DFB-Halbfinale gegen Italien: Respekt, keine Angst

Aus Danzig berichten Peter Ahrens und Rafael Buschmann

Im Halbfinale wartet ein echter Klassiker: Das Spiel gegen Italien wird für die deutsche Nationalmannschaft die wohl schwierigste Aufgabe bei der EM. Bundestrainer und Spieler wissen um die Qualitäten des Gegners, geben sich aber demonstrativ siegesgewiss.

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Bundestrainer Löw: Starke Italiener sind "keine Überraschung"

England haben sie sich gewünscht, Italien haben sie bekommen. Es wird eine schwierige Aufgabe für die deutsche Nationalmannschaft, dieses EM-Halbfinale am Donnerstag in Warschau (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Das ist beim DFB allen klar: dem Trainerstab, den Spielern. Gedanken an ein mögliches Endspiel gegen Spanien oder Portugal sind ab sofort verboten, absolute Priorität hat das Spiel gegen Italien.

"Meine Konzentration gilt jetzt allein Italien", sagte Mesut Özil am Montagmittag vor der Presse. Alle Nachfragen zu einem möglichen Finalgegner Spanien blockte er konsequent ab. Zu groß ist der Respekt beim DFB nach der starken Vorstellung der Squadra Azzurra im Viertelfinale gegen ein letztlich chancenloses englisches Team - auch wenn der Sieg erst im Elfmeterschießen errungen wurde.

Dabei kümmert Bundestrainer Joachim Löw und seinen Assistenten Hans-Dieter Flick weniger die katastrophale Bilanz gegen Angstgegner Italien: Bei großen Turnieren konnte Deutschland noch nie gegen diese Nation gewinnen. Unvergessen sind dabei die Halbfinalduelle bei der WM 1970 in Mexiko und der WM 2006. Aktuell ist es vielmehr der Aufschwung des italienischen Teams, der dem DFB-Trainerstab Kopfzerbrechen bereitet.

Italien hat den Umbruch nach der WM erfolgreich vollzogen

Italien meldet sich nach der schwachen Weltmeisterschaft 2010 in der europäischen Spitze zurück. Für Löw ist das allerdings "keine Überraschung gewesen". Unter Trainer Cesare Prandelli, dem italienischen Gentleman, habe sich das Team enorm verbessert. Prandelli habe den Umbruch in der Nationalmannschaft konsequent und rechtzeitig vollzogen, sagte Löw schon vor dem Viertelfinale und war voll des Lobes für den kommenden Gegner.

Nach dem Viertelfinalerfolg gegen die Engländer lobte Flick den Sieger als "eine technisch und taktisch hervorragende Mannschaft". Italien, das ist Flick klar, hat zwar mit Mittelfeldregisseur Andrea Pirlo einen genialen Taktgeber. Aber es reicht nicht, Pirlo auszuschalten. Italien ist ähnlich wie das deutsche Team auf vielen Positionen doppelt besetzt, hat einen starken und ausgeglichenen Kader. Löws Assistent sprach im Hinblick auf das Halbfinale vorsichtig von einer "spannenden Angelegenheit. Ein Halbfinale ist eben kein Waldspaziergang." Das dürfte jetzt bereits die Untertreibung der Woche sein.

Große Achtung vor Halbfinalgegner Italien

Der Optimismus im deutschen Lager ist trotz des starken Gegners nicht verflogen. Özil gab sich sogar "überzeugt, dass wir sie schlagen werden". Aber das gehört eher zu den pflichtgemäßen Aussagen, nachdem das Team jetzt ganz unverhüllt den Titelgewinn als Ziel ausgelobt hat. Seit Shootingstar Marco Reus, deutlicher als alle anderen zuvor, nach dem Griechenland-Match vor der versammelten Presse den Satz aussprach, "der EM-Titel führt nur über uns", ist der Anspruch, nur noch mit dem EM-Gewinn zufrieden zu sein, jetzt quasi offiziell.

Wenn man sich allerdings abseits der Pressekonferenz bei einzelnen Spielern umhört, ist deutlich die Achtung zu spüren, die man dem kommenden Gegner entgegenbringt. Alles ist möglich am Donnerstag. Das ist den Aktiven bewusst - noch ganz anders als vor dem Viertelfinalspiel gegen die Griechen, wo ein Ausscheiden als undenkbar angesehen wurde.

