WM-Helden '54, '74, '90 "Helmut Schön hätte mich auf den Mond geschossen"

Dreimal wurde Deutschland Weltmeister, drei WM-Helden erzählen nun ihre Geschichten. Im Magazin "547490" erinnern sich Horst Eckel, Bernd Hölzenbein und Guido Buchwald an Bier in Milchflaschen, Terrordrohungen und einen Streit zwischen Freunden, der bis heute nicht geklärt ist.

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Bei der Begrüßung vor dem Interview war die erste Frage unter Fußballern an Horst Eckel: "Und, spielst du noch?" Die Frage war, auch wenn er 82 ist, nicht unberechtigt. Er hat bis 76 gespielt. Hält ihn auch die gesunde Ernährung jung?

Eckel: Das kann ich gar nicht sagen. Ich trinke bis heute nur ein, zwei Gläser Wasser am Tag. Obwohl man heute weiß, der Mensch muss viel trinken. Aber bei uns hieß es damals: Ein Sportler darf nichts trinken. Wir bekamen ganz wenig Wasser. Einige sind dann in der Halbzeit heimlich auf die Toilette, um zu trinken.

Buchwald: Aber ein Bier wurde schon mal getrunken? Der Rolf Geiger, der damalige Klassestürmer vom VfB Stuttgart, soll ja vor der WM 1958 aus dem Aufgebot geflogen sein, weil er im Trainingslager zu viel Bier getrunken hat. Ist das richtig?

Hölzenbein: Wegen Biertrinken nicht nominiert? Gute Ausrede.

Buchwald: Der Geiger war ein genialer Fußballer.

Eckel: Ich kann mich nicht erinnern. Ich habe nur gehört, dass bei der WM 1954, als wir in der Schweiz Weltmeister wurden, einige Spieler Bier in Milchflaschen füllten, damit es nicht auffiel. Aber das habe ich erst später gehört. Ich habe nie bei den Biertrinkern am Tisch gesessen.

Buchwald: Bei uns war es nicht Bier in Milchflaschen, sondern Cola in Kaffeekannen. Cola war während der WM 1990 im Quartier verboten, wegen des hohen Zuckergehalts. Pierre Littbarski lief dann immer mit der Kaffeekanne herum, die er persönlich abgefüllt hatte.

Hölzenbein: Ich habe immer nur brav geschlafen. Es sollen ja 1974 im WM-Quartier in Malente nachts einige schon einmal nach Hamburg ausgebüxt sein. Und nach der 0:1-Niederlage gegen die DDR in der Vorrunde soll Beckenbauer als Mannschaftskapitän Bundestrainer Helmut Schön nahegelegt haben, die Aufstellung zu ändern. Ich weiß von nichts, ich lag im Bett. Ich weiß nur, dass in der nächsten Partie vier neue Spieler reinkamen und ich einer von ihnen war.

Eckel: Hast du nicht vom ersten Tag an bei der WM gespielt?

Hölzenbein: Eingewechselt wurde ich in den ersten zwei Vorrundenspielen. Erst als sich Jupp Heynckes verletzte, übernahm ich seinen Part. Als Heynckes dann zum Finale wieder fit war, machte sein Vereinstrainer Hennes Weisweiler hinter den Kulissen richtig Druck, damit der Jupp wieder ins Team käme.

Buchwald: Oha.

Hölzenbein: Aber Heynckes und ich waren richtig gute Kumpels. Wir vereinbarten, egal, wer von uns beiden spielte, er würde sich zehn Minuten vor dem Ende auswechseln lassen, damit der andere auch im WM-Finale dabei wäre. Wie naiv das war, hatten wir nicht durchdacht. Ich spielte, und zehn Minuten vor Ende führten wir äußerst umkämpft 2:1, die Holländer machten richtig Druck - da war an eine Auswechslung natürlich nicht zu denken. Stellt euch vor, ich wäre da zum Bundestrainer gelaufen: "Herr Schön, Sie müssen mich auswechseln." - "Ja, warum denn?" - "Weil ich mit dem Jupp Heynckes eine Verabredung habe." Der hätte mich auf den Mond geschossen!

Buchwald: Und nicht nur er.

Hölzenbein: Aber Jupp Heynckes war jahrelang sauer, weil ich unser Abkommen gebrochen hätte. Er bestreitet das zwar, aber ich weiß es. Erst vor zwei Jahren habe ich es noch einmal ansprechen wollen, aber er winkte ab, "jetzt hör auf damit!" Er hat mir nie die Chance gegeben, mich zu erklären.

