Aus Warschau berichtet Daniel Theweleit
Es war Mitternacht, die ersten großen Helden, die diese Europameisterschaft hervorgebracht hatte, warteten längst im Bus auf die Abfahrt, da stiegen immer noch kleine Rauchwölkchen über dem Grüppchen griechischer Journalisten auf. Griechenlands Trainer Fernando Santos zog an seiner Zigarette und mochte gar nicht aufhören, das 1:0 seiner Mannschaft über Russland und den damit verbundenden sensationellen Viertelfinaleinzug von allen Seiten gründlich auszuleuchten.
Und natürlich dachte der portugiesische Coach auch schon ans Viertelfinale, in dem Griechenland ausgerechnet auf Deutschland treffen könnte, wenn die Mannschaft von Joachim Löw am Sonntagabend (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) nicht gegen Dänemark verliert.
Und weil Santos ein reflektierter Mann ist, ging er auch auf Fragen nach der politischen Dimension eines solchen Duells ein. Die krisengebeutelten Griechen fühlen sich ja mächtig gegängelt von Angela Merkel. Santos Stimme wurde scharf: "Was uns inspiriert, ist die Geschichte Griechenlands, die Werte der Demokratie kommen hierher, jeder muss dieses Land respektieren", sagte der Trainer, als jemand die unerbittliche Haltung der Bundeskanzlerin gegenüber dem Schuldenstaat erwähnte.
Karagounis trifft - und fehlt im Viertelfinale
Man könnte nun einwenden, solcherlei Ausschweifungen hätten nichts mit Fußball zu tun, doch die griechische Europameisterschaftsmission ist beseelt von einem tieferen Sinn. Alle Spieler sprachen spätestens im dritten Satz ihrer Spielanalysen von den Gefühlen der Leute in der Heimat. "Diese Nacht ist sehr, sehr wichtig für die Menschen, die unter großen Problemen leiden", sagte Georgios Karagounis, der in der Nachspielzeit der ersten Hälfte den einzigen Treffer dieses Duells gegen Russland erzielt hatte. Der Kapitän empfand den überraschenden Erfolg als "reine Magie" und war selbst zum tragischen Helden geworden.
Karagounis hatte sein 120. Länderspiel absolviert, der 35-Jährige hat jetzt genauso oft für das Nationalteam gespielt wie Rekordnationalspieler Theodoros Zagorakis, und er hatte mit seinem Tor den ersten Sieg einer griechischen Mannschaft bei einer Europameisterschaft seit dem sensationellen Final-Triumph von 2004 ermöglicht. Aber nach einem Sturz im Strafraum, den der in vielen Situationen recht seltsam agierende Schiedsrichter Jonas Eriksson aus Schweden für eine Schwalbe hielt, sah Karagounis seine zweite Gelbe Karte des Turniers und ist im Viertelfinale gesperrt. Er hofft nun auf nachträgliche Milde: "Vielleicht schaut sich die Uefa die Szene noch mal an. Das ist einfach nur schade und nicht fair."
Russland ohne Leidenschaft, Wille und Erfolgshunger
Doch die Entscheidung passt ins Selbstbild der Griechen, die sich nicht nur politisch und wirtschaftlich in der Opferrolle wähnen: "Alle Schiedsrichter waren gegen uns", sagte Kostas Kastouranis, zwei reguläre Tore habe man seinem Team in der Vorrunde gestohlen, dazu die Gelben Karten (auch José Holebas ist im Viertelfinale gesperrt) und der unberechtigte Platzverweis für Sokratis im Eröffnungsspiel. Das griechische Gefühl sich gegen alle Ungerechtigkeiten dieser Welt zu stemmen zu müssen, verbindet diese Mannschaft mit dem Volk und scheint gewaltige Kräfte freizusetzen. Den temperamentlosen Russen fehlte eine solche Energiequelle.
Dick Advocaat behauptete selbst nach dieser sportlichen Katastrophe noch, dass seine Mannschaft "sehr gut" gewesen sei, und rein spielerisch mag diese These sogar zutreffen. Aber den Russen, als Gruppenerster ins Spiel gestartet, fehlten nach dem Gegentor kurz vor der Pause Leidenschaft, Wille und Erfolgshunger, um die Partie noch einmal zu drehen. Trotz Punktgleichheit und besserer Tordifferenz schied Russland aus - das komplizierte Uefa-Regelwerk macht es möglich. Auf der Ebene der Emotionen waren die Griechen den Russen hoch überlegen.
Ein paar Fernschüsse gaben die Russen ab, ein gefährlicher Kopfball von Alan Dsagojew kurz vor Schluss, hätte sie beinahe noch gerettet. Irgendetwas lief grundlegend falsch bei den Russen, die ja heimlich auf den Titel gehofft hatten. Doch die Kraft der Geschichte war an diesem Abend auf der Seite der Griechen.
Griechenland - Russland 1:0 (1:0)
1:0 Karagounis (45.+2)
Griechenland: Sifakis - Torosidis, Sokratis, K. Papadopoulos, Tzavellas - Katsouranis, Maniatis - Salpingidis (83. Ninis), Karagounis (67. Makos), Samaras - Gekas (64. Holebas)
Russland: Malafejew - Anjukow (81. Ismailow), A. Beresuzki, Ignaschewitsch, Schirkow - Schirokow, Denissow, Gluschakow (72. Pogrebnjak) - Dsagojew, Arschawin - Kerschakow (46. Pawljutschenko)
Schiedsrichter: Eriksson (Schweden)
Zuschauer (in Warschau): 55.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Karagounis (2), Holebas (2) / Anjukow, Schirkow, Dsagojew (2), Pogrebnjak
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