Elfmeterdrama im WM-Viertelfinale Ghana in der Hölle, Uruguay im Paradies

Uruguay steht im WM-Halbfinale. Weil Luis Suárez mit der "Hand Gottes" in den letzten Sekunden der Verlängerung ein Tor Ghanas vereitelte. Im Elfmeterschießen setzten sich anschließend die Südamerikaner durch. Doch gesiegt haben nicht sie, gesiegt hat die Ungerechtigkeit.

Getty Images

Aus Johannesburg berichtet


Zwei Stunden haben sie Fußball gespielt. Dann gingen sie ins Elfmeterschießen. Auf dem Spielberichtsbogen steht nun, Uruguay habe gegen Ghana nach Elfmeterschießen 4:2 gewonnen. Nach 120 Minuten hatte es 1:1 gestanden, Ghanas Führung durch Sulley Muntari in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit hatte Uruguays formidabler Stürmer Diego Forlán zehn Minuten nach dem Wechsel ausgeglichen (55.). Doch das wird man vergessen. An die Notizen aber auf dem Spielbericht, dass Luis Suárez (Uruguay) in der letzten Minute der Verlängerung die Rote Karte erhielt und Asamoah Gyan (Ghana) einen Elfmeter verschoss, daran wird man sich erinnern.

Für die Geschichtsbücher reduziert sich das Drama von Johannesburg, das sich am 2. Juli 2010 im Soccer-City-Stadion abspielte, auf wenige Sekunden. Dieses Spiel wird in die Top Ten der dramatischsten Geschichten von Fußball-Weltmeisterschaften aufgenommen. Dieses Spiel müsste den Fußball-Weltverband Fifa eigentlich dazu zwingen, die Regeln anzupassen. Denn gesiegt hat einmal mehr "die Ungerechtigkeit", wie Ghanas serbischer Trainer Milovan Rajevac sagte.

Was war passiert? 120. Minute, Gedränge im Fünfmeterraum der Südamerikaner. Stephen Appiah befördert den Ball mit dem Knie Richtung Tor. Im Abseits, wie von manchen behauptet, steht er dabei aber nicht, weil der Ball von Uruguays Torwart Fernando Muslera kommt. Auf der Torlinie steht Luis Suárez, Uruguays stets übermotivierter Stürmer, und klärt geistesgegenwärtig Appiahs Knie-Schuss. Mit dem Fuß, mit dem Bein, mit dem Oberkörper? Irgendwie, niemand hat Zeit, darüber zu sinnieren, denn der Ball prallt zu Dominic Adiyiah, der das Spielgerät per Kopf sofort wieder auf die Reise schickt. Ins Tor? Einige Zentimeter ist der Ball vielleicht schon hinter der Linie, dann nimmt Suárez, der im Training gern Torwart spielt, beide Hände zur Hilfe. Wie Volleyballer oder Handballer, wenn sie einen Ball blocken. Es war Instinkt, es war Berechnung, Absicht, Willen - alles.

"Es war die beste Torwartparade der WM", witzelte Suárez.

Für den 23-Jährigen gab es die Rote Karte, den Regeln entsprechend. Elfmeter für Ghana, den Regeln entsprechend. Nur: Den Regeln entsprechend wurde Ghana damit um den Sieg gebracht. Uruguay wurde, den Regeln entsprechend, mit dem Elfmeterschießen belohnt. Ghana wurde bestraft, den Regeln entsprechend. Die Aktion hätte unweigerlich zum Tor geführt, wäre sie von Suárez nicht unterbrochen worden, wenige Zentimeter vor dem Paradies für Ghana und der Hölle für Uruguay.

Suárez wurde von den Kollegen gefeiert, als er vom Feld trabte. Er sprach später von der Hand Gottes, in Anlehnung an Diego Maradonas legendären Handballtreffer 1986 gegen England. Bloß: Wer will darüber nach dieser WM und Dutzenden katastrophalen, den Wettbewerb entstellenden Fehlentscheidungen noch lachen?

Wenn die Regeln denjenigen, der vorsätzlich einen Verstoß begeht, belohnen, und gleichzeitig diejenigen, die um die Früchte ihrer Arbeit gebracht worden sind, bestrafen, dann sind die Regeln das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt wurden. Im Basketball, um mal eine Anleihe in einer anderen Sportart zu nehmen, gibt es die sogenannte Goaltending-Regel. Wird die Flugbahn des Balles regelwidrig verändert, bestraft man den Regelverletzer, aber nicht zugleich auch den Angreifer - denn die Punkte werden gegeben.

