Eintracht Frankfurt vor der neuen Saison Köln als schlechtes Vorbild

Trainer weg, mehrere Leistungsträger weg, Doppelbelastung: Eintracht Frankfurt steht nach einem Erfolgsjahr vor einer schwierigen Saison. Das Team erinnert an Köln - und sollte deshalb gewarnt sein.

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Der Lauf des Mijat Gacinovic zum 3:1 im Pokalfinale gegen den FC Bayern, die Bierdusche für Trainer Niko Kovac auf der Pressekonferenz, Tausende Fans auf dem Frankfurter Römer: Die letzten Eindrücke der vergangenen Eintracht-Saison waren die einer riesigen Party. Der gesamte Verein, die ganze Stadt strahlten eine einzige Euphorie aus. Kein Wunder, bedeutete der Sieg im DFB-Pokal doch den ersten Titelgewinn seit 30 Jahren.

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DFB-Pokalfinale: Rebic ist der neue Détári

All das erinnerte sehr stark an den Saisonabschluss eines anderen Bundesligisten nur ein Jahr zuvor: der Platzsturm im Müngersdorfer Stadion nach dem entscheidenden Sieg gegen Mainz, die Bierdusche für Trainer Peter Stöger, Ausnahmezustand in der Kölner Innenstadt. Kein Wunder, war der 1. FC Köln doch gerade zum ersten Mal nach 25 Jahren in den Europapokal eingezogen. Frankfurt-Fans werden diesen Vergleich vor der neuen Saison nicht gerne ziehen - stieg doch Köln am Ende einer Horrorsaison in die zweite Liga ab.

Das Phänomen Europapokal und Abstiegskampf ist nicht neu: Ob Mainz, Hertha oder Augsburg - immer wieder haben Vereine gespürt, wie schwer es ist, nach einer großartigen Saison und neben viel Euphorie auf europäischer Bühne im Ligaalltag Punkte zu sammeln. Frankfurt selbst nahm zuletzt 2013/2014 an der Gruppenphase der Europa League teil - und landete in der Bundesliga auf Platz 13. Die Eintracht ist also gewarnt. Und trotzdem spricht vieles dagegen, dass der Verein eine ruhige oder gar ähnlich erfolgreiche Saison wie in der vergangenen Spielzeit abliefern wird.

Viele Führungsspieler verlassen die Eintracht

Da sind zum einen die bisherigen Frankfurter Sommertransfers. Wenn die Eintracht am Sonntagabend (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF) im Supercup erneut auf den FC Bayern trifft, sind vier Leistungsträger aus der Vorsaison nicht mehr dabei: Torwart Lukas Hradecky (zu Bayer Leverkusen) und Kevin-Prince Boateng (zentrales Mittelfeld, US Sassuolo) verließen den Verein ablösefrei, für Flügelspieler Marius Wolf (Borussia Dortmund) und Omar Mascarell (defensives Mittelfeld, über Real Madrid zum FC Schalke) erhielt Frankfurt immerhin noch insgesamt knapp zehn Millionen Euro.

Kevin-Prince Boateng bei der Pokalfeier
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Kevin-Prince Boateng bei der Pokalfeier

Die bisherigen Zugänge stammen zum Teil aus der europäischen Zweitklassigkeit. Innenverteidiger Evan N'Dicka kommt aus Auxerre (Ligue 2), der defensive Mittelfeldspieler Lucas Torró spielte zuletzt bei CA Osasuna (La Liga 2). Der Ex-Bremer Felix Wiedwald verlässt Leeds United (englische Championship) und Nicolai Müller kommt vom abgestiegenen Hamburger SV. Mit Frederik Rönnow wechselt auch ein Torwart aus einer ersten Liga nach Frankfurt, er verlässt Brøndby IF (dänische Superligaen). Chico Geraldes (offensives Mittelfeld, zuletzt Rio Ave FC) und Goncalo Pacienca (FC Porto) sind zwei Zugänge aus der portugiesischen ersten Liga.

Damit scheint die Stärke des aktuellen Kaders noch weit entfernt zu sein von der vergangenen Spielzeit. Frankfurt hat allerdings noch finanziellen Spielraum und könnte nachlegen. Trotzdem ergibt sich hier schon jetzt die nächste Parallele zu den Kölnern: Der FC hatte vor einem Jahr mit Anthony Modeste seinen besten Mann verloren.