Drei Tage sind es noch bis zum Halbfinale. Drei Tage Zeit für Spekulationen über die Aufstellung. Die Option, dass Löw wieder auf die defensivtreuen Lukas Podolski und Thomas Müller als Flügelspieler zurückgreift, gilt derzeit als die wahrscheinlichste. Reus und sein Pendant auf links, André Schürrle, haben ihre Chance gegen die Griechen zwar genutzt, Reus hat sogar aufgetrumpft. Gegen die abgezockten Italiener dagegen rechnen viele mit der Routine-Variante der turniererfahrenen Podolski und Müller.

Bliebe die Frage nach dem Mittelstürmer, seit Turnierstart unablässig diskutiert. Mario Gomez oder Miroslav Klose - das wird die Hauptfrage sein, die Löw bis Donnerstag beschäftigen wird. Beide haben ihre unterschiedlichen Qualitäten nachhaltig unter Beweis gestellt. Lazio-Profi Klose kennt seine Gegenspieler bestens aus der Serie A. Gomez' Fähigkeiten als Vollstrecker sind dagegen auch gefragt: Viele Möglichkeiten wird es - anders als gegen Griechenland - gegen die strukturierte italienische Defensive schließlich nicht geben.

Löws italienischer Kollege Prandelli hat die Stürmerfrage auf seine Weise beantwortet. Als einziges Top-Team bei dieser EM tritt Italien einfach mit zwei echten Angreifern an. Eine bislang überaus erfolgreiche Variante.

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insgesamt 110 Beiträge
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    Seite 1    
1. Dann hoffe ich...
AMC 25.06.2012
dass ich am Donnerstag dem FC Bayern München zum Ausscheiden gratulieren darf! Schade, dass Löw es anscheinend nicht lernt. Na dann: Forza Italia!
2. Überaus erfolgreich?
horstma 25.06.2012
SPON: "Als einziges Top-Team bei dieser EM tritt Italien einfach mit zwei echten Angreifern an. Eine bislang überaus erfolgreiche Variante." Überaus erfolgreich? Die Engländer waren spielerisch und konditionell klar unterlegen. Trotzdem hat es Italien mit den beiden "echten" Angreifern nicht geschafft, in 120 Minuten ein normales Tor zu erzielen. Und das, obwohl die Engländer nach 70 Minuten stehend K.O. waren. Geklappt hat das erst, nachdem der Platz vor dem Tor leer war - im Elfmeterschiessen. Auch gegen Spanien, bei denen die Abwehr nicht das Juwel der Mannschaft ist, reichte es nur zu einem Unentschieden. Also "überaus erfolgreich" würde ich das nicht nennen. Gomez als alleinige Spitze, 3 Tore in 2 Spielen, und beide Spiele in 90 Minuten gewonnen, das ist erfolgreich. Italien wird derzeit etwas starkgeredet.
3. wie wär's denn mit 4-2-2-1-1
dr.joe.66 25.06.2012
Mein Vorschlag hinten Viererkette wie bisher davor Doppelsechs Kedhira - Schweinsteiger (oder Kroos wenn Schweinsteiger nicht fit ist) davor zwei Kreativ-Spieler: Özil & Götze (oder Müller wenn Götze nicht fit ist) davor Reus als hängender Stürmer davor Klose als Sturmspitze Motto: Eine offensive so starke Mannschaft wie Italien beschäftigt man am besten in deren Defensive. Aber der Herr Löw wird sicher selbst gute Ideen haben...
4. Wir schaffen das!!!
thor01 25.06.2012
Das ist DIE Chance für eine Revanche für 2006! Die Rechnung muß noch beglichen werden .... (o: Ich hoffe sehr Reus und Klose sind für die Anfangsformation gesetzt.
5. optional
MrSnoot 25.06.2012
---Zitat--- Im Halbfinale wartet ein echter Klassiker ---Zitatende--- Was ist heutzutage eigentlich kein Klassiker mehr, Vanuatu gegen Tuvalu? :-)
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