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19. Juni 2012, 11:11 Uhr

Kritik an deutschem Schiedsrichter

"Stark hat Kroatien rausgeworfen"

Nach seinem ersten Auftritt wurde er mit Lob überschüttet, nun hagelt es Kritik am deutschen EM-Schiedsrichter Wolfgang Stark. Im Spiel zwischen Spanien und Kroatien übersah er einen klaren Elfmeter für die Kroaten. Auch die deutsche Elf hatte bereits Glück mit einer strittigen Entscheidung.

Hamburg - Über diese eine Szene regt sich ganz Fußball-Kroatien auf: Im EM-Gruppenspiel gegen Spanien lief die 27. Minute, als der kroatische Stürmer Mario Mandzukic von rechts mit dem Ball am Fuß in den Strafraum des Titelverteidigers eindrang. Spaniens Innenverteidiger Sergio Ramos rauschte heran, traf den Angreifer des Bundesligisten VfL Wolfsburg am Fuß, auch den Ball berührte der Abwehrspieler ein wenig. Der deutsche Schiedsrichter Wolfgang Stark entschied auf - Ecke. Eine Fehlentscheidung.

"Schiedsrichter Stark hat Kroatien rausgeworfen", schrieb die kroatische Tageszeitung "Jutarnji list" am Dienstag. Im TV-Sender Nova hieß es: "Kroatien ist tapfer und stolz gefallen: Das war eine Schiedsrichter-Ungerechtigkeit". Und die Zagreber Zeitung "Danas" titelte: "Heroisches Kroatien bei der EM raus! Wurden wir bestohlen?"

Die Reaktionen in Kroatien sind auch deshalb so heftig, weil das Team durch die 0:1-Niederlage gegen Spanien ausschied. Bei einem 1:1 wäre Kroatien statt Italien gemeinsam mit Spanien ins Viertelfinale eingezogen. Und als Ramos seinen Gegenspieler Mandzukic foulte, stand es noch 0:0. Ein womöglich verwandelter Elfmeter hätte einen ganz anderen Spielverlauf bedeuten können.

Urs Meier nimmt Schiedsrichter Stark in Schutz

"Wir sind bestohlen worden. Der Blindfisch hat den Elfer nicht gesehen", schimpfte der Leverkusener Bundesliga-Profi Vedran Corluka nach dem Spiel. Dass er richtig lag, bewiesen die TV-Bilder. Der frühere Fifa-Schiedsrichter Urs Meier nahm Stark allerdings in Schutz. "Er steht 30 Meter entfernt, das kann er kaum sehen", sagte der Schweizer im ZDF. Torrichter Florian Meyer stand allerdings nur wenige Meter vom Ort des Geschehens entfernt und hätte Stark informieren können.

"Nach Betrachtung der TV-Bilder hätte man Strafstoß geben müssen, das war für Wolfgang Stark von seiner Position aber schwer zu erkennen. Leider haben ihm seine Assistenten und der vierte Offizielle in dieser Szene nicht geholfen", sagte Hellmut Krug, Schiedsrichter-Beauftragte der DFL.

Auch das Tor der Spanier sorgte für Diskussionen: Beim Abspiel von Cesc Fàbregas auf Andrés Iniesta stand Jesús Navas im Abseits. Sekunden später traf er nach einem Zuspiel von Iniesta zum entscheidenden Tor. Stark ließ den Treffer gelten, weil er auf passives Abseits entschieden und die Vorlage von Iniesta auf seinen Teamkollegen als neue Spielsituation bewertet hatte.

Für seinen ersten EM-Einsatz beim Spiel Russland gegen Polen (1:1) hatte Stark noch gute Kritiken bekommen. Auch in der Partie Kroatien gegen Spanien lieferte der Referee eine solide Leistung ab - mit Ausnahme der beiden beschriebenen Szenen. Stark steht damit stellvertretend für fast alle Schiedsrichter bei dieser EM: Sie zeigen insgesamt sehr gute Leistungen, es gibt kaum klare Fehlentscheidungen - aber diese wenigen bieten stets viel Stoff für Diskussionen.

Eine ähnlich umstrittene Szene wie im Duell Kroatien gegen Spanien gab es bereits am Sonntagabend im Spiel zwischen Deutschland und Dänemark. Dort hatte DFB-Verteidiger Holger Badstuber im Zweikampf mit Nicklas Bendtner den Dänen-Stürmer im Strafraum am Trikot gezogen und damit zu Fall gebracht. Zu diesem Zeitpunkt hatte es 1:1 gestanden, ein weiteres Gegentor hätte das Ausscheiden des deutschen Teams bedeutet. Schiedsrichter Carlos Velasco aus Spanien pfiff keinen Strafstoß - eine zumindest fragwürdige Entscheidung. Während das Foul von Ramos an Mandzukic in die Elfmeter-Kategorie "muss man pfeifen" fällt, gehörte Badstubers Trikotzupfer zu den "kann man pfeifen"-Strafstößen.

Referee Velasco stand schon nach der EM-Auftaktpartie zwischen Polen und Griechenland (1:1) in der Kritik, als er dem griechischen Innenverteidiger Sokratis in Halbzeit eins zu Unrecht die gelb-rote Karte gezeigt hatte. Auch bei einer weiteren Fehlentscheidung waren die Griechen die Leidtragenden: Bei der Partie gegen Russland (1:0) bekam Torschütze Georgios Karagounis statt eines Elfmeters von Schiedsrichter Jonas Eriksson die Gelbe Karte wegen Schwalbe - und fehlt deswegen im Viertelfinale gegen Deutschland.

ham/dpa/sid

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