Einzug ins Halbfinale: Deutschland zerlegt Maradonas Elf

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Unheimlich starker Auftritt der deutschen Nationalmannschaft: Das Team von Bundestrainer Joachim Löw deklassierte Argentinien im WM-Viertelfinale. Messi und Co. kassierten vier Treffer - und müssen nun nach Hause fahren.

Deutschland vs. Argentinien: Gala gegen die Gauchos Fotos
dpa

Diego Maradona war völlig fertig, den Tränen nahe. Gestützt von einem Betreuer wankte die Fußball-Legende in die Umkleidekabine. Das 0:4 (0:1)-Debakel seiner Mannschaft gegen Deutschland hat dem 49-Jährigen schwer zugesetzt.

Argentinien hat Schwächen, Argentinien ist verwundbar - das hatte Joachim Löw vor dem Viertelfinale gesagt. Dass seine Spieler die Schwächen der "Gauchos" so deutlich aufdecken würden - das hätte der Bundestrainer wohl nicht einmal zu träumen gewagt. Die DFB-Elf siegte 4:0 (1:0), die Tore erzielten Thomas Müller (3. Minute), Miroslav Klose (68./89.) und Arne Friedrich (74.). "Das ist unglaublich. Ich habe nicht mit einem solch hohen Sieg gerechnet", sagte Kapitän Philipp Lahm unmittelbar nach dem Spiel. "Das ist Wahnsinn", schwärmte Müller.

Mit dem schnellsten Tor dieser WM hatte er Deutschland in Führung gebracht: Nicolas Otamendi hatte Lukas Podolski an der linken Außenbahn gefoult. Den folgenden Freistoß flankte Bastian Schweinsteiger scharf vor das Tor, wo Müller den Ball mit dem Kopf streifte und so Keeper Sergio Romero überwand.

Damit war Argentiniens Konzept über den Haufen geworfen. Maradona stand mit verschränkten Armen an der Seitenlinie, er blickte skeptisch, die ganze Körperhaltung verriet große Anspannung - und die war berechtigt. Denn seine Mannschaft war klar unterlegen.

Wo war eigentlich Messi?

Deutschland dominierte die Partie, spielte ballsicher und kombinierte flüssig, immer wieder konnten die wendigen Müller und Podolski nur durch Fouls gestoppt werden. Vor allem Rechtsverteidiger Otamendi hatte weiter Probleme. In der elften Minute sah er wegen eines Fouls an Arne Friedrich die Gelbe Karte.

Und wo war eigentlich Lionel Messi?

Der vermutlich beste Fußballer der Welt konnte sich nur selten in Szene setzen. Schweinsteiger und Khedira engten die Kreise des Superstars vom FC Barcelona wirkungsvoll ein. Kaum einen Ball konnte Messi in Ruhe annehmen, manchmal ging er in die eigene Hälfte zurück, um Anlauf zu nehmen. Doch Maradonas gefürchtete Offensive fand gegen die deutsche Abwehr kein Mittel - auch Carlos Tévez und Gonzalo Higuaín blieben zunächst ungefährlich.

Dass sich diese Topstürmer jedoch nie völlig ausschalten lassen, wurde in der 22. Minute deutlich: Nach klugem Pass von Messi konnte DFB-Torwart Manuel Neuer den Ball gerade noch vor dem heranstürmenden Tévez abfangen.

Da Argentiniens Offensivstars in der Verteidigung jedoch meist nur zuschauten, blieb der abgeklärten deutschen Mannschaft oft viel Raum zum Kontern. Die beste Chance vergab Klose: Nach einem Querpass von Müller schoss der Bayern-Stürmer aus elf Metern unbedrängt über das Tor (24.).

An der Außenlinie brüllte Löw: "Maaaaaan, Miro!"

In der Folge wurden die Argentinier etwas gefährlicher: Messi drosch einen Freistoß über das Tor (31.), Higuaín scheiterte an Neuer (35.). Vier Minuten später musste Deutschland einen ersten Rückschlag hinnehmen: Müller sah wegen Handspiels vor dem eigenen Strafraum seine zweite Gelbe Karte im Turnier - und ist damit für das Halbfinale am Mittwoch gegen Spanien (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gesperrt.

Nach dem folgenden Freistoß bekamen die DFB-Verteidiger den Ball nicht aus der Gefahrenzone, plötzlich tauchte Otamendi frei vor Neuer auf, stand dabei aber deutlich im Abseits - der Treffer zählte nicht.

