EM-Gastgeber Ukraine: Das größte Spiel der Geschichte

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Für die Ukraine geht es im letzten Gruppenspiel um alles: Nur mit einem Sieg gegen England kommt der EM-Gastgeber noch ins Viertelfinale. Doch die Vorzeichen stehen schlecht. Die Euphorie im Land ist verschwunden, der Superstar angeschlagen.

England vs. Ukraine: Werkeln am Wunder Fotos
DPA

Hamburg - Der Zeitpunkt verblüffte etwas. Am Montag schon, also noch vor dem Ende der Vorrunde, sah sich Michel Platini bereits zu einer Art EM-Zwischenbilanz genötigt. Der Uefa-Präsident sagte, die Ukraine habe bei der Fußball-Europameisterschaft im eigenen Land "schon gewonnen". Der 56 Jährige sei "sehr zufrieden". Mit der Atmosphäre, mit den Stadien. Und überhaupt.

Doch für die ebenso freundlichen wie kalkulierten Worte Platinis dürften die ukrainische Nationalmannschaft und ihre Fans wenig übrig haben. Für sie droht das Turnier eine große Enttäuschung zu werden. Die Ukraine hat am Dienstagabend gegen England (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ein Endspiel. In der Vorrunde, wohlgemerkt.

Die Mannschaft von Trainer Oleg Blochin muss gewinnen, sonst ist das Aus in der Gruppenphase besiegelt. Allein das ist eine enorme Drucksituation, doch bei dem Spiel geht es um mehr als drei Punkte. Es geht um die Stimmung im Land - und um das fußballerische Ansehen der beiden EM-Gastgeber, nachdem am Samstag bereits Co-Ausrichter Polen kläglich in der Vorrunde gescheitert war.

Mancher braucht trotzdem noch eine verbale Überhöhung der anstehenden Aufgabe. Ukraines Stürmer Andrej Woronin sieht in dem Duell mit den Briten schlicht und ergreifend das "größte Spiel der Geschichte unseres Landes". Wer meint, dass angesichts dieses Ereignisses jeder in Ekstase gerät, täuscht sich.

Frankreich legte Ukraines Schwächen offen

Die Euphorie in der Ukraine ist trotz des 2:1-Auftaktsiegs gegen Schweden verflogen. Nur rund tausend Zuschauer kamen am Montag noch zum öffentlichen Training ins Metalurg-Stadion in Donezk, nur ab und zu hallten "Ukraina, Ukraina"-Rufe über die halbleeren Sitzreihen. Die Anhänger der Ukraine sind skeptisch. Das hat vor allem mit der 0:2-Niederlage gegen Frankreich zu tun, bei der man am vergangenen Freitag in der zweiten Halbzeit schonungslos die Schwächen im eigenen Team aufgezeigt bekommen hatte.

Gegen die schnellen, wendigen und trickreichen Angreifer der Franzosen, die Benzemas, Nasris und Ribérys, war die Ukraine machtlos: Besonders das schwerfällige defensive Mittelfeld um den langsamen Anatoli Timoschtschuk und die Innenverteidigung mit Yevhen Khacheridi und Taras Mikhalik, die gegen Frankreich mehrfach Abstimmungsprobleme hatten, wirkten überfordert.

Und nun geht es gegen einen Angstgegner. In vier Duellen mit England verlor die Ukraine dreimal. Bei der EM drehten die Briten gegen Schweden zuletzt einen 1:2-Rückstand in einen 3:2-Sieg. Plötzlich braucht die wegen zahlreicher Verletzungen als Außenseiter gehandelte Mannschaft nur noch einen Punkt für den Einzug ins Viertelfinale. Und gegen die Ukraine kehrt auch Rotsünder Wayne Rooney zurück. Der 26 Jahre alte Superstar darf erstmals nach seiner Sperre bei dieser EM mitspielen.

Sorgen um Schewtschenko

Während der Stürmer von Manchester United endlich wieder die Rolle des Hoffnungsträgers ausfüllen kann, ist der wichtigste Mann für das ukrainische Team vor dem Anpfiff zum größten Problem geworden: Andrej Schewtschenko hat Knieprobleme. Am Montagnachmittag trainierte der 35-Jährige zwar wieder. Doch die Chancen auf einen Einsatz stünden lediglich bei "50:50", sagte Teamarzt Leonid Mironow.

