HSV-Pleite in Frankfurt Verunglückt

In den Schlüsselmomenten der Partie bei Eintracht Frankfurt gehen dem Hamburger SV die entscheidenden Zutaten früherer Abstiegskämpfe verloren: das Wohlwollen der Schiedsrichter und das Spielglück.

HSV-Spieler nach der Niederlage in Frankfurt
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HSV-Spieler nach der Niederlage in Frankfurt

Von , Frankfurt


Es waren merkwürdige Worte, die Nicolai Müller in den Sinn kamen, als er von seinem Befinden nach der schmerzlichen Niederlage seiner Hamburger bei Eintracht Frankfurt berichtete. "Einfach nur Glück", empfinde er, sagte der Flügelspieler, nachdem sein Team gerade 3:0 verloren hatte. Im Gästeblock mit den Fans aus Hamburg waren Tränen geflossen. Die Chancen, doch noch in der Liga zu bleiben, sind dramatisch gesunken. Müller aber lächelte.

Sein persönliches Glück ist zwar nachvollziehbar, erstmals seit seinem bizarren Kreuzbandriss, den er sich am ersten Spieltag beim Torjubel zuzog, konnte er wieder einige Bundesligaminuten absolvieren. Aber zur dramatischen Situation passte Mülllers Kommentar ebenso wenig wie die Reaktion vieler anderer.

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Abstiegskampf: Tore, Tore, Tore - nur nicht für den HSV

Als die Partie beendet war, ließ die Mannschaft sich von den Fans feiern, niemand sank deprimiert und erschöpft zu Boden, nachdem dieser in den vergangenen Jahren immer wieder im letzten Moment verhinderte Bundesligaabstieg deutlichere Konturen angenommen hatte als je zuvor. "Wir haben immer noch eine Chance. Auch wenn sie kleiner geworden ist, ist sie immer noch da", sagte Aaron Hunt mit einem gewissen Trotz in der Stimme. Nicht einmal ein Gefühl wie Zorn auf den Videoassistenten entwickelten die Gäste von der Elbe.

Führungstor im Kölner Keller einkassiert

Diese Chance hätte nämlich viel größer sein können, nachdem die Hamburger Mitte der ersten Halbzeit in Führung gegangen waren. Tatsuya Ito hatte ein hübsches Tor erzielt, das aber von Günter Perl im berüchtigten Kölner Videokeller annulliert wurde. Das war der "Schlüsselmoment" dieser Partie, sagte Hamburgs Trainer Christian Titz. Fußball sei "ein Emotionsspiel", und in jener 25. Minute schlugen die Emotionen innerhalb weniger Sekunden von süßer Euphorie um in bleierne Enttäuschung.

Mit bloßem Auge war das Abseits nämlich kaum zu erkennen, auch die TV-Bilder blieben schwer interpretierbar, "manchmal lassen sie so was laufen, manchmal nicht", sagte Müller lakonisch. Aber die Gefühle in diesem Moment seien schon "schwierig" gewesen.

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Die Blitztabellen im Internet hatten den HSV ja schon auf Rang 16 geführt, dort, wo sie gerne am Saisonende stehen wollen, obwohl ihnen kaum noch jemand diesen Schritt zugetraut hatte. Doch im Gegensatz zu früheren Jahren, als die Hamburger mehrfach auch dank höchst umstrittener oder gar falscher Schiedsrichterentscheidungen in der Liga blieben, sorgen diesmal vielleicht wirklich die Videoassistenten für einen Zugewinn an Gerechtigkeit.

"Wir müssen uns an die Fakten halten"

Schiedsrichter Deniz Aytekin wirkte jedenfalls sehr zufrieden, als er nach der Partie vor die Mikrofone trat. "Klar, Fußball ist Leidenschaft und Emotion, aber wir müssen uns an die Fakten halten, und die sind eben so, dass es Abseits war", sagte der erfahrene Unparteiische. Wobei den Hamburgern neben dem Schiedsrichterglück an diesem Tag auch das Spielglück fehlte.

In der 67. Minute hatte Bobby Wood eine Bilderbuchtorchance, scheiterte aber am brillant haltenden Frankfurter Torhüter Lukas Hradecky, und zwei Minuten danach traf Douglas Santos mit einem prachtvollen Fernschuss nur den Pfosten. Erst mit Omar Mascarells 2:0 (77.), das Kultspieler Alex Meier nach einjähriger Verletzungspause mit seinem wohl letzten Treffer im eigenen Stadion ergänzte (90.), war die Partie entschieden.