Buchwald: Wie war das 1954 bei Euch mit den Ersatzspielern, Horst, gab es da überhaupt schon Einwechslungen?

Eckel: Die waren noch nicht gestattet.

Buchwald: Und wenn sich der Torwart verletzte?

Eckel: Das kam bei uns zum Glück nicht vor. Sonst hätte einer der Feldspieler ins Tor gemusst.

Das Verhältnis der Ersatzspieler zu denen, die spielen, ist in jeder WM-Mannschaft ein potentielles Spannungsfeld: Die Ersatzleute müssen sich als Teil des Teams geben und fühlen sich oft nur außen vor. Bei der WM 1990 in Italien wartete Teamchef Franz Beckenbauer "jeden Tag darauf, dass es kracht. Aber es kracht nicht." Nur Mannschaftsarzt und Mannschaftskoch seien sich "wegen 0,5 Gramm Kohlenhydraten mehr oder weniger" in die Haare gekommen. Entscheidet die Stimmung im Team eine WM?

Buchwald: Dass wir uns 1990 innerhalb der Mannschaft so gut verstanden haben, war natürlich auch ein Verdienst von Franz Beckenbauer. Der Trainer hat uns an der langen Leine gelassen. Da musste keiner ausbüxen. Wir waren in Erba am Comer See untergebracht, abends sagte Jürgen Klinsmann mal zu mir, "komm wir gehen zum Italiener ins Dorf". Und da saßen dann schon sechs Spieler.

Hölzenbein: Bisschen Wein trinken, schön Pasta essen. Tolle WM.

Buchwald: Ich glaube, es hat zu unserem Erfolg mit beigetragen, dass wir das Leben nebenher auch genossen haben. Da war der See, Italien, das schöne Wetter, und der Franz sagte: "Geht's ruhig raus."

Hölzenbein: Wir waren 1974 von den Terroristen der RAF bedroht, schon allein deshalb durften wir nicht so locker aus dem Trainingslager in Malente rausspazieren. Eine Schifffahrt über den Kellersee war das Höchste der Gefühle. Ansonsten haben wir Tischtennis gespielt. Eine Sparkasse hatte eine Goldmünze im Wert von 1000 Mark für den Sieger des Tischtennisturniers ausgesetzt. Gerd Müller war der ungekrönte König. Ich habe dann gleich im ersten Satz im Schneider gegen ihn gewonnen. Da hat er sich aufgeregt, "das gibt's doch nicht!" Er wusste ja nicht, dass ich im Verein Tischtennis spielte: samstags mit Eintracht Frankfurt in der Fußball-Bundesliga und sonntags mit der TuS Dehrn in der Tischtennis-Bezirksliga. Am Ende, nachdem sich Gerd Müller aufgeregt hatte, hat jeder Spieler von der Sparkasse eine Goldmünze erhalten.

Eckel: Anstand stand bei Sepp Herberger an erster Stelle. Alle paar Tage musste die gesamte Mannschaft im WM-Quartier gemeinsam in den Sitzungsraum: die Post an uns säuberlich beantworten.

Hölzenbein: Das war 1974 auch noch so. Alle für zwei Stunden in einen Raum und die Autogrammpost beantworten.

Buchwald: Wir haben einen Stapel von 500 Autogrammkarten in die Hand gedrückt bekommen und die hatten wir bis dann und dann zu signieren.

Hölzenbein: Man kann 400 Autogramme in einer Stunde schaffen.

Buchwald: Da hast du aber nicht Hölzenbein geschrieben, sondern nur Holz!

Hölzenbein: Ich musste ja mit dem Tempo der anderen neben mir mitgehen.

Eckel: Da herrschte bei uns noch Ordnung. Wenn der Fritz Walter das gesehen hätte, wie die heute schreiben! Die schauen ja gar nicht mehr hin beim Signieren.

Buchwald: Ihr habt vermutlich noch in Druckschrift geschrieben.

Eckel: In Schönschrift mussten wir schreiben. Damit bei jedem Autogramm der Name leserlich war.

Das Interview ist ein Auszug aus einem langen Gespräch, das die Sportjournalisten Hartmut Scherzer und Ronald Reng mit Eckel, Hölzenbein und Buchwald für das WM-Magazin "547490" führten. Weitere Informationen auf der Homepage.



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