Vorrundensieg gegen Irland: K.o.-Zeit ist Italien-Zeit

Aus Posen berichtet

Die Vorrunde war durchwachsen, nur mit Mühe hat sich Italien ins EM-Viertelfinale geschleppt. Nun droht dem Team Frankreich, im Halbfinale Deutschland. Doch alle kommenden Gegner müssen aufpassen: Gegen die großen Nationen ist die "Squadra Azzurra" immer gefährlich.

Italien vs. Irland: Buffon jubelt, Trapattoni tobt Fotos
AP

Es waren nur wenige Sekunden, doch die Angst der italienischen Fußballer war unübersehbar an diesem Montagabend in Posen. Der mühsame 2:0-Erfolg gegen Irland war besiegelt, aber in Danzig, wo Spanien 1:0 gegen Kroatien führte, da lief das Spiel noch. Die Kroaten hatten einen Freistoß gegen Spanien, und wäre das 1:1 gefallen, hätten die Italiener trotz ihres Sieges die Heimreise antreten müssen. "Wir haben heute gelitten, sogar noch, als das Spiel zu Ende war", sagte Italiens Mittelfeldspieler Claudio Marchisio.

Aber an diesem Abend verzichtete der Fußballgott auf die Inszenierung eines ganz großen Dramas. Spanien gewann, und Italien schleppte sich mit letzter Kraft über die Ziellinie der EM-Gruppenphase. Die Iren hatten die "Squadra Azzurra" ganz schön erschreckt mit ihrem leidenschaftlichen Fußball, dem in einigen Momenten nur ein letzter sauberer Pass zum Torerfolg fehlte. Souverän hatte der Weltmeister von 2006 wahrlich nicht gewirkt. Den oder vielleicht auch die kommenden Gegner Italiens sollte das aber nicht beruhigen.

Italien, Halbfinalgegner der Deutschen, sofern beide ihre Viertelfinals gewinnen, ist immer dann besonders gefährlich, wenn die ganze Fußballwelt schon den Glauben an dieses Team verloren hat. "So sind wir", sagte Torwart Gianluigi Buffon, "gegen die Besten der Welt spielen wir auf Augenhöhe. Gegen die vermeintlich Kleinen haben wir dann unsere Probleme." Das Spiel der Italiener gegen Spanien hat alle Experten beeindruckt; gegen Kroatien spielten sie zumindest eine Stunde lang überzeugend; gegen Irland hatten sie große Schwierigkeiten.

Deshalb waren viele Beobachter ziemlich erstaunt, als sie nach dem Irland-Spiel bei der Pressekonferenz einem italienischen Trainer gegenübersaßen, der rundum zufrieden wirkte. "Ich bin sehr glücklich über unsere Leistung", sagte Cesare Prandelli: "Ich freue mich für das Team und bin glücklich, mit solchen Jungs zusammen zu arbeiten."

Ungenauigkeiten und Fehler im italienischen Spiel

Nach den ersten beiden Auftritten bei dieser EM waren derlei Hymnen vielleicht noch nachvollziehbar. Doch diesmal war das Spiel der Italiener in der Anfangsphase und während der gesamten zweiten Halbzeit durchsetzt von Ungenauigkeiten, von Fehlern. Außerdem schien sich auch gegen Irland zu bestätigen, was bereits die ersten beiden Partien angedeutet hatten: Irgendwann in der zweiten Halbzeit geht Italien die Kraft aus.

Je genauer die Partie nach dem Abpfiff seziert wurde, desto schwieriger fiel es Prandelli dann auch, seine These von einem guten Spiel aufrecht zu halten. "Wir hatten in den ersten 20 Minuten unsere Probleme", räumte er schließlich ein. Auch "zu Beginn der zweiten Halbzeit ist es nicht so gut gelaufen." Und in der Schlussphase litten die Italiener dann unter der Angst vor einer Blamage. "Ab der 75. Minute habe ich versucht, das alles nicht zu sehr an mich heranzulassen, denn diese Partie wurde emotional ziemlich schwierig", sagte Prandelli.

