DFB-Gruppengegner Dänemark: Wikinger auf Beutezug

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Die schillernden Jahre des dänischen Fußballs schienen vorbei zu sein. Mit einer modernisierten Spielweise und programmatischem Kampfgeist haben sich die einstigen Europameister jedoch erfolgreich für die EM qualifiziert. Vieles deutet auf eine allmähliche Wiedergeburt von "Danish Dynamite" hin.

DFB-Gegner Dänemark: "Der Star ist die Mannschaft" Fotos
AP

Es ist über 1000 Jahre her, dass die Wikinger auf der Nord- und Ostsee ihr Unwesen trieben: Ausgestattet mit gehörnten Helmen und Äxten raubten sie Seefahrer aus, suchten kriegerische Abenteuer. Da passt es, dass die dänische Nationalmannschaft ihr EM-Quartier im polnischen Ostsee-Bad Kolobrzeg aufgeschlagen hat, direkt an der Küste. Ein Aufkleber auf ihrem Teambus gleicht einer Kampfansage: "Wikinger ohne Angst".

Nicht als verspielte Ballkünstler, sondern als furchtloser Kriegertrupp will die Mannschaft von Trainer Morten Olsen die Europameisterschaft in Angriff nehmen. Darin sieht das junge Team seine Stärke: "Der Star ist die Mannschaft", sagte Olsen vor Turnierbeginn. Eine Mannschaft, die von ihrer Geschlossenheit lebt. So möchten die Dänen die "Todesgruppe" B mit Deutschland, den Niederlanden und Portugal überstehen, so möchten sie mindestens ins Viertelfinale einziehen. "Wir wollen Dänemark stolz machen", sagt Stürmer Nicklas Bendter.

Dabei hatte Trainer Olsen die Gruppenauslosung als "Albtraum" bezeichnet, man gehe als klarer Außenseiter ins Turnier. Doch böse Träume sind realen Einschätzungen gewichen: "Das sind auch nur Menschen wie wir", sagte der dänische Rekordspieler Dennis Rommedahl vor dem Spiel gegen die favorisierten Niederländer am Samstag in Charkow (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE): "Wenn wir einen guten Tag haben, können wir sie schlagen."

Überraschender Erfolg in EM-Qualifikation

Dafür müsste die "Olsen-Bande" aber einen besonders guten Tag haben. Denn von 29 Begegnungen mit "Oranje" konnten die Dänen nur sieben gewinnen. Zuletzt trafen die beiden Teams in der WM-Gruppenphase 2010 aufeinander; die Niederlande gewannen 2:0, Dänemark schied aus dem Turnier - und damit zum ersten Mal in der Vorrunde einer WM - aus.

Umso überraschender das Abschneiden in der Qualifikation für die EM 2012: Die Dänen wurden Gruppensieger, nachdem sie das letzte Spiel gegen Portugal 2:1 gewonnen hatten. Mit fünf Siegen in Serie stellte das Team einen neuen Landesrekord auf. Es war die Andeutung der von dänischen Medien herbeigesehnte Wiedergeburt des "Danish Dynamite" - und eingeleitet hatte sie eben jener Morten Olsen, der nach der verpassten Qualifikation für die EM 2008 und der verkorksten WM in Südafrika sein Amt hatte niederlegen sollen.

Der Däne blieb. Er baute das Mannschaftsgefüge um, holte junge Spieler, beschleunigte das Kurzpassspiel. Siege über Portugal, Norwegen, Island und Zypern sowie Platz zehn in der Weltrangliste scheinen dem mit zwölf Jahren dienstältesten Trainer des Turniers Recht zu geben: Sein Team ist auf dem richtigen Weg. Doch angekommen ist es nicht. Noch ist die Leistung des Gesamtgefüges zu instabil, das zeigte die 1:3-Niederlage im Testspiel gegen Brasilien; noch fehlt es an herausragenden und erfahrenen Einzelspielern, die die geschlossene Mannschaftsdecke durchbrechen könnten.

Entwicklung noch nicht abgeschlossen

Bekannte und bewährte Gesichter sind Abwehrchef Daniel Agger vom FC Liverpool, Torjäger Bendter vom FC Arsenal und der Stuttgarter Mittelfeldspieler William Kvist. Der 27-Jährige gilt als der verlängerte Arm von Trainer Olsen. Eine Sonderrolle könnte hingegen der erst 20 Jahre alte Christian Eriksen übernehmen. Zweimal wurde der Offensivmann mit Ajax Amsterdam bereits niederländischer Meister - dem Club, den auch Morten Olsen 1998 als Vereinstrainer zum Titel geführt hatte. Der 62-Jährige, in den Achtzigern selbst Kapitän der Nationalelf, vertraut Eriksen. In der vergangenen Saison schoss der Nachwuchsstar sieben Tore für Ajax, große Vereine sollen Interesse an ihm bekundet haben.

Zugleich steht das Talent stellvertretend für den dänischen Fußball: Seine Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen. Eriksen könne ein Weltklassespieler werden, sagte Mannschaftskollege Agger. Doch es fehle ihm an Dominanz und aggressivem Spielverhalten. Genau diese Eigenschaften hat sich die dänische Nationalelf, das furchtlose Wikingerteam, nun für die EM auf die Fahnen geschrieben.

Vor über 1000 Jahren gingen die Wikinger in die Weltgeschichte ein. Vor genau 20 Jahren schrieb die dänische Nationalmannschaft Geschichte, als sie die Europameisterschaft in Schweden gewann. Im Finale bezwang sie die Elf des damaligen deutschen Bundestrainers Berti Vogts 2:0.

In diesem Jahr ist "Danish Dynamite" Deutschlands letzter Gruppengegner, er tritt am 17. Juni in Lemberg gegen die Truppe von Bundestrainer Joachim Löw an. Der erwartet eine "harte, aufsässige Mannschaft" - Wikinger halt.

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royalflash 09.06.2012
Wie man heute weiß, hatten die Wikinger gar keine Hörner an ihren Helmen. Das ist nur eine Legende.
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