Frankfurts Trainer Kovac stößt Debatte an Warum fast alle Fußballprofis Schmerzmittel nehmen

Überraschend offene Worte eines Bundesliga-Trainers: Frankfurts Coach Niko Kovac hält Profifußball ohne den Einsatz von Schmerzmitteln für unmöglich. Studien zeigen, dass der Einsatz der Medikamente weitverbreitet ist.

Niko Kovac
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Niko Kovac


Die Belastungen für Profi-Fußballer sind offenbar ohne Medikamente nicht zu stemmen. Das behauptet zumindest Eintracht Frankfurts Trainer Niko Kovac: "Im Fußball geht es ohne Schmerzmittel nicht", sagte der 45-Jährige der "Bild"-Zeitung: Diejenigen, die das denken würden, seien "auf dem Holzweg": "Die Profis verlangen ihrem Körper wirklich sehr viel ab."

Schmerzmittel sind im Fußball weitverbreitet, auch aufgrund ihrer entzündungshemmenden Wirkung. Einer Studie des Fußball-Weltverbands Fifa zufolge hatten bei der WM 2010 in Südafrika 39 Prozent aller Aktiven vor Spielen Schmerzmittel eingenommen. Frühere Studien hatten ergeben, dass bei den Weltmeisterschaften 2002 und 2006 mehr als die Hälfte aller Spieler mindestens ein Mal unter Schmerzmitteln gespielt hat.

Verboten ist der Einsatz von Schmerzmitteln nicht, die Medikamente stehen nicht auf der Dopingliste. Mediziner warnen jedoch schon seit Längerem vor den Nebenwirkungen des übermäßigen Gebrauchs. "Fußballer verlieren während des Spiels über drei Liter Wasser. Dadurch steigt das Risiko schädigender Effekte der Tabletten erheblich an", sagte Arno Lison, bis April 2009 Ärztlicher Direktor am Klinikum Bremen-Mitte, einmal dem SPIEGEL.

"Pillen wie Bonbons"

Vor allem Leber-, Nieren- oder Magenbeschwerden können bei übermäßigem Einsatz von Schmerzmitteln auftreten. Im Leistungssport gibt es laut Lison einen permanenten Schädigungsprozess, "weil zum Beispiel die Fußballer die Schmerzmittel schon prophylaktisch schlucken: vor dem Spiel, in der Pause, nach dem Spiel. Ein Profi hat mir erzählt, sie würden die Pillen wie Bonbons einnehmen".

Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) warnt vor dem Einsatz der Medikamente im Fußball: "Viele Sportler versuchen, anfallende Erholungszeiten durch Medikamente zu beschleunigen, wenn nicht sogar zu umgehen. Die Motivationslage ist verständlich - sie wollen weiterhin 'am Ball' bleiben - doch die Auswirkungen dürfen nicht unterschätzt werden", schreibt der DFB in einem Ratgeber für Trainer auf seiner Internetseite.

"Manche Spieler nehmen entzündungshemmende Medikamente sogar, um eventuell auftretenden Schmerzen vorzubeugen. Die möglichen Nebenwirkungen sind dabei meist nicht bekannt oder werden leichtsinnig ignoriert", heißt es in dem Ratgeber weiter: "Da belastete Strukturen weiterhin beansprucht werden, anstatt sie sinnvollerweise zu schonen, wird die Verletzung oftmals verschlimmert und die damit einhergehende Regenerationszeit nimmt zu."

Über den Einsatz der Schmerzmittel wird in der Branche selten geredet. Nur ab und zu erzählen Profis davon, dank medikamentöser Hilfe fit für wichtige Spiele gemacht worden zu sein, Schalkes Max Meyer zum Beispiel. Oder Jermaine Jones, der 2009 nach einem Ermüdungsbruch und Entzündungen im rechten Schienbein monatelang Schmerztabletten schluckte: "Vor jedem Training eine, an den Spieltagen zwei –und manchmal auch mehr." Umso erstaunlicher sind Kovacs offene Aussagen.

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bka



insgesamt 12 Beiträge
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dosmundos 02.03.2017
1.
Ist ja jetzt nicht wirklich überraschend. Und sicherlich nicht nur im (Profi-)Fußball so. Drei Aspirin zum Abschluss eines langen Wettkampftags, wenn es schon an der einen oder anderen Stelle zwickt, aber das Finale noch ansteht? Wer die Situation nicht kennt, hat noch nie ernsthaft Amateursport betrieben...
rst2010 02.03.2017
2. also doch kein
großer unterschied zu den gladiatoren im alten rom. für die unterhaltung der masse ruinieren sie sich die gesundheit. gegen nicht zu wenig geld und etwas ruhm.
andreios 02.03.2017
3. Erstaunen
Erstaunen tut das doch sicher niemandem.Alles was nicht explizit verboten ist wird auch konsumiert, gerade unter der starken konkurrenz situation. Wer ausfällt hat meist scshon die nachfolger im nacken. Wer länger ausfällt nimmt in zukunft vielleicht ein verrein beim wechsel nur unter geringern bezügen wieder. Ja sie verdienen viel, verlangen aber auch einiges von ihren körpern, siehe dominguez.
Subco1979 02.03.2017
4. Sehr gut
dass das mal von einem prominenten Insider aufgegriffen und in Medien mit hoher Reichweite publiziert wird. Es ist zudem davon auszugehen, dass nicht nur Fussball und nicht nur der Profiteil einer Sportart von dieser schrecklichen, selbstzerstörerischen Unsitte befallen ist. Leider wird ausser einem echten Verbot der Einnahme solcher und ähnlicher Medikamente zumindest im Profi- und Profinahen Bereich nichts Wirkung zeigen: Es geht um viel Geld und Ruhm. Gerade Menschen aus schwierigeren Verhältnissen werden wirklich alles tun, um es zum Erfolgsprofi zu schaffen.
Mr. K 02.03.2017
5. Und das nennt man jetzt nicht Doping?
Mal abgesehen davon, dass sich der Neuigkeitswert in Grenzen hält, wo ist der Unterschied zum Doping? Einzig der Fakt, dass die Mittel nicht auf einer Liste stehen? Man mag mich korrigieren, aber ist es nicht so, dass die Fußballer, die solche Mittel nehmen (müssen), eine sportliche Leistung erbringen, die sie ohne dieses "Medizin" nicht bringen könnten? Die ganze Doping-Debatte ist an Scheiheiligkeit kaum zu überbieten. Wenn man es etwas nüchtern sieht, hat Schuhmann mit seiner Freigabe Forderung ganz recht, auch wenn das die meisten in der Sportwelt nicht wahr haben wollen.
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