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24. Juni 2012, 17:49 Uhr

EM-Viertelfinale gegen Italien

Englands Bulldoggen kämpfen gegen ihr Trauma

Von Nils Lehnebach

Deutschlands Halbfinalgegner wird gesucht: England trifft im EM-Viertelfinale auf Italien. Kaum jemand rechnete mit den "Three Lions", dann wurden sie Gruppensieger. Es ist vor allem der Erfolg von Trainer Roy Hodgson, der nun eine jahrzehntelange Negativserie beenden will.

Hamburg - Es sind furchtbare Statistiken, sie rauben einem Mut und Hoffnung: Seit 35 Jahren hat England in einem Pflichtspiel nicht mehr gegen Italien gewonnen. Zudem konnten die "Three Lions" bei acht Europameisterschaften nur einmal das Halbfinale erreichen, beim Heimturnier 1996. Eigentlich spricht also wenig dafür, dass die Mannschaft von Trainer Roy Hodgson am Sonntag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) das Viertelfinale gegen Italien gewinnt. Doch gerade das ist die große Chance.

Denn die Engländer kennen diese Situation, allen voran ihr Trainer. Hodgson wurde erst Anfang Mai als Nachfolger von Fabio Capello vorgestellt, er galt als Notlösung. Zuvor trainierte der 64-Jährige West Bromwich Albion, einen Durchschnittsclub in der Premier League, und war in seiner Laufbahn erst für die Nationalteams der Schweiz, der Vereinigten Arabischen Emirate und Finnlands zuständig. Eine wenig beeindruckende Vita.

Als sein Team dann schon vor Turnierbeginn immer mehr zerfiel und die Mittelfeldspieler Gareth Barry (Bauchmuskelriss), Jack Wilshere (Knöchel) und Frank Lampard (Oberschenkel), der Torwart John Ruddy (Fingerbruch), Stürmer Darren Bent (Bänderriss) und Verteidiger Chris Smalling (Leiste) verletzt absagen mussten, rechnete kaum einer mehr mit England - auch die eigenen Fans nicht. Der Verband verkaufte für die drei Vorrundenspiele nur 10.000 Karten, die Presse berichtet vor Turnierstart vor allem über Cricket und Rugby.

Doch es kam anders. Hodgsons Truppe gewann überraschend die Gruppe D und ließ sogar den Geheimfavoriten Frankreich hinter sich. Und plötzlich sind die Engländer der Meinung, doch gar keinen so schlechten Trainer ausgewählt zu haben. Plakate mit der Aufschrift "In Roy we trust" sind der neue Renner bei den Briten, auch die Spieler sind zufrieden.

"Wir sind so gut organisiert wie nie zuvor. Jeder kämpft für den anderen, wir haben eine wirklich große Chance", sagte Stürmer Wayne Rooney. Auch Bundestrainer Joachim Löw lobte den möglichen Halbfinalgegner: "England ist viel besser als 2010, viel besser organisiert unter Roy Hodgson. Sie stehen hervorragend defensiv und kontern schnell."

Hodgsons System ist einfach. Es beruht auf einer kompakten und sicher stehenden Viererkette aus Glen Johnson, John Terry, Joleon Lescott und Ashley Cole. "Wir sind wie elf Bulldoggen. Wir geben niemals auf, wir kämpfen füreinander und wir würden füreinander auf dem Platz sterben", tönt Linksverteidiger Cole, mit 76 Prozent gewonnener Zweikämpfe einer der statistisch besten Profis bei der EM.

Stoppt der Übermut die Engländer?

Das Mittelfeld davor ist eigentlich nur schmückendes Beiwerk, entscheidende Impulse kommen von James Milner, Steven Gerrard und Scott Parker nur selten. So muss der Sturm die Siege holen. Eine Taktik, die bisher aufging. Laut Sportdatenanbieter opta hatten die Engländer in der Gruppenphase die beste Chancenverwertung (21,7 Prozent). Dazu schossen Rooney & Co. drei Tore nach Standardsituationen, kein Team war bei der EM besser.

Zumal das Team trotz der zahlreichen Ausfälle im Sturm breit besetzt ist. Neben Rooney haben auch dessen Teamkollege bei Manchester United, Danny Welbeck, sowie Liverpools Andy Carroll und Theo Walcott vom FC Arsenal beim Turnier in Polen und der Ukraine schon getroffen.

Ausreichend Argumente, um auch gegen Italien zu bestehen. Zum Stolperstein könnte aber das neu gewonnene Selbstvertrauen sein. "Wir sind hier, um Spiele zu gewinnen. Das Viertelfinale soll für uns noch nicht alles gewesen sein. Wir werden versuchen, die Leute glücklich zu machen", so Torhüter Joe Hart.

Und Rooney sagte: "Wir sind hier, um die EM zu gewinnen."

England - Italien 20.45 Uhr (in Kiew)
(voraussichtliche Aufstellungen)
England: Hart - Johnson, Terry, Lescott, Cole - Gerrard, Parker - Milner, Young - Rooney - Welbeck
Italien: Buffon - Abate, Barzagli, Bonucci, Balzaretti - Marchisio, Pirlo, De Rossi - Thiago Motta - Cassano, Balotelli
Schiedsrichter: Proenca (Portugal)

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