DFB-Team vor EM-Start: Risikoeinsatz für die Routiniers

Aus Danzig berichtet

So viel Kontinuität gab es selten in der Nationalmannschaft. Beim EM-Auftakt gegen Portugal vertraut der Bundestrainer fast derselben Elf, die vor zwei Jahren bei der WM in Südafrika überzeugte. Und das, obwohl nicht alle Stammspieler in Topform sind. Löw geht dieses Risiko bewusst ein.

Fußball-EM 2012: Risikofälle Schweinsteiger und Mertesacker Fotos
Getty Images

In diesen Tagen war beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) sehr viel von der Farbe Grün die Rede. Der Trikothersteller durfte auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz das neue grüne Jersey der Nationalmannschaft bejubeln. DFB-Manager Oliver Bierhoff fand lobende Worte für einen Energiekonzern, der den DFB mit grünem Strom versorgt. Dabei sind die Nationalspieler, denen Bundestrainer Joachim Löw bei diesem EM-Turnier vertraut, alles, aber eines ganz bestimmt nicht: grün hinter den Ohren.

Löw schickt zum EM-Auftakt gegen Portugal am Samstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wahrscheinlich zehn Profis auf den Platz, die auch schon beim WM-Beginn vor zwei Jahren in Südafrika in der Startelf standen. Manuel Neuer, Philipp Lahm, Holger Badstuber, Per Mertesacker, Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira, Lukas Podolski, Mesut Özil, Thomas Müller und Miroslav Klose - sie alle waren bereits dabei, als mit dem 4:0 über Australien die Tür zu einem dann begeisternden Turnierverlauf geöffnet wurde.

Lediglich der ehemalige Herthaner Arne Friedrich, der mittlerweile in den USA aktiv ist, wird fehlen. Er wird wohl durch den Münchner Jérôme Boateng ersetzt. Wobei auch Boateng alles andere als ein Neuling ist: Ab Ende der Vorrunde gehörte auch er zum WM-Stamm.

Schweinsteiger ist der Wackelkandidat

Löws Mannschaft ist eingespielt, die Automatismen sitzen. Doch wo ein Vorteil ist, ist auch stets ein Nachteil, wie es der Fußball-Philosoph Johan Cruyff einmal ausdrückte. Dieses Team ist zwar zwei Jahre älter geworden, es sind aber auch nicht alle zwei Jahre besser geworden.

Einige jedoch schon: Özil und Khedira haben sich bei Real Madrid geradezu explosionsartig weiterentwickelt, sind heute Führungsspieler. Bayerns Badstuber ist zum Klasse-Verteidiger gereift, Teamkollege Neuer mittlerweile die unumstrittene Nummer eins im Tor. Dass dies 2010 noch nicht der Fall war, ist heute fast vergessen.

Aber da gibt es auch die anderen: Schweinsteiger und Mertesacker sind nach ihren Blessuren noch nicht ganz in Form gekommen. Schweinsteiger hat eine Saison hinter sich, die geprägt war von Verletzungspausen. Er hat seit dem vergangenen Herbst eigentlich nie so recht seinen Rhythmus finden können. Der Münchner hat danach immer wieder betont, er fühle sich fit, er sei einsatzbereit.

In der Rückrunde suchte man den Dominator Schweinsteiger trotzdem vergeblich. Er soll diese Rolle ausgerechnet bei der EM, dem Saisonhöhepunkt, wiederfinden. Schweinsteiger ist deshalb auch von all den WM-Fahrern der größte Wackelkandidat, wenn es um die Startaufstellung gegen die Portugiesen geht.

Zweifel an Podolski und Klose gibt es vor jedem Turnier

Müller war 2010 die Unbekümmertheit in Person, ein Unbekannter im Weltfußball, ein Unausrechenbarer für die gegnerischen Teams. Diesen Freiraum hat der Bayern-Youngster nach Belieben genutzt, er hat ihn zum Torschützenkönig des Turniers werden lassen. Es ist ihm danach schwer gefallen, diese fast naive spielerische Art zu bewahren. Müller hat großartige Länderspiele abgeliefert, er ist aber auch zuweilen abgetaucht. Er ist daher 2012 ein Überraschungspaket, diesmal aber für das eigene Team. Die Gegner haben ihn mittlerweile auf dem Zettel.

