Razzien gegen Dynamo-Fans Böller, Pyrotechnik, Schlagring

Die Großrazzia gegen die Dresdner Ultra-Szene wirft Fragen auf. Für Ermittlungen wegen Landfriedensbruch war der Polizeieinsatz merkwürdig überdimensioniert.

Dresden-Fans am 14. Mai in Karlsruhe
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Dresden-Fans am 14. Mai in Karlsruhe


Am vergangenen Dienstag spielte sich in Dresden ein Szenario ab, wie man es bei der Verfolgung von Schwerverbrechern oder Terroristen kennt, das im Fußball-Kontext aber äußerst ungewöhnlich ist. Im Morgengrauen filzten 370 Polizeibeamte aus zwei Bundesländern insgesamt 35 Gebäude in der sächsischen Landeshauptstadt. Es handelte sich dabei um Geschäftsräume und Wohnungen von Fans des Zweitligisten Dynamo Dresden. Ihnen wird die Organisation eines Fanmarsches vorgeworfen, bei dem Böller geworfen wurden.

Auf viele Beobachter in Dresden wirkt der Polizeieinsatz überdimensioniert. Fans und Sozialarbeiter fragen sich, ob es bei den Razzien bei Mitgliedern der Ultragruppe "Ultras Dynamo" (UD) tatsächlich nur um den Vorwurf des Landfriedensbruchs und Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz ging. Politiker verurteilen das Vorgehen. So sagte Valentin Lippmann, innenpolitischer Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Sächsischen Landtag: "Ich heiße die Vorfälle in Karlsruhe nicht gut, erwarte jedoch gerade mit Blick auf die wichtige Arbeit der Fanprojekte Ermittlungen mit Augenmaß."

        Polizeirazzia in Dresden
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Polizeirazzia in Dresden

Tatsächlich fielen am Rande des Zweitligaspieles Karlsruher SC gegen Dynamo Dresden besorgniserregende Dinge vor. So wurden am Ende eines Fanmarsches, bei dem alle 1500 Teilnehmenden Tarnfleck-Kleidung trugen, die Einlasskontrollen überrannt und ein Getränkestand geplündert. 21 Polizisten wurden verletzt, einige leiden noch heute unter den Folgen wie etwa Knalltraumata durch Böller.

Schwerer verletzt wurde allerdings niemand, weder die Besitzer des Getränkestands noch Ordner erstatteten Anzeige. Der nachhaltigste Eindruck vom 14. Mai 2017 ist wohl der eines verstörenden, uniformierten Auftritts, der das Motto "Krieg dem DFB" illustrieren sollte.

Deshalb stellt sich die Frage, worum es bei den Razzien überhaupt ging. Von den Behörden hört man dazu Erstaunliches: "Wir haben keinen Tatverdächtigen, von dem wir konkret sagen könnten, dass er Pyrotechnik geworfen hat", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Die "Sächsische Zeitung" wunderte sich: "Die Aktion erzielte die gewünschte Aufmerksamkeit, ob sie jedoch ein Schlag gegen kriminelle Fußball-Schläger ist, darf bezweifelt werden."

Dresden-Fans in Karlsruhe
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Dresden-Fans in Karlsruhe

Denn gefunden wurde bei den Razzien relativ wenig: "Zum Teil verbotene" Böller, Pyrotechnik, ein Schlagring. Das Ergebnis dürfte ähnlich ausfallen, wenn man in einer x-beliebigen anderen Stadt 28 Fans ins Visier nimmt. Dafür wurden bei fast allen Durchsuchten Laptops und Handys konfisziert. Zudem haben die Behörden in den vergangenen Wochen mit großem Aufwand versucht, die Organisationsstruktur von "UD" nachzuzeichnen.

Tobias Wagner, Sprecher der Karlsruher Staatsanwaltschaft, sagte dann auch, dass sich das "Verfahren gegen die mutmaßlichen Organisatoren und Kommandeure des Marsches" Mitte Mai richtet. Und das offenbar unabhängig davon, ob die für Straftaten verantwortlich sind oder nicht. Von den Durchsuchungen waren jedenfalls auch Fans betroffen, die gar nicht in Karlsruhe waren oder sich dort nichts zu Schulden kommen ließen - so wie der langjährige Vorsänger der Gruppe "UD", der während des - von der Polizei genehmigten - Fanmarsches sogar mehrfach zur Mäßigung aufgerufen hatte.

