Einzug ins WM-Achtelfinale Özil schießt Deutschland ins Glück

Es ist geschafft: Die deutsche Nationalmannschaft zieht nach einem harten Kampf gegen Ghana ins Achtelfinale ein. Die Erlösung brachte Mesut Özil mit einem Traumtor aus der Distanz. Jetzt steht dem Team von Trainer Joachim Löw der Klassiker bevor, ein K.-o.-Spiel gegen England - ist es reif dafür?

DPA

Der Mann des Tages jubelte nicht. Er ballte nicht die Fäuste. Er lächelte nicht mal.

Mesut Özil schlug nach dem Schlusspfiff einfach nur die Hände vor das Gesicht, und als er sie wieder wegnahm, starrte er mit leerem Blick in den Himmel. So sehen Sportler aus, die unglücklich verloren haben. Die ihr bitteres Schicksal nicht fassen können.

Tatsächlich konnten Özil und seine Kollegen es offensichtlich nicht fassen - dass sie gerade wirklich gesiegt hatten. Und vermutlich auch, dass sie sich so schwer getan hatten bei ihrem 1:0 (0:0) gegen Ghana. Weil Serbien 1:2 (0:0) Australien unterlag, sind letztlich beide Teams für das Achtelfinale qualifiziert.

"Wir haben zu viel zugelassen und zu viele einfache Fehler gemacht. Daran sieht man, dass die Mannschaft noch jung ist", sagte nach dem Spiel Kapitän Philipp Lahm. "Aber solche Spiele bringen uns nach vorne. Wir können zuversichtlich ins Achtelfinale gehen - und freuen uns auf den Klassiker gegen England."

Joachim Löws Team ist Gruppensieger und steht in der K.-o.-Runde der WM, weshalb für Millionen in der Heimat Özils Siegesschuss ein Schuss ins Glück war. Aber das Auftreten der Mannschaft gibt noch Grund zur Sorge. Wird dieses junge Team im Achtelfinale am Sonntag gegen England (16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) bestehen können? Ein Team, dem es ja immer noch passiert, dass zum Beispiel der Tagessieger Özil in der ersten Halbzeit eine fast hundertprozentige Torchance verschenkt?

Aber dazu später mehr. Von vorn.

Fotostrecke

10  Bilder
Schlaaaaand: Deutschland bejubelt das Achtelfinale

Löw hatte vor dem Anpfiff gegen Ghana eine Überraschung parat: Jérôme Boateng lief links in der Viererkette für den gegen Serbien schwachen Holger Badstuber auf - und traf damit auf seinen Halbbruder Kevin-Prince, der in Ghanas Startaufstellung stand. (Um es gleich zu sagen: Der DFB-Boateng spielte gegen Ghana noch schlechter als Badstuber bei der 0:1-Niederlage gegen Serbien.) Im Sturmzentrum begann erwartungsgemäß Cacau für den gesperrten Miroslav Klose.

Ghanas Mannschaft wusste, dass ihr ein Unentschieden zum Weiterkommen reichen würde - und das war bei der taktischen Grundausrichtung der Afrikaner zunächst nicht zu übersehen. Mit einer defensiven 4-5-1-Aufstellung empfingen sie die Deutschen an der Mittellinie und lauerten auf Ballverluste, um schnell kontern zu können. So wie in der sechsten Minute, als Kevin-Prince Boateng den Ball im Mittelfeld gewann und blitzschnell einen gefährlichen Pass in die Spitze spielte, der jedoch keinen Abnehmer fand.

Quasi im Gegenzug folgte die erste Chance für Deutschland, doch Bundesliga-Profi Hans Sarpei von Bayer Leverkusen lenkte Lukas Podolskis Schuss aus rund 20 Metern mit dem Rücken zur Ecke (7.). Und auch an der nächsten gefährlichen Situation war Podolski beteiligt, dessen Hereingabe von der linken Seite Ghanas Verteidiger Jonathan Mensah in Richtung des eigenen Tors lenkte und so seinen Keeper Richard Kingson zu einer Parade zwang (10.).

Zwei Möglichkeiten binnen vier Minuten - das war's aber auch schon mit dem deutschen Offensivdrang.

Bei vielen Aktionen war dem Team die Nervosität ob des möglichen Ausscheidens anzumerken. Pässe über kürzeste Distanz kamen nicht an, im Spielaufbau wirkte die deutsche Elf fahrig. Das blieb auch Ghana nicht verborgen, das seine Wartehaltung nach einer Viertelstunde aufgab und fortan das Spiel bestimmte.