Zweifel an den Routiniers Podolski und Klose gibt es ohnehin vor jedem Turnier. Bisher mussten die Zweifler ihre Kritik anschließend meistens kleinlaut zurücknehmen. Eine Selbstverständlichkeit, dass beide auch bei dieser EM ins Rollen kommen, ist das aber auch nicht.

Joachim Löw weiß das alles. Er vertraut den Spielern trotzdem. Das ist sein Prinzip, das ist 2010 voll aufgegangen. Er sieht keinen Grund, davon abzurücken. Und deshalb bleiben die Gewinner der abgelaufenen Saison wie Münchens Toni Kroos, wie Marco Reus und seine künftigen Dortmunder Mannschaftskollegen erst einmal außen vor.

Es treten die bewährten Kräfte am Samstag an. Doch es ist ein gewagtes Spiel.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 57 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. 9.6.12
siebke 09.06.2012
Lassen wir uns überraschen....Ihnen alles Gute wünschen....und bitte erstmal abwarten! Step by step!
2. Mut?
logikerhh 09.06.2012
Meine Meinung dazu: Löw weiß dass diese Mannschaft eben NICHT eingespielt ist. Sie hat mindestens ein, eher zwei Testspiele zu wenig hinter sich, zudem ist die halbe Mannschaft erst später zum Training angereist. Da ist es nur konsequent, dieselbe Mannschaft zu Anfang ins Rennen zu schicken, die sich von der WM her schon kennt. Es ist die einzige Chance, dieses "Wir"-Gefühl wieder zurückzuerlangen, das seit Anfang dieses Jahres verloren gegangen ist. Mit Mut hat das nichts zu tun. Es bleibt ihm schlicht nichts anderes übrig.
3. Routiniers
Zenturio.Aerobus 09.06.2012
"Routiniers" ist so charmant ausgedrückt, klingt auch immer noch besser als "Veteranen". Bei uns im Ruhrgebiet ist man etwas direkter und nennt diese Spieler "alte Knöppe".
4. Wir...
rokokokokotte 09.06.2012
Zitat von sysop;10330980...Beim EM-Auftakt gegen Portugal vertraut der Bundestrainer fast derselben Elf, die vor zwei Jahren bei der WM in Südafrika überzeugte. Und das, obwohl nicht alle Stammspieler in Topform sind. Löw geht dieses Risiko bewusst ein. [url=http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,837737,00.htmlEM 2012: Joachim Löw vertraut gegen Portugal auf Schweinsteiger - SPIEGEL ONLINE[/url]
...sehen mal wieder einen ängstlichen BuTrai. Nächtelang wälzte er sich auf seinem durchschwitzten Laken um dann bei dem zu landen, was schon einmal gut ging. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Tja, und er MUSS jetzt mal langsam liefern, immerhin bammelt an seinem Hals schon das Bundesverdienstkreuz. Für Tutti... Apropos, je intelektueller der Redakteur, umso unsinniger die Berichterstattung aus der Operationszentrale. Was der aber auch mal wieder alles so reininterpretiert, der Peter! Kurz und gut: heute Abend ein Unentschieden - wenn es gutgeht!
5. Em!
phork030 09.06.2012
Wer entdeckt den Fehler in dem Satz? "Schweinsteiger ist deshalb auch von all den WM-Fahrern der größte Wackelkandidat, wenn es um die Startaufstellung gegen die Portugiesen geht."
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fußball-News
RSS
alles zum Thema Fußball-EM 2012
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 57 Kommentare
Vote
Deutschland vs. Portugal

Kann die DFB-Elf das portugiesische Starensemble um Cristiano Ronaldo schlagen?


Fußball-EM 2012
Zur Person
Von der Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine (8. Juni bis 1. Juli) berichtet unser Redakteur Peter Ahrens.

Fotostrecke
EM 2012: Die Stars der deutschen Gruppengegner

Europameister seit 1960
Jahr Nation
2012 Spanien
2008 Spanien
2004 Griechenland
2000 Frankreich
1996 Deutschland
1992 Dänemark
1988 Niederlande
1984 Frankreich
1980 BR Deutschland
1976 Tschechoslowakei
1972 BR Deutschland
1968 Italien
1964 Spanien
1960 Sowjetunion