Die Hamburger müssen nun am nächsten Wochenende nicht nur die Borussia aus Mönchengladbach schlagen, die noch auf die Qualifikation für die Europa League hofft, sie sind überdies zwingend auf einen Sieg des 1. FC Köln in Wolfsburg angewiesen. Vor allem die zweite Bedingung für das viel beschworene Wunder erscheint derzeit reichlich utopisch. Der längst abgestiegene Effzeh verliert seit Wochen eine Partie nach der nächsten, erspielte in den in den vergangenen sechs Begegnungen zwei Punkte und kassierte durchschnittlich über drei Gegentreffer pro Spieltag.

Er wisse, "dass es sehr schwer wird, weil wir auf eine Wolfsburger Niederlage angewiesen sind", floskelte Titz am Ende, "aber wir glauben dran, wir geben uns auch nicht auf". Allerdings ist selbst dieser Glaube, den Titz in den vergangenen Wochen so meisterhaft gedeihen ließ, schwer beschädigt am Ende dieses Ausflugs nach Frankfurt.



insgesamt 40 Beiträge
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hamburger.jung 05.05.2018
1.
Heimsieg Glafbach und Sieg von Köln... .forget it. 2.Liga HSV
ATLien 05.05.2018
2. Bei allem Jubel...
sollte man nicht vergessen, dass, mit Ausnahme des 3:2 gegen Schalke, es sehr lange her ist, dass Hamburg gegen ein Team gewann, welches nicht im Tabellenkeller beheimatet ist. Daher war es nicht verwunderlich, dass diese "neue" Siegeslust nach Schalke sowohl bei Hoffenheim als auch bei Frankfurt, welche nicht in diesem Tabellenteil zu finden sind, nicht weiterging. Und auch bei Mönchengladbach ist ein Heimsieg genauso wenig eine sichere Sache.
hileute 06.05.2018
3. Das traurigste an der ganzen Situation ist,
das mich nichtmal wundern würde wenn sie den Klassenerhalt schaffen, obwohl es diesmal praktisch wirklich unmöglich ist. Aber von Wolfsburg kann man nicht erwarten, das sie gegen Köln noch n Punkt holen, schlechter als das was die momentan machen geht's glaub ich wirklich nicht
aurichter 06.05.2018
4. Was dem VfL Wolfsburg
fehlt sind Zuschauer/Fans, die die Mannschaft vergleichbar im Weserstadion von der ersten bis zur letzten Minute nach Vorne peitschen. Nach den Bildern der letzten Wochen kann man dies vermutlich getrost vergessen. Dennoch glaube ich, dass WOB wenigstens den einen Rettungspunkt erkämpft, um dann in der Relegation zu zeigen, dass dort ein Team auf dem Platz steht, auch wenn es dann gegen die Störche geht und der Norddeutsche deshalb auf ein Team weiterhin aus der Region schauen kann. Aber man hat schon Pferde kotzen sehen direkt vor der Apotheke und bei dem Relegationsglück eines HSV kann tatsächlich wieder einmal etwas unerwartetes passieren. Abpfiff 17.15 + x Minuten! In den wirklich letzten 90 min ist schon manch Wunder geschehen.
salkum 06.05.2018
5. die Mär falscher Schiri-Entscheidungen
Leider wird auch in diesem Bericht die Mär der falschen Schiedrichterentscheidungen wieder aufgewärmt. Sicher eine Anspielung auf das KSC-Spiel. Leider wird das immer wieder nachgeplappert. Wer ehrlich zu sich selbst ist, und sich auch nochmal die 'kritischen' Entscheidungen anschaut, wird feststellen, dass der Schiri alles richtig gemacht hatte. Der HSV profitierte in der Vergangenheit nicht mehr oder weniger von Schiedsrichterentscheidungen als andere Vereine. Die Tabelle ist die Wahrheit. Und da steht der HSV eben dieses Jahr 'zu Recht' dort wo er jetzt steht. Das ist nicht das Resultat unglücklicher Umstände. 'Hätte', 'wenn' und 'aber' , in Bezug auf unglückliche Entscheodungen, kann jeder Bundesligist für sich in Anspruch nehmen. Trotzdem: Schafft den Videobeweis ab: Er macht den Fussball kaputt und trägt keinesfalls zu mehr Gerechtigkeit bei. Mit blau-weiss-schwarzem Gruss: Nur der HSV !
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