Gruppensieger Deutschland: Jetzt geht's um den Titel

Aus Lemberg berichten und

Die deutsche Mannschaft hat die schwere Vorrundengruppe bei der EM souverän gemeistert. Und mit Griechenland wartet jetzt ein schlagbarer Gegner. Die Chancen auf den Titel sind so gut wie seit langem nicht. Auch wenn der Bundestrainer davon noch nichts wissen will.

EM 2012: Deutschlands Weg ins Viertelfinale Fotos
AP

Es ist die wahrscheinlich älteste und abgegriffenste Fußballerweisheit der Welt, die der Bundestrainer in diesen Tagen der EM immer wieder hervorholte. Sie heißt: "Wir denken von Spiel zu Spiel", und Joachim Löw wurde in der Vorrunde nicht müde, dies in allen sprachlichen Varianten zu betonen. "Mich interessiert zurzeit überhaupt nicht, wer Europameister wird", ließ er Fragen abprallen, die über die Gruppenphase hinausgingen.

Ab jetzt ändert sich das.

Spätestens mit dem souveränen Erreichen des Viertelfinals in der vielleicht schwersten Vorrundengruppe, die Deutschland je hatte, muss sich Löw folgende Feststellung gefallen lassen: Deutschland ist Titelfavorit.

Es sind nur noch zwei Partien bis zum Finale in Kiew, die erste davon gegen den schlagbaren Gegner Griechenland, den denkbar größten Außenseiter dieses Turniers. Ohne überheblich zu werden und bei aller Wertschätzung für die Verteidigungskünste der Griechen: Die Tür zum Halbfinale steht mehr als einen Spaltbreit offen.

Löws Team hat in der Vorrunde überzeugt. Es hat nicht überragt. Gerade in der Offensive sind Wünsche offen geblieben, die Spiele wurden knapp gewonnen. Glanz war selten. Aber das spricht eher für die Mannschaft als gegen sie. Es spricht dafür, dass hier ein gereiftes, erwachsenes Team am Werk ist. Wissend um die Schwere der Aufgabe, wissend auch, das man nicht alle Kräfte in einer Hurra-Vorrunde vergeuden darf. Jetzt kommen die K.o.-Spiele, jetzt gilt es.

Deutschland hatte trotz starker Gegner stets die Spielkontrolle

In allen drei Partien gegen die starken Portugiesen, gegen die sich überschätzenden Niederländer und gegen die cleveren Dänen hatte das deutsche Team die Spielkontrolle inne. Gerade gegen den Vizeweltmeister Niederlande demonstrierte die Mannschaft fast 70 Minuten Dominanz und Selbstsicherheit. Die holländischen Gegenspieler wirkten beeindruckt von der Präsenz der DFB-Profis. Der Respekt war spürbar. Neun Punkte aus drei Partien - das ist keiner anderen Mannschaft gelungen. Das können selbst die Spanier nicht mehr schaffen.

Dabei gab es in dieser Vorrunde durchaus kurze Phasen, in denen man sah, dass die Elf in Schwierigkeiten zu bringen ist. Als die Portugiesen in der Schlussphase auf den Ausgleich drängten, taten sich plötzlich Löcher in der Abwehr auf. In dem Moment jedoch war auf Schlussmann Manuel Neuer Verlass. Und die Dänen haben gezeigt, wie man die deutsche Offensive dazu zwingt, ihr Spiel zu verlangsamen. Verhindern konnten beide Gegner den deutschen Sieg aber nicht.

Es gab Gewinner dieser Vorrunde: Mats Hummels, der jetzt schon so spielt, als habe es nie eine Diskussion um die Besetzung des zweiten Innenverteidiger-Postens gegeben. Mario Gomez, der die Nervenprobe der Diskussion um seine Person souverän bestand. Sami Khedira, der früher heimliche und jetzt offene Mittelfeldboss.

Die stärkste Ersatzbank - aber sie wird kaum genutzt

Wo Sieger sind, sind in einem solch ausgeglichen besetzten Kader auch die Verlierer zu finden: Miroslav Klose und Toni Kroos sind bislang nur Ergänzungsspieler. Rollen, die sie nicht zufriedenstellen können. Per Mertesacker hat bisher gar noch keine einzige Turnierminute absolviert. Das gleiche gilt für den besten Spieler der abgelaufenen Bundesliga-Saison Marco Reus. Löw hat die stärkste Ersatzbank, die eine Nationalmannschaft seit Jahren hatte. Er hat sie bislang kaum genutzt.

Dabei gäbe es in der Stammelf durchaus Kandidaten, die ersetzbar scheinen: Thomas Müller und Lukas Podolski sind bislang unter ihren offensiven Möglichkeiten geblieben, haben lediglich mit ihrer Arbeit nach hinten die Pflicht erfüllt. Mesut Özil hat seinen Stammplatz zwar sicher, aber überzeugt hat auch der Filigrantechniker von Real Madrid noch nicht. "Er wird noch seinen großen Moment bekommen", sagt Löw. Gegen Griechenland wird es auf Özils Geistesblitze ankommen, die massive Abwehr des Gegners auszuhebeln.

Das deutsche Team denkt von Spiel zu Spiel. Noch einmal. Noch zweimal. Noch dreimal.

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insgesamt 137 Beiträge
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1.
Rodri 18.06.2012
Zitat von sysopDie deutsche Mannschaft hat die schwere Vorrundengruppe bei der EM souverän gemeistert. Und mit Griechenland wartet jetzt ein schlagbarer Gegner. Die Chancen auf den Titel sind so gut wie seit langem nicht. Auch wenn der Bundestrainer davon noch nichts wissen will. EM 2012: Deutschland kämpft in den K.o.-Spielen um den Titel - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,839504,00.html)
Wohl selten war eine EM auf so niedrigem Niveau. Wenn Deutschland es diesmal nicht schafft, dann wohl die nächsten 20 Jahre nicht mehr. Der Titel ist absolut pflicht bei solchen Gegnern.
2.
gurrke 18.06.2012
Zitat von sysopUnd mit Griechenland wartet jetzt ein schlagbarer Gegner. Die Chancen auf den Titel sind so gut wie seit langem nicht.
Sehe ich anders. Bei mir kam bei keinem Spiel das Gefühl von Überlegenheit. Gegen Holland und Portugal waren das ziemlich knappe Spiele und die Offensive hat große Schwächen. Spätestens im Halbfinale gegen die Spanier ist Schluss. Die werden uns schwindelig Spielen wie schon 2010. Und die Griechen darf man auch nicht unterschätzen.
3. Irgendwie würde ich mich freuen...
cativelos007 18.06.2012
wenn Deutschland ins Finale käme. Keine Mannschaft hat eine so miserable Quote bei großen Turnieren, wie Deutschland. Deutschland im Finale = Sieg für den Gegner. Also weiter träumen.
4. Sorry
thilosc 18.06.2012
...aber haben da die Griechen nicht auch ein Wörtchen mitzureden? Schön spielen und Tore schießen alleine reicht nicht - siehe Russland. Die Deutschen müssen ein Tor MEHR als die Griechen schießen, und nachdem die kaum als bereits "innerlich gekündigte" auf den Platz kommen werden, genügt zum Ausscheiden einfach nur Pech.
5. richtig
Brandolino 18.06.2012
Müller und Podolski haben schon bessere Leistungen gezeigt, Schürle und vor allem Reus haben eine Chance verdient.
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