Problem-Klub Dresden Plötzlich normal

Was ist mit Dynamo Dresden los? Der Problem-Klub schreibt plötzlich positive Schlagzeilen: Sportlich und finanziell läuft alles bestens. Und auch die Fans heimsen fast nur noch Lob ein.

imago/Picture Point

Die Assoziationsketten rasselten, kein Wunder. Wenn Dynamo Dresden gegen den 1. FC Magdeburg spielt, klingt das als Begriffspaar ähnlich harmonisch wie Nitro und Glyzerin. Und tatsächlich gab es nach dem Spiel Schlagzeilen. Nur dass sie diesmal nichts mit der Randale zu tun hatten, die man für den Ost-Klassiker Ende Oktober prognostiziert hatte. Es gab nämlich keine.

Stattdessen präsentierten die Dynamo-Anhänger zum Derby eine Choreographie, die als größte Europas in die Geschichte einging: Eine 450 Meter lange Fahne, gespannt über drei Tribünenseiten. Mehr als 20.000 Euro kostete die Aktion, an der Hunderte Fans über zweieinhalb Jahre gewerkelt hatten.

Jahrelang wurden die Fans von Dynamo Dresden überregional nur als Problem gesehen, als Krawallmacher, die vom DFB alle paar Wochen sanktioniert wurden.

Und jetzt das: Seit Monaten fahren die Dynamos wie gehabt zu Tausenden ihrer Mannschaft hinterher und - noch wichtiger - auch wieder zurück, ohne Schlagzeilen zu produzieren. Und beim Spiel, bei dem zuvor selbst Vereins-Insider Bauchschmerzen hatten, werden statt gereckter Fäuste 15.000 Quadratmeter Stoff präsentiert. "Es hat sich vieles zum Positiven verändert", freut sich Geschäftsführer Robert Schäfer. "Viele sagen jetzt: 'Es ist vielleicht nicht besser, aber auch nicht schlechter als bei anderen Vereinen."

"Schluss mit den Ausreden"

Im September saß Schäfer auf einem von "Radio Dresden" veranstalteten Podium mit "Lehmi". Der Vorsänger ("Capo") von "Ultras Dynamo" ließ dabei durchblicken, dass die ein oder andere schlagzeilenträchtige Fan-Aktion der Vergangenheit auch intern kritisiert worden sei. "Die Jungs legen sich dann drei Wochen unter die Bettdecke. Und ich sitze dann am Tag drauf beim Robert und muss versuchen, die übelsten Einschnitte zu verhindern."

Schäfer selbst hatte noch im vergangenen Winter gewarnt, es müsse "Schluss mit den Ausreden sein," nach dem Auswärtsspiel in Rostock war mal wieder ein Geisterspiel verhängt worden. In dieser Spielzeit hat er noch keine Ausreden gebraucht, es kostet schließlich auch genug Energie, immer wieder zu betonen, dass man trotz all der Siege nicht die Bodenhaftung verliere. Bei elf Punkten Vorsprung auf den Zweiten müsste man sich schon selbst ein Bein stellen, um den Aufstieg in die Zweite Liga noch zu verstolpern.

"Wir richten unsere Spielweise nicht danach aus, ob wir zu Hause oder auswärts spielen", berichtet Justin Eilers, der in 16 Saisonspielen 14 Mal getroffen hat. Trainer Uwe Neuhaus, der zuvor sieben Jahre bei Union Berlin gewirkt hat, ist bei Fans, Journalisten und Offiziellen dann auch gleichermaßen anerkannt: "Der Trainer hat ein Gespür dafür, was die Leute hier erwarten", sagt Schäfer, der noch mehr Positivnachrichten parat hat: 27.700 Zuschauer kommen im Schnitt zu den Heimspielen, Zweitligisten wie der SV Sandhausen schaffen nicht mal ein Viertel davon.

