Von Christoph Ruf
Dynamo Dresdens Geschäftsführer Christian Müller hat genug: "Das hat mit Fußball nichts zu tun." Müller meint die Ausschreitungen von Dresdner Anhängern beim Auswärtsspiel in Kaiserslautern, wo Busse attackiert wurden - die Details sind bei SPIEGEL ONLINE und in vielen Foren nachzulesen: "Zahlreiche Leute und auch Kinder wurden durch Glassplitter im Gesicht verletzt", heißt es, "einen circa 70-Jährigen haben sie fast durch die gesplitterte Scheibe rausgezerrt." Gullydeckel, Steine und Verkehrsschilder seien geworfen worden. Dresdner Rowdys seien "in die Shuttle-Busse eingedrungen" und hätten "wahllos auf die Insassen eingeprügelt".
Am Mittwoch haben die Gremien des Clubs nun einen "Vier-Punkte-Plan" beschlossen, der eine harte Bestrafung all der Straftäter vorsieht, die ermittelt werden können. "Diese Leute haben das Recht verwirkt, je wieder ein Fußballspiel sehen zu dürfen", sagt Müller SPIEGEL ONLINE. Als zweite Maßnahme soll die Fanbetreuung deutlich aufgestockt werden. Punkt drei sieht für drei Auswärtsspiele den Verzicht auf Tickets vor, parallel soll mit den aktiven Fans ein Verhaltenskodex erarbeitet werden.
Diese Signale sollen dafür sorgen, dass "Dynamo mal wieder ein gerngesehener Gast in anderen Stadien sein kann". In Punkt vier wollen die Verantwortlichen indes hart bleiben: Den Protest gegen den Ausschluss aus dem DFB-Pokalwettbewerb in der kommenden Saison will Dynamo aufrechterhalten. Der Verein wartet nach wie vor auf ein Signal, wie er die wiederholten Vorfälle im und außerhalb des Fanblocks hätte verhindern können und sieht sich zu unrecht an den Pranger gestellt.
Kritik an später Spielansetzung und Polizei
Das Ausmaß an Gewalt in Kaiserslautern hat auch die überrascht, die zu jedem Spiel ihrer Mannschaft fahren. In den Reihen von Ultras Dynamo, der führenden Dresdner Ultra-Gruppe, herrscht Nachdenklichkeit und Frust. Offenbar hatten sich wieder einmal viele Leute unter die 4000 Auswärtsfans gemischt, von denen auch Tage nach den Vorfällen niemand so recht zu wissen scheint, woher sie kamen.
In diesem Zusammenhang muss auch gefragt werden, ob die Spielansetzung - Freitagabend um 20.30 Uhr - glücklich und die Polizei gut vorbereitet war. Dresdner Fans, die in den Bussen saßen, als die Scheiben barsten, berichteten, sie hätten die Notrufnummer gewählt, seien dort aber nicht ernst genommen worden ("Beruhigen Sie sich"). An vielen Brennpunkten seien keine Beamten gewesen. Die Kaiserslauterer Polizei stellt die Dinge anders dar: "Nur mit starker Präsenz und konsequentem Einschreiten konnten die Situationen bereinigt werden", sagt Einsatzleiter Franz-Josef Brandt, der von "äußerst aggressiven Dresden-Fans" spricht.
Schlägertrupps aus Kleinstädten sonnen sich im Krawall-Image
"Das Problem", sagt Korinna Dittrich vom Dresdner Fanprojekt, ist, dass Dynamo Fans in ganz Deutschland hat." Exil-Sachsen, die ihrem Heimatverein in der Fremde die Treue halten und sich freuen, wenn sie mal "nur" 200 Kilometer zu einem Spiel ihrer Mannschaft fahren müssen. Und Schlägertrupps aus Kleinstädten fernab von Dresden, die mit Dynamo vor allem eines verbinden: ein nachhaltiges Krawall-Image.
"Die kriegen oft nicht das Geringste von den Prozessen mit, die hier ablaufen", sagt Dittrich. "Mit Ultras Dynamo gab es in den letzten Wochen und Monaten viele gute Gespräche", bestätigt auch Dynamo-Geschäftsführer Müller. Der aus dieser Gruppierung bestehende Kern der Fanszene habe intern die Devise ausgegeben, alles zu unterlassen, was dem Verein schaden kann.
Dass Dynamo Fußball-Gewalttäter so sehr anzieht, kommt nicht von ungefähr. Schon zu DDR-Zeiten hatte Dynamo eine große Hooligan-Szene, heute trifft man in Dresdner Kneipen Mittfünfziger, die von legendären "Schlachten mit Belgrad" (Dresdner Fans sorgten 1991 im Heimspiel für einen Spielabbruch) erzählen und stolz darauf sind, dass ihre kampfsporterprobten Söhne das Hobby des Vaters übernommen haben.
"Schlägertruppen aus dem In- und Ausland"
Was die Leute vom Fanprojekt den "verdammtem Mythos" nennen, wirkt nach, Verzahnungen zwischen Fußball und kriminellem Milieu haben sich verfestigt. Im laufenden Verfahren gegen fünf Anführer der Schlägergruppe "Hooligans Elbflorenz" stießen die Ermittler auf ein dichtes Netzwerk aus dem Türsteher- Rocker, Freefighter- und Neonazi-Milieu. In Kaiserslautern seien Reisebusse aus Polen und Ex-Jugoslawien gesehen worden, heißt es in Dresden, wo man "Schlägergruppen aus dem In- und Ausland" am Werk wähnt.
Es rächen sich nun die Versäumnisse der Nachwende-Jahre, als ein Präsidium nach dem anderen die Probleme mit Gewalt und Rechtsextremismus schlicht leugnete. Seit einigen Jahren arbeiten die Dynamo-Führung, die Kommune und das personell bestens ausgestattete deutsche Fanprojekt engagiert die Probleme ab. Und das durchaus mit Erfolg.
So verlaufen Heimspiele der Dresdner weitgehend friedlich. Die Publikumsstruktur ist ungleich durchmischter als noch vor zehn Jahren. Und auch rassistische Sprechchöre waren in Dresden seit längerem nicht mehr zu hören. "Eigentlich läuft hier vieles gerade sehr gut", sagt Korinna Dittrich vom Fanprojekt.
Sie weiß natürlich, dass solche Sätze nach den Ereignissen von Kaiserslautern wie Hohn klingen.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fußball | RSS |
| alles zum Thema 2. Fußball-Bundesliga | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH