EM-Halbfinalist Italien: Die Spielverderber

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Achtung, Deutschland: Ausgerechnet den Angstgegner Italien muss das DFB-Team bezwingen, um den Traum vom EM-Endspiel wahr zu machen. Und rechtzeitig zum Halbfinal-Highlight präsentiert sich die Squadra Azzurra in Topform. Zum Favoriten macht sie das aber noch nicht.

Mittelfeldspieler Pirlo: Italiens bester Mann Fotos
AP

Italien also. Die Zerstörer des deutschen Sommermärchens, der Weltmeister von 2006. Die Unberechenbaren, der Angstgegner. Mit Weltklasse-Keeper Gianluigi Buffon, dem Alleskönner Daniele de Rossi, der Passmaschine Andrea Pirlo und dem laufenden Stürmer-Exzess Mario Balotelli. Deutschland, du hast dein Highlight im Halbfinale.

Am Donnerstag (20.45 Uhr, Liveticker bei SPIEGEL ONLINE) steht die deutsche Nationalmannschaft im Halbfinale vor einer enormen Aufgabe: Im Kampf um das EM-Endspiel geht es gegen eine der taktisch stärksten Mannschaften der Welt. Eine, die dem Gegner das Spiel verderben kann wie keine andere. Und eine, die das Spiel machen kann - obwohl das bisher nur wenige glauben wollten.

Nach Italiens Dauer-Dominanz im Viertelfinale, in dem England das Team war, das fast 120 Minuten lang versuchte, ein 0:0 über die Zeit zu retten, jubelte die heimische Presse. "Italien, einfach enorm!", hieß es im "Corriere dello Sport" stellvertretend für ein Land, in dem die Stimmung "explodiert", wie die Zeitung schreibt. Und das, obwohl Italien noch nicht einmal am Limit agierte. Denn wie stark das Team ist, konnte am Sonntagabend jeder sehen. Wie schwach Italien sein kann, allerdings auch. Vor allem die Anfangsphase legte die Probleme der Mannschaft von Nationaltrainer Cesare Prandelli offen. Die schnellen Angriffe der Engländer überforderten die Außenverteidiger Ignazio Abate und Federico Balzaretti. Gingen die Briten hohes Tempo, kamen sie fast zwangsläufig zu Chancen. Die Herren Podolski, Müller, Reus oder Schürrle werden das registriert haben.

Genauso wie die Tatsache, dass bei den Azzurri nach rund 60 Minuten die Kräfte nachließen. Doch die Italiener können diese Schwäche kaschieren: Sie sind Meister darin, das Tempo zu verschleppen. Davon durfte sich bei diesem Turnier vor den Engländern bereits Welt- und Europameister Spanien überzeugen. Beim hochverdienten 1:1 stoppte Prandelli die gegnerischen Ballkünstler mit einem 3-5-2-System, weil er so im Mittelfeld immer wieder Überzahl herstellte und die schnellen Passstafetten der Spanier weitgehend wirkungslos blieben.

In der Zentrale verfügt Italien in Pirlo über seinen wichtigsten Spieler für die Offensive. Der 33-Jährige ist einer der besten Spieler des Turniers. Seine Pässe sind ebenso scharf wie präzise, seine Standards enorm gefährlich. Schafft es Deutschland ihn zu entnerven, steigen die Siegchancen.

Kompromisslose Härte und technische Brillanz

Pirlo ist Teil der Juve-Achse im italienischen Team. Hinter ihm standen gegen England in Torwart Gianluigi Buffon, der auch mit 34 Jahren noch zu den besten Keepern der Welt gehört, und den Verteidigern Leonardo Bonoucci und Andrea Barzagli drei weitere Profis vom italienischen Meister Juventus Turin in der Startaufstellung. Dazu kommt Claudio Marchisio im Mittelfeld. Man kennt sich, man schätzt sich. Und man vereint kompromisslose Härte und technische Brillanz.

Gegen England traf Italien zweimal den Pfosten, erzielte ein Abseitstor und erspielte sich ein Dutzend guter Chancen. Zu einem Treffer reichte es dennoch nicht. Gegen England schoss allein Mario Balotelli häufiger aufs Tor als die gesamte gegnerische Mannschaft zusammen. Gefährlich wurde es dabei aber selten. Kollege Antonio Cassano blieb wie in seinen anderen EM-Einsätzen wirkungslos. Die mangelnde Durchschlagskraft ist das größte Manko der Mannschaft. Im Halbfinale steht Italien trotzdem.