Fotostrecke

15  Bilder
DFB-Einzelkritik: Sonntagsschütze Özil, Sorgenkind Mertesacker

Den Auftakt machte Asamoah Gyan, der gefährlich über die linke Angriffsseite Ghanas kam und dessen Hereingabe Bastian Schweinsteiger gerade noch abwehren konnte (14.). Knapp zehn Minuten danach blockte Arne Friedrich den Schuss von Kevin-Prince Boateng (23.). Und nur eine Minute später verlor Per Mertesacker den Ball an André Ayew, der die Möglichkeit zur Führung vergab, weil er zu lange mit dem Abschluss zögerte, und Neuer kein Problem hatte, den Schuss zu parieren (24.).

Und Deutschland? Außer einem sehenswerten, aber letztlich ineffektiven Sololauf von Lahm, der sich im Strafraum der Ghanaer verzettelte (21.), hatte die Elf kaum etwas zu bieten.

Umso überraschender dann die schon erwähnte Riesenchance zur deutschen Führung durch Özil. Er lief in der 25. Minute ganz allein auf Kingson zu. Er hatte alle Optionen. Links oder rechts hätte er vorbeigehen können. Doch dann schoss er nur Ghanas Torwart an. Viele Zuschauer konnten nicht fassen, was sie da gerade gesehen hatten.

"Ich musste in der ersten Halbzeit ja schon das 1:0 machen, das war natürlich bitter für mich", sagte Özil nach dem Spiel. "Da war ich enttäuscht - aber ich wusste, dass ich mein Tor mache." Löws Kommentar zur Sache: "Ich habe ihm in der Pause gesagt: Du machst noch einen."

DFB-Elf im Spielaufbau zu behäbig

Anschließend war wieder Ghana an der Reihe: Neuer unterlief einen Eckball, Gyan köpfte, und Lahm rettete auf der Linie (26.). Eine bessere Figur machte Deutschlands Schlussmann bei Gyans Schuss vom rechten Flügel, den er parieren konnte (28.).

Die deutsche Elf wirkte in Halbzeit eins vor allem im Spielaufbau zu behäbig, von Schweinsteiger und Sami Khedira war offensiv gar nichts zu sehen, Özil und Thomas Müller hatten kaum eine gelungene Aktion. Allein ein Cacau-Schuss (30.) und ein Schweinsteiger-Freistoß (41.) waren Ansätze einer Chance, beide Male jedoch war Kingson auf dem Posten.

In der zweiten Halbzeit war Deutschland bemüht, das Spiel zu kontrollieren, aber es blieb zunächst beim Versuch. Anstelle der DFB-Elf hatte Ghana die große Chance zur Führung, doch Gyan vergab sie ähnlich kläglich wie Özil in Durchgang eins, als er allein auf Neuer zulief und an ihm scheiterte (51.). Deutschlands Torwart, der abgesehen von einigen übermütigen Strafraum-Ausflügen eine gute Partie bot, war auch vier Minuten später auf dem Posten, erneut bei einem Gyan-Versuch (55.).

Quasi aus dem Nichts dann das 1:0 für Deutschland in der 60. Minute. Müller passte am Strafraum quer auf Özil - der Bremer zog zentral aus 17 Metern mit Vollspann ab und traf unhaltbar ins linke Eck zur Führung. Da war sie endlich, die Erlösung.

Am Ende wurde das deutsche Spiel eher noch schlechter

Doch anstatt mit der Führung im Rücken befreit und mit weniger Nervosität zu Werke zu gehen, wurde das deutsche Spiel eher fahriger und schlechter. Jérôme Boateng ließ Prince Tagoe beim Kopfball zu viel Platz und lenkte den Versuch nur mit einer unkonventionellen Kung-Fu-Einlage zur Ecke (61.). Und fünf Minuten später pennte erneut der Hamburger, doch Ayews Schuss aus rund zehn Metern konnte Lahm im letzten Moment zur Ecke abblocken.

Quittung für Boatengs schwache Vorstellung: In der 73. Minute wurde er durch Marcell Jansen ersetzt. Anschließend war die Luft raus aus dem Spiel - was weniger an der Einwechslung lag als an der Spielweise der Ghanaer, die in ihren Offensivbemühungen nicht mehr zwingend waren.

Möglicherweise hatten sie auch den Zwischenstand aus Nelspruit erfahren, wo Australien gegen Serbien mittlerweile 2:1 führte, weshalb keiner den Afrikanern mehr gefährlich werden konnte.

