Dresdens Sieg gegen Leipzig Gelb regiert die Welt

Dresdens Fanszene produziert in der ersten Pokal-Runde einen beeindruckenden Protest gegen RB Leipzig - und schreit die eigene Mannschaft zu einem überraschenden Sieg.

DPA

Protest hat meistens ein klares Ziel. Wer protestiert, der stört sich an etwas. Der will etwas ändern. Und freut sich umso mehr, wenn all die Mühen, all der Einsatz, der ganze Protest am Ende von Erfolg gekrönt sind.

Und so schmeckte der Sieg nach Elfmeterschießen (5:4) in der ersten Runde des DFB-Pokals über den Bundesliga-Aufsteiger RB Leipzig den Dresdener Fans nur noch süßer. Denn dieses Spiel war keines wie jedes andere. Es war ein mehr als 120 Minuten andauernder Protest, der in dieser Intensität und Lautstärke im deutschen Fußball vermutlich einzigartig war.

Dynamo Dresdens Anhang hatte die Begegnung im Vorfeld zu einer Art Entscheidungsschlacht proklamiert, einem Duell zwischen neureich und alteingesessen, zwischen Reißbrett-Liebe und echter Leidenschaft. Kommerz gegen Tradition. Man verabscheut in Dresden den mit viel Geld erkauften Aufstieg des erst 2009 gegründeten Vereins von Red Bull-Chef Dietrich Mateschitz. Dass die Leipziger ohne Geschichte und gewachsene Fanszene in Rekordtempo am sächsischen Konkurrenten vorbei gezogen sind, macht die Menschen hier wütend.

Massendemonstration in der Kurve

Entsprechend intensiv war die Stimmung zu Spielbeginn. Angeführt von den "Ultras Dynamo", die die Dresdener aufgerufen hatten, komplett in gelber Kleidung zu erscheinen, schrien die Fans im Stadion ihren Frust heraus. Unter anderem mit der Beleidigung "Bullenschweine". Es gab Dutzende Banner mit entsprechenden Botschaften, die zu Beginn der ersten und zweiten Halbzeit entrollt wurden. "Wir sind die, die ihr gerne wärt", lautete eine dieser Mischformen aus Liebesbeweis und Provokation. Die Adressaten, rund 2000 Anhänger aus Leipzig, gaben sich zwar redlich Mühe, hatten aber gegen die Dynamos keine Chance.

Für den RB-Anhang war dieses Spiel, bei all der zum Teil überzogenen Antipathie aus Dresden auch ein Lehrstück dafür, was Fans zu leisten imstande sind. Zur Halbzeit lag Dynamo 0:2 zurück und schien geschlagen. Erst die Gefühlsexplosion nach dem schnellen Anschlusstreffer von Stefan Kutschke (46. Minute, Foulelfmeter) änderte den Spielverlauf.

Ein Sieg der Werte, die Leipzig bedroht

"Wir sind der zwölfte Mann", heißt es in Dynamos Vereinshymne, "auf uns kommt's heute an." Lange nicht mehr hat man so klar beobachten können, welchen Einfluss die Stimmung aus der Kurve auf das Spielverhalten von Fußballern haben kann. Beflügelt von knapp 30.000 Zuschauern, rauschte Dresden gegen die immer müder wirkenden Leipziger zum Ausgleich, in die Verlängerung und schließlich zum Sieg im Elfmeterschießen. Dresdens Fans dürften noch Jahre von dieser Genugtuung zehren.

Als Aias Aosman den entscheidenden Elfmeter verwandelt hatte, drehte das Stadion endgültig durch. Für die Fans war das vor allem ein Sieg der Werte, die sie verteidigen und die sie von RB bedroht sehen. Das gute alte Dynamo hatte den überheblichen Leipzigern ordentlich einen mitgegeben - so sah man das nach Schlusspfiff.

Und während Gelb tatsächlich für einen Moment die Welt zu regieren schien, blieb ein Mann ganz cool. Dresdens Sportdirektor Ralf Minge, der das Spiel stehend hinter den Journalisten verfolgt hatte, war zuvor von den Fans auf einem Spruchband verewigt worden. Welche Bedeutung an diesem Sieg er den Fans zuspreche, wurde Minge gefragt. Hatten Tradition, Liebe, Treue, hatte die Romantik gesiegt? "Ach", antwortete der 222-fache SGD-Trikotträger, "unsere Zuschauer waren überragend wie immer. Aber wir haben uns das auch fußballerisch verdient, nicht wahr?"

Das hatte man bei all dem Wahnsinn fast schon wieder vergessen.



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