Frankreichs Nationalmannschaft: Der geschrumpfte Geheimfavorit

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Mon dieu! Als möglicher Titelanwärter war Frankreich zur EM gereist. Doch beim mühsamen Remis gegen England zeigte sich die Equipe Tricolore ohne Glanz und Esprit. Die größte Enttäuschung für Trainer Blanc war ausgerechnet die hochkarätig besetzte Offensive. Zum Glück hat er noch Alternativen.

EM-Gruppe D: Ribéry und Co. ohne Finesse Fotos
REUTERS

Die Fehleinschätzung des Abends kam von Laurent Blanc selbst. Der Trainer der französischen Nationalmannschaft trat nach dem Auftaktspiel seines Teams gegen England vor die Mikrofone und gab Interviews. Und, das muss man dem 46-Jährigen zugute halten, er gab viele Interviews. Da können schon einmal Worte fallen, die man anschließend nicht noch einmal aussprechen würde. Vielleicht hätte auch Blanc mit etwas mehr Abstand diesen einen Satz nicht gesagt, der die vorangegangenen 92 Minuten etwas eigenwillig beschreibt.

"Man hat beiden Teams angemerkt, dass sie gewinnen wollten, aber das Unentschieden geht in Ordnung", sagte Blanc nach dem 1:1 (1:1). Ja, das Unentschieden ging in Ordnung. Beim bisher schwächsten Spiel des Turniers trotzten ersatzgeschwächte Engländer den favorisierten Franzosen verdient ein Remis ab.

Doch den Siegeswillen sah bei Frankreich nur Blanc. Die rund 50.000 Zuschauer in Donezk wurden dagegen Zeuge, wie schwer sich seine hochgehandelte Mannschaft damit tat, ihrem Ruf als wiedererstarkte Fußballnation gerecht zu werden. "Es war frustrierend. Es hat sich angefühlt, als wären sie mit 15 Mann auf dem Platz. Sie haben gespielt wie Chelsea gegen Barcelona", sagte Frankreichs Außenverteidiger Patrice Evra über den Gegner.

Eine souveräne EM-Qualifikation (sechs Siege, drei Remis, eine Niederlage), insgesamt 21 Spiele ungeschlagen: Als Geheimfavorit war Frankreich in Polen und der Ukraine angetreten. Doch nach dem ersten Gruppenspiel sind "Les Bleus" erst einmal nur ein ganz geheimer Geheimfavorit.

Ängstlich, gehemmt, schüchtern

Besonders die zweite Halbzeit muss Trainer Blanc Grund zur Sorge geben. Nachdem Samir Nasri (39. Minute) die überraschende Führung durch Joleon Lescott (30.) ausgeglichen hatte, schien Frankreich endlich im Spiel. "Paradoxerweise haben wir ein Gegentor gebraucht, um die Initiative zu ergreifen", sagte Blanc. Doch dann ließ Frankreich gegen einen limitierten Gegner 45 Minuten lang Fußball der ganz trostlosen Sorte folgen.

Keine Ideen, kein Tempo, keine Chancen - und vor allem auch kein spürbarer Wille, sie zu erzwingen. Irgendwann wirkte es, als versuche die Mannschaft nicht mehr, das Spiel zu gewinnen. Blanc sagte: "In der zweiten Halbzeit hätten wir ein zweites Tor erzielen müssen." Die größte Enttäuschung gegen harmlose Engländer war aber ausgerechnet die hochkarätig besetzte Angriffsreihe mit Top-Spielern wie Karim Benzema, Nasri und Franck Ribéry.

Das Trio kam mit der dichten englischen Abwehrreihe nicht zurecht, erhielt aus dem Zentrum, wo Yann M'Vila und Blaise Matuidi nach Verletzungen draußen blieben, aber auch kaum Unterstützung. Mit Ausnahme von Yohan Cabaye, der im Mittelfeld ein großes Pensum abspulte und mit ein, zwei Distanzschüssen Zeichen setzte, wirkte Frankreich seltsam gehemmt. "Wir haben zu ängstlich gespielt", räumte Blanc ein. "Wir waren ein wenig schüchtern am Anfang."

Blanc hat in der Offensive Alternativen

Durch das Unentschieden wartet Frankreich nun schon seit der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland auf einen Erfolg bei einer WM- oder EM-Endrunde. Damals besiegte das Team im Halbfinale Portugal 1:0. Wenn es nach übereifrigen Fernsehkommentatoren geht, die Mannschaften bereits nach dem ersten Gruppenspiel abschreiben oder in potentielle Titelkandidaten einteilen, dann schafft es Frankreich in Polen und der Ukraine nicht wie 2006 ins Endspiel.

Aber Blanc weiß: "Auftaktspiele sind schwer". Die kommenden beiden Gruppengegner Ukraine und Schweden gelten zudem als schlagbar. Ein Eindruck, der sich nach dem 2:1 (0:0)-Sieg des EM-Co-Gastgebers gegen die Skandinavier nicht geändert haben dürfte. Und Blanc hat Alternativen. Im Sturm wartet beispielsweise Olivier Giroud auf seinen ersten EM-Einsatz. Der Angreifer (21 Saisontore) vom französischen Meister Montpellier hat zwar erst sechs Länderspiele absolviert, erzielte beim 2:1-Sieg gegen Deutschland im Februar in Bremen aber seinen ersten Treffer.