Zwar hatte kein Spieler in Frankfurt eine so hohe Bedeutung für sein Team, wie Modeste sie für den FC hatte: Der Franzose erzielte 25 der 51 Kölner Ligatore, Jhon Córdoba konnte diese Lücke zu keinem Zeitpunkt füllen. Und Frankfurt behält mit Sébastien Haller sogar seinen besten Torschützen. Aber durch die Vielzahl an wichtigen Abgängen dürfte der Einschnitt bei den Frankfurtern sogar noch größer sein als in Köln.

Frankfurt verlor schon im Saisonfinale die Konstanz

Hinzu kommt: Bei allen Parallelen sprechen selbst die Unterschiede zwischen Köln und Frankfurt nicht gerade für die Eintracht. In seiner Erfolgssaison trat Köln über die gesamte Saison sehr konstant auf. Frankfurt hingegen schwächelte im Saisonfinale bedenklich, gewann nur eins der letzten sieben Ligapartien und verlor fünf. Damit verspielte die Eintracht die Europa-League-Qualifikation über die Liga und schaffte den Einzug nur durch den Pokalsieg.

Niko Kovac
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Niko Kovac

Die Schwächephase ging einher mit den Diskussionen um den Wechsel von Trainer Niko Kovac zu den Bayern - was zum nächsten Unterschied im Vergleich zu Köln führt. Der FC ging mit seinem Erfolgstrainer Peter Stöger in die nächste Spielzeit. Das sprach gegen den plötzlichen Absturz - und trotzdem kam er. Frankfurt hingegen verliert nicht nur wichtige Spieler, sondern auch Trainer Kovac, der das Team innerhalb eines Jahres von einem Abstiegskandidaten zu einem Europapokal-Kandidaten und Pokalsieger geformt hatte.

Nun hat Adi Hütter übernommen. Ein Trainer, dem mit der Schweizer Meisterschaft für Young Boys Bern die wohl noch größere Entwicklung einer Mannschaft gelungen ist. Dennoch ist die Bundesliga eine neue Herausforderung. Wie Eintracht unter dem neuen Coach funktionieren wird, bleibt zunächst eine Unbekannte.

Adi Hütter
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Adi Hütter

Köln holte nach seinem Erfolgsjahr zu Beginn der neuen Spielzeit einen Punkt aus den ersten sechs Spielen, erzielte nur ein Tor. Die letzten Bilder der Saison: ein enttäuschtes Team, das sich in Wolfsburg in die zweite Liga verabschiedet. Die Eintracht kann nun im Anschluss an ein großartiges Jahr direkt den nächsten Titel gewinnen, wieder gegen die Bayern. Im Moment spricht aber viel dafür, dass die Bilder am Ende der kommenden Frankfurter Spielzeit eher der Kölner als der eigenen Vorsaison ähneln werden.