Wenn Schweinsteiger ausgespielt war, half Khedira

Nach dem Seitenwechsel geriet die deutsche Mannschaft noch stärker in Bedrängnis: Zu schnell verloren Löws Spieler in dieser Phase den Ball, immer wieder konnten die Argentinier nachsetzen. Doch der Weg zum Tor blieb Messi und Co. verbaut. Mit vereinten Kräften jagten die Deutschen ihm immer wieder den Ball ab. Wenn Schweinsteiger ausgespielt war, halfen Khedira oder Boateng, manchmal sogar Müller.

In der 63. Minute versuchte es Tévez mit einem Schuss aus der Distanz, Neuer parierte sicher. Auch bei einem Versuch von Higuaín aus spitzem Winkel war der Schalker Schlussmann auf dem Posten.

Als der Druck immer größer wurde, schlug das deutsche Team zurück: Müller passte kurz vor dem Strafraum im Liegen auf Podolski, der spielte vorbei an Torwart Romero quer auf Klose - und der 32-Jährige drückte den Ball aus kurzer Distanz über die Linie. Es war sein dritter Treffer im Turnier.

Jetzt schaute Maradona nicht mehr skeptisch. Er schaute besorgt. Fast verzweifelt. Seine Spieler versuchten alles, um den Anschluss zu schaffen. Doch echte Chancen bekamen sie nicht. Ganz im Gegenteil: Es sollte noch schlimmer kommen für die "Albiceleste".

Die Deutschen waren einfach besser

Die DFB-Elf spielte sich wieder in einen Rausch, wie schon gegen Australien (4:0) und England (4:1) gelang nun fast alles. Schweinsteiger dribbelte völlig unbedrängt durch den gegnerischen Strafraum und legte genau im richtigen Moment zurück auf Friedrich - der Innenverteidiger behielt die Nerven und erzielte das erste Länderspieltor seiner Karriere.

Schon zuvor hatte Löw den Hamburger Marcell Jansen für Boateng eingewechselt, nach dem dritten Tor durften auch Leverkusens Toni Kroos (77. Minute für Khedira) und Hamburgs Piotr Trochowski (84. Minute für Müller) noch beim Schaulaufen der jungen und doch so abgeklärten DFB-Mannschaft mitmachen.

Als Maradona schon den Schlusspfiff herbeisehnte, den Tränen nahe, erhöhte Klose auf 4:0. Nach Flanke von Mesut Özil schoss er den Ball per Volley aus kurzer Distanz ins Netz. 14 WM-Tore hat er nun auf dem Konto - so viele wie Gerd Müller. Nur Brasiliens Ronaldo hat noch ein Tor mehr erzielt. Es war ein historischer Schlusspunkt unter eine berauschende Partie.

"Was wir heute in der zweiten Halbzeit gespielt haben - das war klasse. Die Mannschaft hat den Willen von Champions gezeigt", sagte Löw. Tumulte nach dem Schlusspfiff blieben aus - ganz im Gegensatz zum Aufeinandertreffen vor vier Jahren. Diesmal waren die Argentinier faire Verlierer. Sie wussten: Die Deutschen waren einfach besser. Das hatte am Ende auch Maradona eingesehen.

Argentinien - Deutschland 0:4 (0:1)
0:1 Müller (3.)
0:2 Klose (68.)
0:3 Friedrich (74.)
0:4 Klose (89.)
Argentinien: Romero - Otamendi (70. Pastore), Demichelis, Burdisso, Heinze - Maxi Rodriguez, Mascherano, Di Maria (75. Agüero) - Messi, Tévez, Higuaín
Deutschland: Neuer - Lahm, Mertesacker, Friedrich, Boateng (72. Jansen) - Khedira (77. Kroos), Schweinsteiger - Müller (84. Trochowski), Özil, Podolski - Klose
Schiedsrichter: Irmatow (Usbekistan)
Zuschauer: 64.100 (in Kapstadt)
Gelbe Karten: Otamendi, Mascherano - Müller