So erscheint auch die exzessive Datensammelei beim DFB-Pokalspiel der Dresdner in Freiburg am 25. Oktober vor dem Hintergrund der Razzien in einem neuen Licht. Damals war eine Teilsperrung der Autobahn vorgenommen und alle Autos mit sächsischen Kennzeichen zum Teil stundenlang gefilzt worden. Hunderte Fans erreichten das Spiel stark verspätet oder gar nicht. Solche Maßnahmen sind eigentlich nur im Zuge der Gefahrenabwehr erlaubt. Die Freiburger Polizei war vorab informiert worden, dass viele "Problemfans" gar nicht vor Ort sein würden. Betroffene Fans behaupten, dass es der Polizei schon damals nur um die Vorbereitung der Razzien und das Sammeln möglichst vieler Daten ging. Zwei der betroffenen Dynamo-Fans sowie die Polizei kommen hier zu Wort.

Protokoll Mario H., 52 Jahre alt
Ich war mit meinem Sohn und drei seiner Freunde in Freiburg. Eineinhalb Kilometer vorm Stadion wurden wir von der Polizei gestoppt und mussten uns hinter anderen Autos mit sächsischen Kennzeichen einreihen. Eine kurze Personenkontrolle, hieß es. Doch die Zeit verstrich, ohne dass sich das Geringste tat.

Der Anpfiff rückte immer näher. Ich fragte einen Fan, der weiter vorne war, ob er wisse, was los sei: "Wir stehen hier seit über einer Stunde", sagte er. "Das Spiel könnt ihr vergessen." Das wollte ich aber nicht einsehen. Wir haben zwei Tage Urlaub genommen und sollten dann das Spiel verpassen? Ich schloss das Auto ab und ging mit meinem Sohn und seinen Freunden zur Straßenbahn. Ein Polizist hielt uns an. Meine geäußerte Vermutung, dass die Kontrollen nur dazu dienten, uns nicht zum Stadion zu lassen, hat er nicht dementiert.

Unsere Kontrolle wurde dann vorgezogen, die Ausweise geprüft. Und obwohl das Spiel schon begonnen hatte, durften wir danach immer noch nicht los. Obwohl nichts gegen uns vorlag, obwohl nichts im Wagen gefunden wurde. Einigen Polizisten konnte man richtig anmerken, dass ihnen ihr Einsatzbefehl peinlich war. Einer hat sich bei uns auch entschuldigt. Unsere Ausweise bekamen wir nach der elend langen Kontrolle immer noch nicht wieder. Stattdessen wurden wir von vorne und hinten fotografiert. Wie in einem Western, mit Schild vor der Brust. Ich fragte eine Polizistin, auf welcher Rechtsgrundlage man hier arbeite. Ihre Antwort war lustig: "Sie können sicher sein, dass wir eine rechtliche Grundlage haben." Welche, wisse sie aber nicht.

In der 37. Minute waren wir dann endlich im Stadion. Im Block herrschte Totenstille. Mir zeigt das wieder, was im deutschen Fußball schief läuft. Während die wirklichen Gewalttäter oft mit lächerlichen Strafen davonkommen, werden Menschen gedemütigt, deren Verbrechen ist, für den gleichen Verein zu sein wie ein paar wenige Spinner. Ich stehe seit Wochen im Kontakt mit der Freiburger Polizei und will eine Garantie, dass meine Daten gelöscht werden. Nicht, dass ich irgendwann zu einer EM fahre und an der Grenze gelte ich als "Gewalttäter Sport".

Immerhin haben sie mir jetzt schon bestätigt, dass gegen uns nichts vorliegt und nie etwas vorlag. Löschen muss man unsere Daten in Baden-Württemberg aber erst, wenn alle Ermittlungen abgeschlossen sind.
Protokoll Niklas F., 21 Jahre alt
Ich war mit Freunden vor Ort. Geparkt haben wir einige hundert Meter vom Stadion entfernt. Auf dem Weg dorthin trafen wir auf andere Dynamo-Fans, kaum am Stadion angekommen, wurden wir von der Polizei umstellt. Die Personalien wurden aufgenommen, dann wurden wir "videografiert".

Ich habe mehrfach höflich gefragt, was denn los sei. Keine Antwort. Jedoch ließen Kommentare der Beamten darauf schließen, dass das Ganze eine Rache für das Spiel in Karlsruhe sein soll. Die mir bekannten Leute aus der Gruppe haben dort jedoch keinen Mist gemacht, viele waren nicht mal vor Ort. Wir bekamen jedenfalls in Freiburg einen Platzverweis und Stadtverbot, da angeblich Pyrotechnik in unseren Autos gefunden worden sei. Interessante Begründung, denn unsere Autos waren gar nicht durchsucht worden - vielleicht weil sie ein Hamburger Kennzeichen hatten?