Der Doppeltorschütze aus dem Schweden-Spiel ist für die Ukraine nicht zu ersetzen. "Er ist wirklich wichtig, es gibt wahrscheinlich keinen besseren Stürmer als ihn in der Ukraine", sagte Trainer Blochin. Ex-Bundesliga-Profi Woronin enttäuschte bei seinen Einsätzen bisher ebenso wie die stets eingewechselten Artem Milevskiy und Marko Devic.

"Wir wissen, wie wichtig dieses Spiel für die Ukraine ist. Wir wollen weiter als Polen kommen", sagt Woronin. Doch der Zweifel an der Leistungsfähigkeit der ukrainischen Nationalmannschaft ist groß, auch im eigenen Land. Es bedürfe eines Wunders, um England zu schlagen, war in den Zeitungen zu lesen.

Bei derlei Skepsis gingen die lobenden Worte von Michel Platini beinahe unter. Das ist schade, denn die Cleverness des Franzosen würdigte deshalb auch niemand. Dabei erfüllen seine warmen Worte doch einen doppelten Zweck: Lob und Trost. Nur für den Fall, dass die Ukraine ab Dienstagabend nicht mehr an der Europameisterschaft teilnimmt.

England - Ukraine 20.45 Uhr (in Donezk)
(voraussichtliche Aufstellungen)
England: Hart - A. Cole, Lescott, Terry, G. Johnson - Gerrard, Parker - Milner, Rooney, A. Young - Welbeck
Ukraine: Pyatov - Gusyev, Mikhalik, Khacheridi, Rakytskyy - Timoschtschuk - Yarmolenko, Garmash, Konoplyanka - Schewtschenko, Devic
Schiedsrichter: Kassai (Ungarn)

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Was der Funktionär Platini sagt,
adam68161 19.06.2012
ist doch wurscht. Tatsache ist, dass sich beide Länder durch die teuren Investitionen sinnlos verschuldet haben, obwohl sicher andere Projekte das Geld bitter nötig gehabt hätten.
2. Polen, mehr aber die Ukraine sind fussballerisch eher Entwicklungskandidaten!
gladiator66 19.06.2012
Was hätte sein sollen, außer dass sie enorme Schulden gemacht haben! Die erhoffte Nachnutzung wird es auch nicht bringen! Eigentlich schade!
3.
herrko 19.06.2012
Zitat von sysopFür die Ukraine geht es im letzten Gruppenspiel um alles: Nur mit einem Sieg gegen England kommt der EM-Gastgeber noch ins Viertelfinale. Doch die Vorzeichen stehen schlecht. Die Euphorie im Land ist verschwunden, der Superstar angeschlagen. EM 2012: Gastgeber Ukraine muss gegen England gewinnen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,839583,00.html)
Das kann ich so aber beim besten Willen nicht bestätigen. Der Osten der Ukraine ist eher russisch geprägt, in Charkiv im Stadion gab es lautere "Russia" Rufe als "Ukraina". Das hat aber wirklich nichts mit der Atmosphäre oder der Euphorie zu tun sonder mit der Bevölkerung vor Ort. Ich war beispielsweise gestern noch in Lviv und da sind alle extrem euphorisiert und fiebern dem Spiel entgegen. Ich muss sagen, dass dort meiner Einschätzung nach auch eher die richtige Ukraine anzusiedeln ist. Und die "Ukraina"-Rufe, die in dem Artikel vermisst werden, hallten die ganze Woche durch Lviv - auch nach dem Frankreich-Spiel!
4. Das stimmtwohl-egal...
juergw. 19.06.2012
Zitat von adam68161ist doch wurscht. Tatsache ist, dass sich beide Länder durch die teuren Investitionen sinnlos verschuldet haben, obwohl sicher andere Projekte das Geld bitter nötig gehabt hätten.
Da findet sich sicher ein EFS Schirm unter dem man schlüpfen kann.Auf die paar Milliarden kommt es dann auch nicht mehr an.
5. Platini
CitizenTM 19.06.2012
Der von mir in meiner Kindheit BEWUNDERTE Platini ist zu einem feisten Sonnengott verkommen - kein Deut besser als der ekelhafte Blatter.
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