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der_dr_Nickel 12.08.2018
1. Ach herrje...
...bei der Saisonprognose der Sponredaktion im letzten Jahr, waren die Adlerträger noch als sicherer Absteiger genannt. Hmm, könnte dieses Jahr scheinbar was mit der CL werden, wenn es danach geht ;-)) Aber wir sind ja nicht die Rothosen(!) und werden jetzt erstmal Spaß in der EL haben, vielleicht stellen wir erneut einen Fan-Rekord bei Auswärtsspielen auf, gucken in der Buli nach hinten und schauen zum Nikolaus wo wir stehen. Die Verstärkungen lassen auf jeden Fall einen freien Fall in Liga HSV nicht vermuten. Darauf einen Äpplewoi.
mangomann 12.08.2018
2. mangomann
...kann diese Lobhuddelei auf Bobic und Hübner nur bedingt verstehen. Was bisher an Transfers getätigt wurde, läuft eher unter erstmal kaufen kaufen kaufen, irgendeiner wird schon einschlagen. Erinnert mich doch etwas an Shopping King Felix Maggath, oder was Bobic in Stuttgart gemacht hat...das Ende ist bekannt. Leihgeschäfte, Ausstiegsklauseln, hohe Trannsferbeteiligungen von Exclubs...klar, wenn man keinen großen finaziellen Spielraum hat, muß man kreativ sein. Aber mal ehrlich, muss man einen Spieler aus der 2. von H96 mit so ner Ausstiegsklausel verpflichten? Bobic macht vieles gut und ich bin froh, dass das sportliche nicht alleine Hübner überlassen wurde. Die zwei haben bei mir aber mit dem stil und würdelosen Umgang mit Alex Meier ganz heftig versch... Wie konnte man nur diesem großen Eintrachtspieler seinen sehnlichsten und vor allem hochverdientem Wunsch einer weiteren Saison verwehren??? Aber sich selber jetzt schön alle 5 Jahresverträge in die eigene Tasche schieben...naja...
Klangstof 12.08.2018
3. Wer kannte denn vorher schon...
...Mascarell (2. Mannschaft Real) und Wolf (2. Mannschaft H96)? Wer hat nicht schon vor dem Prince Boateng Transfer geunkt, dass dieser "Rüpel" doch nix mehr auf der Pfanne hat außer Unsinn und Bad Boy Dasein? Wie war das mit Rebic, der in Leipzig überhaupt nicht klargekommen ist und beim AC Florenz keine Rolle spielte? Luka Jovic von Benfica II ist einer der Top 3 Joker der letzten Saison gewesen mit einer sehr guten Torquote je gespielter Minute, Rebic die fleischgewordenen Ein-Mann-Büffelherde, Haller mit Anpassung in der 1. Saison hat noch enormes Potential als Abschlussspieler etc. Mit Lucas Torro (immerhin auch bei Real ausgebildet) und De Guzman (sehr erfahren und im letzten Drittel der letzten Saison mit guter Form) im Zentrum muss man halt auch neu justieren innerhalb des neuen Spielsystems. Die Eintracht die Scoutingabteilung unter Bobic schon vor 1-2 Jahren extrem vergrößert, mit Spezialisten besetzt, die alle europäischen und globalen Fußballmärkte beobachten und eben Spieler mit Potential längerfristig scouten (die "man" nicht kennt), weil eben gute deutsche Spieler für gewisse Positionen einfach zu teuer sind, da der Markt nunmal inzwischen exorbitante Preise aufruft (Thilo Kehrer, quasi gerade mal aus den Windeln geschlüpft, wechselt z.B. für 37 Mio. Euro von Schalke zu PSG). Das ist eben das Rezept bei der Eintracht. Natürlich erhoffe ich mir auch mehr personelle Kontinuität, aber wenn man es genau nimmt, sind mit dem Prince, Wolf und Hradecky drei Leistungsträger weggebrochen. Mascarell war überwiegend verletzt und hat im Prinzip keine sehr relevante Rolle in der letzten Saison gespielt. Mit Rebic, Jovic, Haller und Paciencia vom FC Porto sind offensiv ja auch keine Blinden unterwegs. Defensiv hat man mit Abraham/Hasebe/Salcedo (in einer 3er Kette) sehr ordentliche Qualität am Start und die offensiven AV Willems/Chandler (oder Da Costa) sind auch guter Buli-Durchschnitt, die offensiven Flügel mit Rebic/Müller nominell gut besetzt, wobei ein offensiver RA noch gesucht wird. Entscheidend ist, ob die Qualität in der Breite ausreicht für die Doppel/Dreifachbelastung und inwiefern Hütter sein Spielsystem implantieren kann (höheres Pressing, besseres Kurzpassspiel als unter Kovac, offensivere Ausrichtung...). Das kann evtl. dauern und heute abend könnte es schiefgehen, aber entscheidend ist für mich die erste Saisonphase bis Spieltag 10. Da erstelle ich mir persönlich einen Report zum Stand der Dinge. Das Beispiel Köln ist ein extremes und wird in der Form wahrscheinlich in den nächsten 20 Jahren so nicht mehr passieren. Ich denke, Bobic hat die Gefahren schon im Blick und es muss nicht immer so sein, wie es die Bedenkenträger (oder SPON) gerne hätte, denn ich erinnere auch an die Saisonprognose von Euch vor 12 Monaten...:)
Jacek G 12.08.2018
4.
"Viele Führungsspieler verlassen die Eintracht" und dann wird ein Wolf erwähnt, der seine erste gute Saison gespielt hat und sehr jugendlich war und noch dazu ein Mascarell, der sehr oft verletzt war und damit selten gespielt hat? Die einzigen Führungsspieler, die die Eintracht verlassen haben waren der Prinz und Hradecky. Und der Prinz war gerade mal eine Saison bei der Eintracht und war meist nach 45-60 Minuten platt. Und dann noch Vergleiche mit Köln, die das System Modeste hatten und nix weiteres? Was hat der Text bitte mit der Eintracht zu tun?
Nelkenghetto 12.08.2018
5. so etwas
kann man frühstens zur Rückrunde schreiben und nicht schon bevor das erste Ligaspiel der neuen Saison überhaupt angepfiffen wurde. 96 stand ja damals auch schon wieder insgeheim als Abstiegskandidat fest, und wo stehen sie jetzt?
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