Auch finanziell gelang ein Paradigmenwechsel. Dynamo überlebte die Jahrtausendwende dank eines Millionen-Darlehens des Medienunternehmers Michael Kölmel. Seither muss der Verein Jahr für Jahr zehn Prozent der Fernsehgelder an ihn abtreten. Doch nun ist ein Ende in Sicht: Ende der Saison soll das Kölmel-Darlehen von etwa fünf Millionen zurückgezahlt sein, dank der letztjährigen Erfolge im DFB-Pokal, eines Benefizspiels gegen die Bayern, einer Mitgliederumlage und der Reduzierung der Stadionmiete konnte man einen Gewinn von 3,4 Millionen Euro präsentieren.

Einbindung von Fans und Mitgliedern

Trotzdem wäre es naiv zu glauben, dass all die Schläger und Rassisten, die das Image des Vereins jahrelang geprägt haben, nun zum Handball gehen. Im Stadion treten sie zwar kaum noch in Erscheinung, doch bei den Anti-Flüchtlings-Kundgebungen in Freital oder bei Pegida-Märschen kann man immer wieder kräftige Männer mit Dynamo-Utensilien beobachten.

Sehr zum Leidwesen von Robert Schäfer: "Wer bei solchen Veranstaltungen mit unserem Wappen auf dem Sweatshirt aufläuft und Mitglied ist, verstößt gegen die Satzung. Das geschieht ja auch bewusst, ich glaube nicht, dass diese Menschen nur einen einzigen Pulli im Schrank haben."

Auch damit "diese Menschen" nicht wieder in der aktiven Fanszene an Einfluss gewinnen, will Schäfer die Fans stärken, ohne die der Verein wohl längst in der Bedeutungslosigkeit verschwunden wäre. "Wir stehen im Wettbewerb mit Vereinen, die von Sponsoren und Investoren dominiert werden. Da erzeugt unser Weg als demokratischer Traditionsverein Identifikation."

Fans und Mitglieder einzubinden sei keine Gefahr, sondern eine Chance, "vorausgesetzt, die Gespräche laufen geordnet ab - und nicht nachts auf irgendwelchen Raststätten. Es wird bei uns auch nicht passieren, dass Stadionverbote zur Verhandlung stehen." Glaubt man Justin Eilers, wird das Dynamo-Image aber sowieso längst von den Leuten geprägt, die im Stadion den Ton abgeben: "Ich habe Kumpels aus Braunschweig, die sind bei fast jedem Heimspiel hier und schwärmen dann zu Hause von Dresden."



insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
spon-facebook-1261351808 21.11.2015
1. Normal?
Man möge nur zu einem beliebigen Spiel der Mannschaft gehen, dann sieht man, dass sich der rechte Mob dort nur so tummelt. Dieses Phänomen findet sich aber in ganz Sachsen...
wo_ist_all_das_material? 21.11.2015
2.
Jetzt gibt es nur noch einen Club in gelb-schwarz, der für seine Anhänger berüchtigt ist. Erstaunlich, wie wenig im Vergleich über die ständigen Böllerwürfe Dortmunder Fans und die vom Verein tolerierten rechtsradikalen Umtriebe in Umfeld und Anhängerschaft des Clubs berichtet wird!
L_P 21.11.2015
3. xxx
xxx
spon-facebook-1478821279 21.11.2015
4. PeGiDa
Es besteht die Möglichkeit, dass Dynamo Hools ein anderes Hobby im öffentlichen Raum Dresdens gefunden haben.
wo_ist_all_das_material? 21.11.2015
5.
Jetzt gibt es nur noch einen Club in gelb-schwarz, der für seine Anhänger berüchtigt ist. Erstaunlich, wie wenig im Vergleich über die ständigen Böllerwürfe Dortmunder Fans und die vom Verein tolerierten rechtsradikalen Umtriebe in Umfeld und Anhängerschaft des Clubs berichtet wird!
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