Und zwar mit Profis, die durchaus als Gegenentwurf zur deutschen Teamplayer-Mentalität gelten dürfen. Die Exzentriker Cassano und Balotelli sowie der angeblich in illegale Wettgeschäfte verwickelte Buffon: Es sind Spielertypen, die in der aktuellen DFB-Elf unvorstellbar wären. Doch Trainer Prandelli duldet sie nicht nur, sondern formte aus ihnen eine Elf, die nur zwei Jahre nach dem WM-Desaster von 2010 schon wieder an einen großen Triumph denken darf.

"Jetzt ist alles möglich", sagte Buffon nach dem Viertelfinal-Sieg gegen England. Der nächste Gegner macht niemandem Angst. "Deutschland hat eine tolle Mannschaft, aber wir glauben, dass wir bei diesem Turnier den ganzen Weg gehen werden", sagte Pirlo. Deutschland konnte Italien bei einer EM oder einer WM noch nie besiegen. Die Chancen, diese Statistik zu ändern, sind nach den Eindrücken vom Sonntagabend nicht gestiegen.

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insgesamt 101 Beiträge
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1. nix Titel
AverageXY 25.06.2012
Italien in topform gestern? Eine extremst schwache Chancenverwertung (36 mal aufs Tor geschossen - 0 drin), eine wackelige und fusslahme Defensive die schon geschwommen hat wenn der Gegner mit ein bisschen Anlauf ankam. England war gestern, wie schon in den Spielen zuvor, einfach nur schlecht und haben sich mit 10 Mann hinter dem Ball versteckt. Nach vorne kam fast gar nichts und Pirlo hat man einfach zu viel Zeit am Ball gelassen. Aber noch sind die Italiener nicht geschlagen und Deutschland noch nicht im Finale. Und es wäre leichtsinnig einen Halbfinalgegner zu unterschätzen.
2. Positiv
mesut2012 25.06.2012
Ich denke, es ist positiv, dass die DFB-Auswahl auf die italienische Mannschaft trifft. Die Negativ-Serie gegen diese zu beenden, wäre genau die richtige mentale Übung, um dann auch den Spaniern im Finale gegenüberzutreten. England wäre vielleicht leichter gewesen, aber aus einem möglichen Erfolg gegen die Italier kann unsere junge Mannschaft den größeren Wachstumsschub ziehen. Ich jedenfalls freue mich schon darauf, wenn am Donnerstag unsere beiden großen Fußballnationen wieder aufeinander treffen.
3. Finale
ilytch 25.06.2012
Italien hat verdient gewonnen. Sich hinten einigeln und auf das Elfmeterschiessen warten ist eben keine schlaue Taktik. Aber zu mehr reichte es bei den Engländern leider nicht. Von den verbleibenden 4 manschaften sehe ich Deutschland eher als die schwächste Mannschaft an. Auch wenn man alle Spiele gewonnen hat. Gegen Portugal hätte es anders ausgehen können, die Holländer waren erschreckend unterirdisch. Über die Griechen muss man nicht reden. Mit Italien bekommt Deutschlan nun einen wirklich guten Gegner den ich als Favorit ansehe. Letztendlich soll der bessere gewinnen. Ich würde mich über ein Endspiel Italien - Spanien sehr freuen. Für mich hat Deutschland einfach nicht diese Klasse. Gegen schwache Mannschaften brillieren kann jeder. Das muss man nicht hochloben. Ob Sie gegen starke Gegener so auch bestand haben möchte ich etwas bezweifeln. Aber man wird sehen.
4. Pirlo unglaublich
poetdale 25.06.2012
Was Pirlo gestern gespielt hat, war tatsächlich einmal fantastisch. Selten hat man soviele lange angekommene Pässe gesehen, da nicht nur vom Mitspieler erlaufen wurden, sondern auf dessen Fuss landeten. Es ist toll, dass eine starke italienische und sehr gute deutsche Mannschaft im Finale aufeinander treffen. Sicherlich ist Italien der weit schwierigere Gegner aber es könnten viele Minuten toller Sport werden. Insgesamt ist die EM Euphorie in Deutschland leider sehr gering. Das ist verwunderlich wo im Halbfinale die tatsächlich die besten Mannschaften Europas stehen. Es wäre nicht verwunderlich wenn im Finale Deutschland und Portugal ihr zweites Spiel bestreiten.
5.
idleberg 25.06.2012
endlich ein gegner, bei dem es sich deutschlands form zeigen wird. nach zwei guten und zwei so-lala spielen, kann ich mir den titel noch nicht so richtig vorstellen, zumal ausser portugal noch kein guter gegner dabei war. italien wäre ein anfang an mehr als nur hype zu glauben.
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