Blick über den Tellerrand hinaus ist angebracht

Fußball-Puristen und Regel-Fanatiker werden über diesen Vergleich gewiss die Köpfe schütteln. Doch der Blick über den Tellerrand hinaus ist angebracht. Andere Sportarten haben Lösungen für schwierige Probleme gefunden oder sind zumindest weiter als der Fußball. Wer angesichts dieser Szenen vom Freitagabend nur die seit mehr als einem Jahrhundert verbreiteten Sprüche auffrischt, wonach sich angeblich alles im Fußball einmal ausgleiche, Glück und Pech, Nachteil und Vorteil, belügt sich selbst. Nichts gleicht sich aus. Ghana wurde um den Sieg gebracht.

Suárez ist Uruguays Held. Ist er auch ein Betrüger?

"Nein, nein", sagte Uruguays Trainer Oscar Tabárez, "ich mag dieses Wort nicht. Es war kein Betrug. Suárez ist doch nicht dafür verantwortlich, dass Ghana den Elfmeter nicht nutzte."

Natürlich, der 24 Jahre alte Asamoah Gyan erhielt, den Regeln entsprechend, die Chance, den Handelfmeter zu nutzen und Ghana als erstes afrikanisches Team in ein WM-Halbfinale zu schießen. 84.000 Zuschauer in der Arena und Hunderte Millionen weltweit an Radios, Fernsehgeräten und Computerbildschirmen hielten den Atem an. Viele feierten schon Ghana, die Black Stars, Afrikas Stolz und Hoffnung. Sie wussten, dass Gyan, einer der überragenden Spieler dieser WM, gegen Serbien und Australien in der Vorrunde schon zwei Elfmeter souverän verwandelt hatte.

Märchen ohne Happy End

Asamoah Gyan lief an, die Menschen schrien, die Vuvuzelas dröhnten - und er drosch den Ball mit Urgewalt an die Oberkante der Latte. Der Ball sprang in den Nachthimmel. Wenige Minuten nach diesem Blackout, im Elfmeterschießen auf der anderen Stadionseite, schnappte sich Gyan erneut das Leder - und versenkte es traumhaft sicher ins rechte obere Toreck.

Nur eben diesen einen Elfmeter, den wichtigeren, wenn man das so sagen darf, den hat er nicht verwandelt. Gyan gab lediglich zu Protokoll: "Ich habe nichts zu sagen. Das ist Teil des Spiels."

"Wenn es gut gegangen wäre", sagte Ghanas Trainer Rajevac, "wäre es ein Märchen gewesen." Wenn, ja wenn. So ist das mit den Märchen - sie passieren selten im Leben.

insgesamt 1512 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kleenermann 25.06.2010
1.
Ich gehe davon aus das sich im Finale Brasilien und Argentinien treffen werden. Wer von diesen beiden gewinnt entscheidet die Tagesform.
de.nada 25.06.2010
2.
Zitat von sysopDie Gruppenphase ist vorbei, die K.o.-Runden beginnen. Welches Team wird am Ende den WM-Pokal gewinnen?
Das kann nur einer sein, und Weihnachten ist das alles Schnee von Gestern. Blöder Kommentar, ich weiß. Sieht alles nach einem Titel für Südamerika aus. Wer...? Sieht alles so aus, als ob Deutschland und England sich streiten dürfen, wer gegen Argentinien rausfliegen darf. Gerade war Ottmar Hitzfeld zu hören, der zwar mit seiner Einschätzung zum 2. Spiel der Schweiz recht hatte, aber das Erste hatte doch einen sehr falschen Eindruck vermittelt. Da nutzt es wenig, sich auf eine Schiedsrichter Entscheidung hin, überhöhte Hoffnungen zu machen. Wie bei der letzten WM, beeindruckt Argentinien, aber auch Uruguay sieht fast ebenbürtig aus. Tja, ein Elfmeterschießen und alle Spielkunst ist wenig wert. Ich hoffe ja immer noch auf Südkorea, das fand ich nach dem ersten Spiel einen sympathischen Gedanken.
samsonax, 25.06.2010
3.
Zitat von sysopDie Gruppenphase ist vorbei, die K.o.-Runden beginnen. Welches Team wird am Ende den WM-Pokal gewinnen?
Niederlande.
aqualung 25.06.2010
4.
Zitat von sysopDie Gruppenphase ist vorbei, die K.o.-Runden beginnen. Welches Team wird am Ende den WM-Pokal gewinnen?
Kurz und knapp: Spanien
Umberto, 25.06.2010
5.
Zitat von sysopDie Gruppenphase ist vorbei, die K.o.-Runden beginnen. Welches Team wird am Ende den WM-Pokal gewinnen?
Argentinien.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.