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Forum - Nationalelf - wie weit kommen Jogis Jungs?
insgesamt 10874 Beiträge
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1. ich tippe auf...
JustinSullivan 02.06.2010
Gruppensieg in der Vorrunde, Sieg gegen die USA im Achtelfinale, dann im Viertelfinale raus gegen Argentinien. Ich schätze Deutschland stärker als England ein, aber schwächer als Argentinien. Witzig wäre also, wenn Deutschland den Argentiniern ausweichen würde, indem sie Gruppenzweiter würden, dann im Achtelfinale die Engländer raushauen und im Viertelfinale auf nen schwaches Frankreich treffen würden. Hätte, wenn und aber... Hauptsache, es wird ein tolles Turnier.
2.
Kourosh 02.06.2010
Ich halte recht viel von dieser jungen Truppe vor allem auf das Mittelfeld bin ich sehr gespannt. Am Ende werden sie wohl gegen die erste abgezockte Truppe rausfliegen auf die sie treffen. Vorraussichtlich wohl so Viertelfinale. Ist aber egal denn das könnte ne echte Gewinnertruppe in 2, 4 und 6 Jahren werden. Freue mich auf feinen Fussball!
3.
deepocean 02.06.2010
Zitat von sysopDer WM-Kader von Bundestrainer Jogi Löw ist komplett. Welche Chancen hat die Mannschaft bei der WM?
einfache frage einfache antwort: Gruppensieg AF: USA VF: Argentinien (und dann wird es wirklich ernst) HF: Spanien (jetzt wird es noch ernster) und es darf gehofft werden;-) etwas weniger einfache antwort, solche fragen machen aus meiner sicht erst sinn nach dem ersten oder zweiten spieltag in der gruppe... jetzt ist es wirklich nur kaffeesatzleserei.... egal was geschieht... DAUMEN DRÜCKEN ist angesagt :-)
4. Wm
pablo morales 02.06.2010
Zitat von KouroshIst aber egal denn das könnte ne echte Gewinnertruppe in 2, 4 und 6 Jahren werden.
^ Das hat man vor vier Jahren nach der WM 2006 auch schon gesagt, und heute sind sie um einiges schlechter als 2006.
5.
JustinSullivan 02.06.2010
" 'Uns ist die Entscheidung nicht leicht gefallen. Andreas hat in den drei Wochen sehr engagiert gearbeitet und gut trainiert. Er hat aber eine durchwachsene Saison gespielt und war einige Male verletzt.' Dann frag ich mich jetzt aufrichtig, aus welchem Grund Klose, Podolski und Gomez mit dabei sind..." Ganz klar deswegen: Klose, Podolski und Gomez haben eine durchwachsene Saison gespielt und waren einige Male verletzt. Aber sie haben in den drei Wochen sehr engagiert gearbeitet und gut trainiert. ;)
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DFB-Kader WM 2010
Tor: Hans Jörg Butt (Bayern München), Manuel Neuer (Schalke 04), Tim Wiese (Werder Bremen)

Verteidigung: Dennis Aogo (Hamburger SV), Holger Badstuber (Bayern München), Jérôme Boateng (Hamburger SV), Arne Friedrich (VfL Wolfsburg), Marcell Jansen (Hamburger SV), Philipp Lahm (Bayern München), Per Mertesacker (Werder Bremen), Serdar Tasci (VfB Stuttgart)

Mittelfeld: Sami Khedira (VfB Stuttgart), Toni Kroos (Bayer Leverkusen), Marko Marin (Werder Bremen), Mesut Özil (Werder Bremen), Bastian Schweinsteiger (Bayern München), Piotr Trochowski (Hamburger SV)

Angriff: Cacau (VfB Stuttgart), Mario Gómez (Bayern München), Stefan Kießling (Bayer Leverkusen), Miroslav Klose (Bayern München), Thomas Müller (Bayern München), Lukas Podolski (1. FC Köln)
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Der endgültige DFB-Kader: Diese Spieler sind bei der WM dabei

Deutschlands WM-Bilanz
1930 nicht teilgenommen
1934 Spiel um Platz drei (3:2 gegen Österreich)
1938 Achtelfinale (2:4 gegen Schweiz)
1950 nicht teilgenommen
1954 Weltmeister (3:2 gegen Ungarn)
1958 Spiel um Platz drei (3:6 gegen Frankreich)
1962 Viertelfinale (0:1 gegen Jugoslawien)
1966 Finale (2:4 n.V. gegen England )
1970 Spiel um Platz drei (1:0 gegen Uruguay)
1974 Weltmeister (2:1 gegen Niederlande)
1978 2. Gruppenphase
1982 Finale (1:3 gegen Italien)
1986 Finale (2:3 gegen Argentinien)
1990 Weltmeister (1:0 gegen Argentinien)
1994 Viertelfinale (1:2 gegen Bulgarien)
1998 Viertelfinale (0:3 gegen Kroatien)
2002 Finale (0:2 gegen Brasilien)
2006 Spiel um Platz drei (3:1 gegen Portugal)
2010 Spiel um Platz drei (3:2 gegen Uruguay)