Dann mussten wir sogar in den Stadionknast. Das sei eigentlich komisch, wenn unsere Personalien bereits aufgenommen seien, sagte uns dort ein Polizist.

Es war nicht das einzige Mal, dass bei der Polizei die linke Hand nicht wusste, was die rechte tut. Während später ein Polizist sagte, unsere Daten seien verloren gegangen, meinte eine Beamtin, man habe draußen nicht genügend Laptops. Beide wussten jedenfalls nicht, wo unsere gerade erhobenen Daten abgespeichert worden waren. Also nochmal Personalausweis raus und alles abgetippt.

Teile der Gruppe wurden erneut fotografiert und nach ihrer Handynummer befragt. Eine Stunde nach Spielende durften wir dann endlich raus aus der Zelle und wurden von Beamten zu unseren Autos begleitet. Die wurden dann etwa 20 Minuten gefilzt. Gefunden wurde nichts.
Auszug aus der Pressmitteilung der Freiburger Polizei
Am 25.10.2017, fand im Zeitraum von 20:45 Uhr bis 22:30 Uhr die Fußballbegegnung SC Freiburg - Dynamo Dresden statt. Die Vorspielphase, das Spiel und die Nachspielphase wurden polizeilich begleitet.

Im Vorfeld des Spiels kam es bei der Anreise der Gästefans noch auf der Autobahn zum Einsatz von Pyrotechnik und zur Sachbeschädigung durch Graffiti. Bei durchgeführten Personenkontrollen wurde in Fahrzeugen Pyrotechnik und Vermummungsmaterial aufgefunden. Bei Einlasskontrollen wurde weiteres Vermummungsmaterial und Pyrotechnik aufgefunden und sichergestellt.

Im Hinblick auf diesen Umstand sowie polizeilicher Erfahrungswerte entschloss sich die Polizei im Rahmen von Kontrollen angereiste Fangruppen von insgesamt rund 170 Personen, von denen zahlreiche polizeibekannt waren und die aufgrund ihres Auftretens in der Vergangenheit als problematisch eingestuft wurden, zu überprüfen. Hierbei wurde weitere Pyrotechnik, Vermummungsmaterial, Messer und Schutzbewaffnung (z.B. Mundschutz) aufgefunden. Personen und Teilgruppen, bei denen keine weiteren Überprüfungen erforderlich waren, konnten so zeitig aus der Kontrolle entlassen werden, dass sie noch rechtzeitig zu Spielbeginn im Stadion waren.

Bei den anderen nahmen die Überprüfungen mehr Zeit in Anspruch, sodass ein rechtzeitiger Besuch im Stadion zu Spielbeginn nicht mehr möglich war. (...)

Ebenfalls in den Blickpunkt der Beamten gerückt ist das Dresdner Fanprojekt selbst. Die Staatsanwaltschaft betonte, dass die "Büroräume des Fanprojekts nicht untersucht" wurden (sondern nur der von Fans genutzte Bereich), doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Denn ursprünglich hatten die Beamten genau das vor. Doch Fanprojektleiter Torsten Rudolph bestand darauf, vorher den zuständigen Staatsanwalt zu sprechen, der dann zumindest die Dienstrechner der Mitarbeiter für tabu erklärte. Alle anderen Räume wurden anschließend durchsucht.

In einer Stellungnahme des Fanprojekts heißt es: "Nachhaltige pädagogische Arbeit kann nur dann funktionieren, wenn sie in einem geschützten Rahmen stattfinden kann." Aus Vertraulichkeit könne so Vertrauen wachsen. Und weiter: "Die kritische Auseinandersetzung mit Fehlverhalten, aber auch die Stärkung von positiven Kräften erfordert ein hohes Maß an Sensibilität und Nähe zu unserer Zielgruppe, allen jugendlichen Fußballfans." Dafür waren die Maßnahmen sicher nicht förderlich. Das Fanprojekt hat Rechtsmittel gegen die Durchsuchung der Büroräume eingelegt.



