaren Zahlen zu belegen: Dynamo Dresden musste in der Saison 2015/2016 Strafen in Höhe von 50.500€ für Vergehen seiner Anhänger zahlen. Um in der zweiten Liga zu bleiben, andere Vereine zum Vergleich: - Fortuna Düsseldorf: 55.000€ - Kaiserslautern: 55.000€ - Braunschweig: 56.000€ - Nürnberg: 98.000€ (Quelle: http://www.kicker.de/news/fussball/bundesliga/startseite/655974/2/slideshow_dfb-strafen_diese-20-klubs-mussten-am-meisten-zahlen.html) In der ersten Liga kamen in der selben Saison mehrere Vereine auf Strafen von über 100.000€, ohne das deren Anhänger so offen unverblümt mit einer "stattlichen Anzahl" von Hooligans und Rechten in eine Ecke gestellt wurden. Aber auf Dynamo hackt man diesbezüglich schon so lange herum, da kann einmal mehr ja nicht mehr schaden... Ich würde mir wirklich wünschen, das die Arbeit des Vereins, des Fanprojektes und der Fans auch mal in einem angemessenen Rahmen gewürdigt wird. Zu Heimspielen ist die Bude immer voll, die Zahl der Auswärtsfahrer ist selbst bei langen Anreisen immer beachtlich. Derartige Fakten kehrt man aber gerne unter den Tisch.
taugenichts84 19.10.2017
2. Dynamo und der Vandalismus
Vielleicht könnte man die Mehreinnahmen ja mal für die Beseitigung der "Fankultur"/Vandalismus innerhalb Dresdens und dem Umkreis von 200 Kilometer nutzen? Das würde zumindest meine Akzeptanz gegenüber Dynamo vergrößern und mein alltägliches Fremdschämen reduzieren.
elwoodblues1969 19.10.2017
3. Endlich mal
ein positiver Artikel über Dynamo. Man glaubt es ja kaum das so etwas noch möglich isr
lancerfoto 19.10.2017
4. Leider
Zitat von elwoodblues1969ein positiver Artikel über Dynamo. Man glaubt es ja kaum das so etwas noch möglich isr
kein wirklicher Artikel, sondern lediglich ein Auszug aus einem Buch. Mit einem sachgerechten, journalistisch ehrlichen Artikel tut sich der SPON - wie bei vielen ehemaligen "Ostvereinen" - sehr schwer.
maurerxxx 19.10.2017
5. Mehreinnahmen nutzen!
Mehreinnahmen nutzen, um die erforderlichen Einsätze der Polizeien zu bezahlen, wäre eine sinnvolle Maßnahme!
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