Am Ende blieb es beim 1:0 für Deutschland, mit dem beide Teams leben konnten - ziehen sie doch gemeinsam ins Achtelfinale ein. Einziger möglicher Wermutstropfen für das deutsche Team: Schweinsteiger musste in der 81. Minute mit Muskelproblemen ausgewechselt werden, es zwickte ihn am Gesäß. Eine genaue Diagnose steht allerdings noch aus, ebenso wie eine Antwort auf die Frage, ob sein Einsatz gegen England gefährdet ist.

Ghana - Deutschland 0:1 (0:0)
0:1 Özil (60.)
Ghana: Kingson - Sarpei, John Mensah, Jonathan Mensah, Paintsil - Annan - Andre Ayew (90.+2 Adiyiah), Asamoah, Kevin-Prince Boateng, Tagoe (64. Muntari) - Gyan (82. Amoah)
Deutschland: Neuer - Lahm, Mertesacker, Friedrich, Jérôme Boateng (73. Jansen) - Khedira, Schweinsteiger (81. Kroos) - Müller (68. Trochowski), Özil , Podolski - Cacau
Schiedsrichter: Simon (Brasilien)
Zuschauer: 82.391
Gelbe Karten: Andre Ayew - Müller

Und so lief das andere Spiel in Gruppe D - Australien gegen Serbien:

insgesamt 10874 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
JustinSullivan 02.06.2010
1. ich tippe auf...
Gruppensieg in der Vorrunde, Sieg gegen die USA im Achtelfinale, dann im Viertelfinale raus gegen Argentinien. Ich schätze Deutschland stärker als England ein, aber schwächer als Argentinien. Witzig wäre also, wenn Deutschland den Argentiniern ausweichen würde, indem sie Gruppenzweiter würden, dann im Achtelfinale die Engländer raushauen und im Viertelfinale auf nen schwaches Frankreich treffen würden. Hätte, wenn und aber... Hauptsache, es wird ein tolles Turnier.
Kourosh 02.06.2010
2.
Ich halte recht viel von dieser jungen Truppe vor allem auf das Mittelfeld bin ich sehr gespannt. Am Ende werden sie wohl gegen die erste abgezockte Truppe rausfliegen auf die sie treffen. Vorraussichtlich wohl so Viertelfinale. Ist aber egal denn das könnte ne echte Gewinnertruppe in 2, 4 und 6 Jahren werden. Freue mich auf feinen Fussball!
deepocean 02.06.2010
3.
Zitat von sysopDer WM-Kader von Bundestrainer Jogi Löw ist komplett. Welche Chancen hat die Mannschaft bei der WM?
einfache frage einfache antwort: Gruppensieg AF: USA VF: Argentinien (und dann wird es wirklich ernst) HF: Spanien (jetzt wird es noch ernster) und es darf gehofft werden;-) etwas weniger einfache antwort, solche fragen machen aus meiner sicht erst sinn nach dem ersten oder zweiten spieltag in der gruppe... jetzt ist es wirklich nur kaffeesatzleserei.... egal was geschieht... DAUMEN DRÜCKEN ist angesagt :-)
pablo morales 02.06.2010
4. Wm
Zitat von KouroshIch halte recht viel von dieser jungen Truppe vor allem auf das Mittelfeld bin ich sehr gespannt. Am Ende werden sie wohl gegen die erste abgezockte Truppe rausfliegen auf die sie treffen. Vorraussichtlich wohl so Viertelfinale. Ist aber egal denn das könnte ne echte Gewinnertruppe in 2, 4 und 6 Jahren werden. Freue mich auf feinen Fussball!
^ Das hat man vor vier Jahren nach der WM 2006 auch schon gesagt, und heute sind sie um einiges schlechter als 2006.
JustinSullivan 02.06.2010
5.
" 'Uns ist die Entscheidung nicht leicht gefallen. Andreas hat in den drei Wochen sehr engagiert gearbeitet und gut trainiert. Er hat aber eine durchwachsene Saison gespielt und war einige Male verletzt.' Dann frag ich mich jetzt aufrichtig, aus welchem Grund Klose, Podolski und Gomez mit dabei sind..." Ganz klar deswegen: Klose, Podolski und Gomez haben eine durchwachsene Saison gespielt und waren einige Male verletzt. Aber sie haben in den drei Wochen sehr engagiert gearbeitet und gut trainiert. ;)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.