Von Christian Paul
Italien also. Die Zerstörer des deutschen Sommermärchens, der Weltmeister von 2006. Die Unberechenbaren, der Angstgegner. Mit Weltklasse-Keeper Gianluigi Buffon, dem Alleskönner Daniele de Rossi, der Passmaschine Andrea Pirlo und dem laufenden Stürmer-Exzess Mario Balotelli. Deutschland, du hast dein Highlight im Halbfinale.
Am Donnerstag (20.45 Uhr, Liveticker bei SPIEGEL ONLINE) steht die deutsche Nationalmannschaft im Halbfinale vor einer enormen Aufgabe: Im Kampf um das EM-Endspiel geht es gegen eine der taktisch stärksten Mannschaften der Welt. Eine, die dem Gegner das Spiel verderben kann wie keine andere. Und eine, die das Spiel machen kann - obwohl das bisher nur wenige glauben wollten.
Nach Italiens Dauer-Dominanz im Viertelfinale, in dem England das Team war, das fast 120 Minuten lang versuchte, ein 0:0 über die Zeit zu retten, jubelte die heimische Presse. "Italien, einfach enorm!", hieß es im "Corriere dello Sport" stellvertretend für ein Land, in dem die Stimmung "explodiert", wie die Zeitung schreibt. Und das, obwohl Italien noch nicht einmal am Limit agierte. Denn wie stark das Team ist, konnte am Sonntagabend jeder sehen. Wie schwach Italien sein kann, allerdings auch. Vor allem die Anfangsphase legte die Probleme der Mannschaft von Nationaltrainer Cesare Prandelli offen. Die schnellen Angriffe der Engländer überforderten die Außenverteidiger Ignazio Abate und Federico Balzaretti. Gingen die Briten hohes Tempo, kamen sie fast zwangsläufig zu Chancen. Die Herren Podolski, Müller, Reus oder Schürrle werden das registriert haben.
Genauso wie die Tatsache, dass bei den Azzurri nach rund 60 Minuten die Kräfte nachließen. Doch die Italiener können diese Schwäche kaschieren: Sie sind Meister darin, das Tempo zu verschleppen. Davon durfte sich bei diesem Turnier vor den Engländern bereits Welt- und Europameister Spanien überzeugen. Beim hochverdienten 1:1 stoppte Prandelli die gegnerischen Ballkünstler mit einem 3-5-2-System, weil er so im Mittelfeld immer wieder Überzahl herstellte und die schnellen Passstafetten der Spanier weitgehend wirkungslos blieben.
In der Zentrale verfügt Italien in Pirlo über seinen wichtigsten Spieler für die Offensive. Der 33-Jährige ist einer der besten Spieler des Turniers. Seine Pässe sind ebenso scharf wie präzise, seine Standards enorm gefährlich. Schafft es Deutschland ihn zu entnerven, steigen die Siegchancen.
Kompromisslose Härte und technische Brillanz
Pirlo ist Teil der Juve-Achse im italienischen Team. Hinter ihm standen gegen England in Torwart Gianluigi Buffon, der auch mit 34 Jahren noch zu den besten Keepern der Welt gehört, und den Verteidigern Leonardo Bonoucci und Andrea Barzagli drei weitere Profis vom italienischen Meister Juventus Turin in der Startaufstellung. Dazu kommt Claudio Marchisio im Mittelfeld. Man kennt sich, man schätzt sich. Und man vereint kompromisslose Härte und technische Brillanz.
Gegen England traf Italien zweimal den Pfosten, erzielte ein Abseitstor und erspielte sich ein Dutzend guter Chancen. Zu einem Treffer reichte es dennoch nicht. Gegen England schoss allein Mario Balotelli häufiger aufs Tor als die gesamte gegnerische Mannschaft zusammen. Gefährlich wurde es dabei aber selten. Kollege Antonio Cassano blieb wie in seinen anderen EM-Einsätzen wirkungslos. Die mangelnde Durchschlagskraft ist das größte Manko der Mannschaft. Im Halbfinale steht Italien trotzdem.
Und zwar mit Profis, die durchaus als Gegenentwurf zur deutschen Teamplayer-Mentalität gelten dürfen. Die Exzentriker Cassano und Balotelli sowie der angeblich in illegale Wettgeschäfte verwickelte Buffon: Es sind Spielertypen, die in der aktuellen DFB-Elf unvorstellbar wären. Doch Trainer Prandelli duldet sie nicht nur, sondern formte aus ihnen eine Elf, die nur zwei Jahre nach dem WM-Desaster von 2010 schon wieder an einen großen Triumph denken darf.
"Jetzt ist alles möglich", sagte Buffon nach dem Viertelfinal-Sieg gegen England. Der nächste Gegner macht niemandem Angst. "Deutschland hat eine tolle Mannschaft, aber wir glauben, dass wir bei diesem Turnier den ganzen Weg gehen werden", sagte Pirlo. Deutschland konnte Italien bei einer EM oder einer WM noch nie besiegen. Die Chancen, diese Statistik zu ändern, sind nach den Eindrücken vom Sonntagabend nicht gestiegen.
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