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mahatma99 11.12.2017
1. Merkwürdig überdimensionierter Artikel
Hallo Herr Ruf, in Ihrem Artikel in der Neues Deutschland vom 16.5.2017 schreiben Sie zu den Geschehnissen rund um das Hinspiel vom 14.5. in Karlsruhe: "Um die Massen an Bengalos und grünen Rauchtöpfen ins Stadion zu bringen, die in der ersten Halbzeit von den Dresdnern gezündet wurden, wurden lange vor Anpfiff der Partie die Ordner am Gästeblock überrannt. Später wurde der Versorgungsstand im Gästebereich geplündert. Das scheint zum Hobby einiger Dynamo-Fans zu werden." Zitat Ende. Da reist offensichtlich eine Horde von Gesetzeslosen durch die Lande, stürmt Kontrollposten und plündert nach Belieben, verletzt Polizeibeamte, zündet haufenweise Pyrotechnik, gefährdet damit weitere Unbeteiligte und das offensichtlich nicht zum ersten Mal. Und dann fragen Sie sich, warum bei der Durchsuchung von 35 Gebäuden und Wohnungen je gut 10 Beamte eingesetzt wurden und halten das für überdimensioniert? Obendrein ist Ihr Artikel stark tendenziös (Polizeibeamte filzen nicht, Sie durchsuchen).
StonyBrook 11.12.2017
2. Schwerer verletzt wurde allerdings niemand
Aus dem Artikel: "21 Polizisten wurden verletzt, einige leiden noch heute unter den Folgen wie etwa Knalltraumata durch Böller. [...] Schwerer verletzt wurde allerdings niemand." Ganz im Ernst: Das muss sich eine Gesellschaft nicht bieten lassen. Wir schicken unsere Beamten in solche Situationen. Die sind da nicht zufällig (wie die Opfer einiger Terroranschläge), die sind da auch nicht freiwillig (wie Hooligans, die sich zum Schlagabtausch treffen), die sind da, weil Sie einen Einsatzbefehl erhalten. In letzter Konsequenz von uns. Und die Verharmlosung ist eine Frechheit. Was muss denn passieren, damit ein Angriff auf Polizisten inakzeptabel wird? Bleibende Schäden? Ich finde durchaus nicht alles super, was an Polizeieinsätzen läuft, und ich kann auch zivilien Ungehorsam (gewaltfrei) nachvollziehen, aber jede Form von Gewalt gegen Polizisten muss deutlich als rote Linie erkannt werden. Wo das nicht funktioniert, ist ein entsprechendes Durchgreifen notwendig. Hier ist doch nicht der Polizeieinsatz das Problem, sondern 1500 Idioten, die gerne Krieg spielen.
jpmontoya 11.12.2017
3. Sehr bedenklich
Danke für den bericht, das sind Dinge, die die breite Öffentlichkeit sonst gar nicht bemerken würde. Ich bin einigermassen beunruhigt, was da für geisterfahrer in den Behörden unterwegs sind. Der Fan war vor dem Kommerz da, wer das nicht begreift, sollte sich vom Fussball fernhalten
Georg E. 11.12.2017
4. komisch......
sonst ist die sächsische Polizei und Justiz doch bekanntermaßen auf dem rechten Auge megablind. Und jetzt sag keiner, das die Mehrheit der Dynamo Ultras nicht dem rechtsextremen Spektrum angehört. Die paar wenigen, die es vielleicht nicht sind, haben sich jedenfalls noch nicht durch Distanzierung von ihren rechten Kameraden hervorgetan. Daher frage ich mich was wollte die Polizei dort? Plötzlicher Anfall von rechts-links Schwäche?
naal 11.12.2017
5. Waren sie dabei?
Sicherlich war der Auftritt martialisch. Aber es ging auch darum auf die Belange der Fans aufmerksam zu machen. Zu den Fakten: Es gab keinerlei Anzeigen in Karlsruhe. Von dem beschädigten und verwüsteten Ständen existieren keinerlei Bilder. Es gab keinerlei Verletzten die ein Arzt aufgesucht haben, keine Polizisten wurden krank geschrieben. Alles Dinge die leider bei wirklichen Randalen vorkommen. Das Pyrotechnik gezündet wurde stimmt, passiert im Rahmen von Fußball aber sehr häufig. Auch gibt es in Deutschland ständig unterjährig Feuerwerk, allerdings von Profis. Die meisten Unfälle passieren aber Silvester und komischerweise nicht im Stadion. Insgesamt war der Auftritt im Military Look mit NVA Trabi und Marschtrommeln sicherlich der Sache nicht dienlich, weil er das Klischee des rechten Dynamo Hools perfekt bedient. Aber am Ende geht es darum, dass im Fußball Zuviel um die Vermarktung im TV und das große internationale Geld geht. Die Zeiten von 11 Freunden aus der Region sind sicher auch vorbei, aber deswegen muss man nicht alles gut heißen was aktuell passiert. Und die Dynamo Fangemeinde ist groß und sehr vielseitig. Das Dresden auch schwarze Schafe hat steht außer Frage. Aber im Zusammenhang mit den DFB Gesprächen hat die aktive Fanszene von Dresden viel bewirkt. Und die Durchsuchungen waren mit Kanonen auf Spatzen geschossen, wäre was gefunden wurden, hätten wir es erfahren. Es geht eher darum die Leute einzuschüchtern.
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