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20. Juni 2012, 17:17 Uhr

Debatte über Linientechnik

Aufschrei nach dem Torklau

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Die Fußballwelt diskutiert eine krasse Fehlentscheidung: Die Ukraine schießt gegen England ein Tor - doch der Schiedsrichter lässt es nicht gelten. Nun fordern Spieler und Funktionäre eine Torlinientechnik, auch Khedira und Müller sind dafür. Nur Uefa-Präsident Platini sagt: "Fünf Schiedsrichter sehen alles."

Der 5. Juli könnte ein Tag werden, der die Fußballwelt nachhaltig verändert. Dann tritt in Zürich das International Football Association Board (IFAB) zusammen und entscheidet, ob die Torlinientechnik eingeführt wird. Vieles spricht dafür, dass das neue Hilfsmittel kommt.

Die Befürworter sehen sich bestätigt durch das EM-Gruppenspiel zwischen der Ukraine und England, als der Ball klar hinter der Linie des englischen Tors war, Schiedsrichter Viktor Kassai den Treffer aber nicht gab. "Nach dem Spiel der vergangenen Nacht ist die Torlinientechnologie keine Alternative mehr, sondern eine Notwendigkeit", teilte Joseph Blatter am Mittwoch via Twitter mit. Der Präsident des Fußball-Weltverbands Fifa ist mittlerweile ein Befürworter der Technik und befindet sich damit in prominenter Gesellschaft.

Die deutschen Nationalspieler Sami Khedira und Thomas Müller, DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, dessen Vorgänger Theo Zwanziger, Wolfsburgs Trainer Felix Magath: Sie alle haben sich am Tag nach dem "Torklau von Donezk" für elektronische Hilfsmittel ausgesprochen. Ebenso wie Ex-Fifa-Schiedsrichter Urs Meier, der sagt: "Das wäre zu begrüßen. Das menschliche Auge ist nicht dazu in der Lage, derart knifflige Fragen aufzulösen."

Es scheint, als seien sich alle einig in der Torlinientechnik-Frage. Nur einer will da nicht mitmachen: Uefa-Präsident Michel Platini. Der sagt: "Man braucht solche Systeme nicht, Technik, Satellit, GPS oder Chip im Ball." Der Franzose ist vehemeter Verfechter des Torrichters, weshalb die beiden zusätzlichen Referees an den Torauslinien erstmals bei einer EM zum Einsatz kommen. "Zu fünft sehen sie alles", sagt Platini. Dumm nur, dass es sowohl bei der Partie Spanien gegen Kroatien als auch Ukraine gegen England Torrichter waren, die falsch entschieden haben.

Mit der Torlinientechnik hätte zumindest die Fehlentscheidung beim Ukraine-Spiel verhindert werden können. Zwei Varianten sind dafür noch im Gespräch: der Chip im Ball, bei dem ein Funksignal auf die Uhr des Schiedsrichters übermittelt wird, sobald der Ball die Torlinie komplett überquert hat; und die Torkamera, bekannt als Hawk Eye aus dem Tennis, die dem Schiedsrichter per Vibration ein Tor melden könnte. Der Videobeweis hingegen ist vorerst kein Thema mehr.

Vier Tage nach dem EM-Finale entscheidet das IFAB, ob es die Torlinientechnik einführen will. Die Fifa wird dem Beschluss folgen, die kontinentalen und nationalen Verbände wohl auch. Die können allerdings selbst entscheiden, ob und wann sie die Technik einführen.

Es wird erwartet, dass sich das IFAB für die Torlinientechnik entscheidet. Doch es gibt eine Reihe ungeklärter Fragen: Welches Hilfsmittel ist das bessere, Chip im Ball oder Hawk Eye? Ab wann kommt es zum Einsatz? Und vor allem: Bedeutet die Torlinientechnik nur den ersten Schritt bei der Einführung weiterer Hilfsmittel, etwa des Videobeweises?

Fragen, die aus Fifa-Boss Blatter jahrelang einen entschiedenen Gegner der Torlinientechnik gemacht hatten. Der Schweizer änderte seine Meinung erst nach der WM vor zwei Jahren. In Südafrika führte Deutschland im Achtelfinale 2:1, als der Gegner des DFB-Teams ein klares Tor erzielte, Schiedsrichter Jorge Larrionda den Treffer jedoch nicht gab und das benachteiligte Team ausschied - es war England.

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