Vielleicht wirkte auch deshalb beim französischen Team niemand ernsthaft besorgt. "Das 1:1 ist okay", sagte Blanc. Und Stürmer Benzema ist sich sicher: "Wir sind in der Spur." Ob er recht hat, zeigt sich am kommenden Freitag. Eine weitere Fehleinschätzung kann sich Frankreich nicht erlauben.

Frankreich - England 1:1 (1:1)
0:1 Lescott (30.)
1:1 Nasri (39.)
Frankreich: Lloris - Debuchy, Rami, Mexes, Evra - Diarra - Cabaye (84. Ben Arfa), Malouda (85. Martin) - Nasri, Ribéry - Benzema
England: Hart - Johnson, Terry, Lescott, Cole - Gerrard, Parker (78. Henderson) - Milner, Oxlade-Chamberlain (77. Defoe) - Young, Welbeck (90.+1 Walcott)
Schiedsrichter: Nicola Rizzoli (Schweiz)
Zuschauer: 50.000
Gelbe Karten: / - Oxlade-Chamberlain, Young

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1. Geheimfavorit?
hubertrudnick1 12.06.2012
Zitat von sysopMon dieu! Als möglicher Titelanwärter war Frankreich zur EM gereist. Doch beim mühsamen Remis gegen England zeigte sich die Équipe Tricolore ohne Glanz und Esprit. Die größte Enttäuschung für Trainer Blanc war ausgerechnet die hochkarätig besetzte Offensive. Zum Glück hat er noch Alternativen. EM 2012: Frankreich muss sich nach England-Spiel steigern - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,838263,00.html)
Wer stellt das wohl immer auf, wer entscheidet wer ein Favorit ist? Das alles sind nur Glaskugelbetrachter, sie wollen uns was unterjubeln und mehr nicht. HR
2. .
frubi 12.06.2012
Zitat von hubertrudnick1Wer stellt das wohl immer auf, wer entscheidet wer ein Favorit ist? Das alles sind nur Glaskugelbetrachter, sie wollen uns was unterjubeln und mehr nicht. HR
So siehts aus. Und am Ende wird Griechenland Europameister. Bei so einem Turnier kann alles passieren und das schöne am Fußball (wie sowieso im SPort) ist doch, dass man jederzeit überrascht werden kann. Ich jedenfalls genieße jedes Spiel bei der EM. Manche Teams haben mich wirklich überrascht und meinen Horizont erweitert. Die Ukrainer, die Russen sowie die Dänen hatte ich nicht so kompakt und unaufgeregt erwartet. Den Ukrainern an sich gönne ich jeden Erfolg denn das normale Volk wurde durch die Berichterstattung über deren Staatsführung in letzten Zeit ziemlich verunglimpft. Man spricht immer über die Ukraine und meint eigentlich deren Regierung. Das ist schon recht unfair. Bislang ist auch noch kein 0:0 zustande gekommen und es gab immer Tore. Einige Highlights waren auch schon dabei. Die Vorarbeit von Gerrard zum 1:0 für England gegen Frankreich war einfach nur geil.
3. England?
lmatterhorn 12.06.2012
Es wird immer nur über die Franzosen geschrieben dabei fand ich die Leistung der Engländer viel viel schlimmer! Ich frage mich echt wie die diese Gruppenphase überstehen wollen. Zitat "spielt wie Chelsea gegen Barcelona" die Enländer standen nur hinten drin und waren nicht mal in der Lage einen vernünftigen Konter zu spielen! Das ist ja schon beleidigend Chelsea mit England zu vergleichen. Ich muss schon sagen das England bisher die schlechteste Leistung des Turniers geboten hat.
4. Mon dieu...
rokokokokotte 12.06.2012
Zitat von sysopMon dieu! Als möglicher Titelanwärter war Frankreich zur EM gereist. Doch beim mühsamen Remis gegen England zeigte sich die Équipe Tricolore ohne Glanz und Esprit....usw. usw. blabla... EM 2012: Frankreich muss sich nach England-Spiel steigern - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,838263,00.html)
...schon vergessen? Das spielerische Feuerwerk der Deutschen gegen Portugal?...harhar! Immerhin war die "Triste Nation" derart glücklich und offensichtlich maßlos erleichtert über den Gomezschen Glückszufallstreffer , dass diese den Kicker im medialen Nachgang schon zum "Helden" hochstilisiert hat. Schland, Oh Schland!! Wie feddich bis du denn...um im Jargon zu bleiben.
5. optional
SächsischerGoldmann 12.06.2012
Was ist das denn nun wieder für ein Blödsinn! Dies ist die beste französisische Nationalelf seit 6 Jahren, und nur weil die Engländer das Tor zugestellt haben und das Unentschieden gehalten haben, wird das gesamte französische Team jetzt wieder seiner Favoritenrolle beraubt. Man sollte zuerst einmal beim eigenen Team nachsehen, ehe man die anderen Mannschaften kritisiert. Dusel-Deutschland war meiner Meinung nach schlechter als Frankreich und hatte enormes Glück, nicht ein, zwei Gegentore zu bekommen.
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