Italien hatte eigentlich nur in der Phase vor der Halbzeit gut gespielt, war verdient durch Antonio Cassano (35.) in Führung gegangen. Doch in der zweite Hälfte ging die Kontrolle verloren. Wieder einmal. Andrea Pirlo, der in den ersten beiden Partien brillant war, suchte an diesem Abend vergeblich nach seiner guten Form, wie praktisch das gesamte Mittelfeld. Italien hatte Glück, dass die Iren zwar voller Leidenschaft dafür kämpften, die Heimreise nicht ohne einen Punkt antreten zu müssen, fußballerisch aber einfach limitiert sind. Und als dem eingewechselten Mario Balotelli kurz vor Schluss das 2:0 gelang (90.), drohte nur noch die Gefahr eines kroatischen Ausgleichstors gegen Spanien.

Die Verwandlung der Italiener in eine Mannschaft, die auch konstant fußballerisch brilliert, die ist Prandelli noch nicht gelungen. Aber jetzt beginnt ja die Phase, in der die namhaften Gegner kommen. Und da werden italienische Teams fast immer stärker. Insofern kann der Weltmeister von 2006 trotz der schwachen Leistung gegen Irland beruhigt in die K.o.-Runde gehen.

Italien - Irland 2:0 (1:0)
1:0 Cassano (35.)
2:0 Balotelli (90.)
Italien: Buffon - Abate, Barzagli, Chiellini (57. Bonucci), Balzaretti - Pirlo - Marchisio, T. Motta, De Rossi - Di Natale (74. Balotelli), Cassano (63. Diamanti)
Irland: Given - O'Shea, Dunne, St. Ledger, Ward - McGeady (65. Long), Whelan, Andrews, Duff - Keane (86. Cox), Doyle (76. Walters)
Schiedsrichter: Cakir (Türkei)
Zuschauer (in Posen): 38.794
Gelbe Karten: Buffon, Balzaretti, De Rossi - O'Shea, St. Ledger
Gelb-Rot: Andrews (Irland, 89.), wegen wiederholten Foulspiels

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insgesamt 57 Beiträge
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1. Titelfavorit
sponser 19.06.2012
Italien ist für mich neben Deutschland und Spanien der Titelfavorit. Man muss schlagen, was kommt. Aber wenn im Falle Italiens die Franzosen das für uns erledigten (was ich nicht glaube), wäre mir das sehr recht.
2. Aufregend
Zenturio.Aerobus 19.06.2012
Zitat von sysop....nur mit Mühe hat sich Italien ins EM-Viertelfinale geschleppt. EM 2012: Italien zittert sich gegen Irland ins Viertelfinale - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,839666,00.html)
Das war auch mal wieder richtig spannend - ein Nachmittag auf einer Komastation könnte nicht aufregender sein als italienischer Fußball.
3. Achwas...
zwischenrufer66 19.06.2012
..entscheidend is' auf'm Platz. Und 2 Tore sind 2 Tore - und 3 Punkte gab es nicht für's schöne Spielen. Forza Italia!
4. Ich
zickezackehoihoihoi 19.06.2012
Zitat von Zenturio.AerobusDas war auch mal wieder richtig spannend - ein Nachmittag auf einer Komastation könnte nicht aufregender sein als italienischer Fußball.
bin gestern wirklich fast eingeschlafen. Und ich habe beide Spiele parallel geschaut. Das war mit Abstand der langweiligste Fußballabend seit langem. Da ist selbst das Bier schneller schal geworden....Wenigstens haben die irischen Fans wieder gut Stimmung gemacht.
5. D möglicher HF-Gegner?
sagezzainfinita 19.06.2012
Wenn das mal mit rechtem Dingen zugeht... Da brauchen die Italiener also nur das Viertelfinale gewinnen und schon stehen sie im Endspiel...
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Fußball-EM 2012

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Von der Fußball-EM in Polen und der Ukraine (8. Juni bis 1. Juli) berichtet unser Autor Daniel Theweleit.

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