EM-Gastgeber Ukraine: Favorit aufs Ausscheiden

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Mit Konterfußball will die Ukraine bei der EM ins Viertelfinale stürmen - doch dem Gastgeber droht schon in der Gruppenphase das Aus. Die Abwehr ist unerfahren, der Sturm zu alt, im Tor steht Keeper Nummer vier. Und nun hat der Verband auch noch eine Doping-Diskussion am Hals.

EM-Gastgeber Ukraine: Große Namen, große Probleme Fotos
REUTERS

Die Nummer mit dem Gift-Anschlag schien gerade in Vergessenheit zu geraten, da bekam sie eine ganz neue Wendung. Nachdem die Ukraine ihr letztes EM-Testspiel in Ingolstadt gegen die Türkei (0:2) verloren hatte, behauptete Nationaltrainer Oleg Blochin: "Unsere Spieler sind in Deutschland vergiftet worden." Weil sich zehn Profis unwohl fühlten und über Magenschmerzen klagten, sprach Blochin von einer Lebensmittelvergiftung.

Es war wohl eher ein Ablenkungsmanöver von der schlechten Leistung des eigenen Teams, denn Blochin konnte kurze Zeit später Entwarnung geben: "Alle 23 Spieler sind fit und in guter Kondition. Das Thema ist erledigt." Von wegen.

Kurz vor dem Auftaktspiel der Ukraine gegen Schweden am Montagabend (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) meldete sich der frühere sowjetische Nationalspieler Alexander Sawarow zu Wort. Der war bis Januar 2010 Trainer bei Arsenal Kiew und sagte: "Die ganze Geschichte ist für mich ein einziges Déjà-vu-Erlebnis. 2009 hatten bei uns auch einige Spieler Magenprobleme. Ein paar Wochen später gab es bei einem, Alexander Dannilow, eine positive Dopingprobe." Das Brisante an Sawarows Worten: Kiews Mannschaftsarzt damals war Leonid Mironow - und der ist aktuell Arzt der ukrainischen Nationalmannschaft.

Zwar wehrten sich Mironow und der Verband umgehend gegen die Vorwürfe. Doch der Dopingverdacht steht im Raum und überlagert die sportlichen Schlagzeilen vor dem ersten Auftritt der Ukraine bei einer EM. Vielleicht ist das aber auch besser so für das Blochin-Team. Denn während der eine Gastgeber der Europameisterschaft, Polen, immer wieder als Geheimfavorit auf den EM-Titel genannt wird, ist der andere, die Ukraine, in seiner Gruppe höchstens Favorit auf das Ausscheiden.

Torhüter Nummer vier steht zwischen den Pfosten

Zwar ist die Erwartungshaltung in der ehemaligen Sowjetrepublik nicht weniger hoch als in Polen. Allerdings besteht die Gefahr, dass die Euphorie in der Ukraine schon nach dem Schweden-Match wieder vorbei ist. "Das erste Spiel bei einem solch kurzen Turnier ist immer schwer, besonders für einen Co-Gastgeber", sagte Blochin schon mal vorsorglich. Denn der Coach hat nur Probleme: Der Torwart, die Abwehr, der Sturm - fast überall hakt es.

Bei der EM wird wohl Andrej Pjatow zwischen den Pfosten stehen. Er ist bei der Ukraine Torhüter Nummer vier und wäre unter normalen Umständen gar nicht beim Turnier dabei. Weil aber Alexander Rybka (Dopingsperre), Alexander Shovkovsky und Andrey Dikan (beide verletzt) für die EM ausfallen, fehlen Blochin seine drei besten Keeper.

Schewtschenko und Woronin leben von ihrem Ruf

Die internationale Unerfahrenheit setzt sich in der Viererkette fort. Kein Spieler in der Abwehr hat mehr als 30 Länderspiele absolviert, einige sind nicht einmal Stammspieler in ihren Clubs. "Ich habe nicht viele Möglichkeiten, weil ausländische Profis in unseren Spitzenclubs den Ton angeben", klagte Blochin im "Kicker": "Deshalb muss ich sogar Spieler einladen, die in ihren Vereinen nur auf der Bank sitzen."

Im Angriff plant Blochin mit Andrej Schewtschenko, der aber eher von seinem guten Ruf lebt, als mit guten Leistungen aufzufallen. Schewtschenko, 2003 Champions-League-Sieger mit dem AC Mailand, ist fast 36 Jahre alt, hatte zuletzt mit diversen Verletzungen zu kämpfen und wird nach der EM seine Nationalmannschafts-Karriere beenden. Auch Angreifer und Ex-Bundesliga-Profi Andrej Woronin (32) hat viel von seiner einstigen Torgefährlichkeit eingebüßt, wegen der ihn der FC Liverpool 2007 aus Leverkusen geholt hatte - aber nach einem Jahr prompt wieder in die Bundesliga zu Hertha BSC ausgeliehen wurde.

Bleibt das Mittelfeld, wo die Ukraine am besten besetzt ist. Dort ordnen Bayern-Profi Anatoli Timoschtschuk und Rotan Ruslan (Dnjpr Dnjpropetrowsk) das Spiel. Auch Oleg Gusew (Dynamo Kiew) hat mit mehr als 70 Länderspielen viel Erfahrung. Auf diese Spieler wird es ankommen, wenn die Ukrainer ihre Stärke ausspielen wollen: das Kontern, das schnelle Umschalten von Abwehr auf Angriff.

In der Gruppe D könnte das als Erfolgsrezept allerdings zu wenig sein. Während Polen in Griechenland, Russland und Tschechien machbare Aufgaben zugelost bekommen hat, warten auf die Ukraine nach Schweden noch Frankreich und England.

"Keiner weiß, wie stark wir wirklich sind", sagt Schewtschenko. Er ließ offen, ob das als Kampfansage oder eigene Ratlosigkeit verstanden werden soll.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. so kann man...
kodomono 11.06.2012
sich irren. zuviele stereotypen im artikel, die heute abend zurecht bestraft werden. Die Ukraine sind kein trauriger gedopter Altherrenverein. Sie sind zweitklassig, ja, aber mit Kampf und Heimvorteil können sie in der Gruppe mithalten. Warum auch nicht? Frankreich, Schweden, England, große Namen, aber vollkommen uninspiriert. weltklasse geht anders. warum soll ein gastgeber mit enthusiasmus da nicht mitspielen können. Keines der 16 Teams hat bisher wirklich überragt.
2. wie man sich doch irren kann
JulianRo 11.06.2012
tja. was soll man noch mehr dazu sagen ;) Wir sollten es den Gastgebern gönnen.
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