Niederlage gegen DFB-Team: Alptraum in Orange

Aus Charkiw berichtet

Die niederländische Nationalelf liegt am Boden. Nach der Niederlage gegen Deutschland droht ihr bereits in der Vorrunde das EM-Aus. Nur eine minimale Chance auf das Weiterkommen besteht noch - abhängig ist das Team dabei ausgerechnet von den Deutschen.

DPA

Die Nationalmannschaft der Niederlande wollte nach der Niederlage gegen Deutschland nur noch eines: so schnell wie möglich den Ort des Geschehens verlassen. Zu groß war die Schmach der zweiten EM-Pleite. Nach dem Spiel ging es noch in der Nacht per Charterflug vom ukrainischen Charkiw zurück ins polnische Krakau, wo die "Oranje"-Delegation ein schickes Stadthotel bewohnt.

"Wir sind riesig enttäuscht, aber es ist noch nicht total aus", sagte Kapitän Mark van Bommel, "wir sind noch im Wettbewerb - eigentlich ist das unglaublich." Der Schwiegersohn von Bondscoach Bert van Marwijk konnte die kuriose Konstellation kaum fassen. Auch die 1:2-Pleite gegen Deutschland bedeutet - nach der 0:1-Niederlage gegen Dänemark - noch nicht das vorzeitige Aus.

Einen Sieg mit zwei Toren Differenz gegen Portugal und einen gleichzeitigen deutschen Erfolg gegen die Dänen vorausgesetzt - und die Niederlande würde sich im direkten Vergleich gegen Portugal und Dänemark doch noch durchsetzen. Aber dafür braucht es viel Phantasie. Oder solche Vorstellungskraft, wie sie Abwehrspieler Joris Mathijsen aufbringt: "Bei einer Mannschaft, die fast ausgeschieden ist, passiert es vielleicht, dass nächstes Mal alle Chancen reingehen."

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DFB vs. Niederlande: Doppelter Gomez, ideenlose Niederlande
Trainer van Marwijk wirkte nach dem Spiel in seinem edlen, grauen Designer-Sakko ziemlich angeschlagen: "Wir haben gut angefangen, aber dann hat Deutschland ein Tor aus dem Nichts gemacht. Heute waren wir einfach nicht stark genug, wir haben nicht genug gezeigt." Nur an eines glauben Trainer und Spieler sicher: an die deutsche Schützenhilfe. Dirk Kuyt sagt: "Man kann viel über die Deutschen sagen, aber sie werden ihren Job tun." Mathijsen schreibt der DFB-Auswahl schon jetzt "Weltklasse" zu, "sie brauchen wenig Chancen, um ein Tor zu machen, sie schalten ganz schnell um."

Van Bommel und de Jong verlangsamen das Spiel

Alles Eigenschaften, die der aktuellen Belegschaft der Elftal abgehen. Ein Problem stellt die zentrale Schaltstation mit van Bommel und Nigel de Jong dar. Beide machen das Spiel ihrer Mannschaft eher langsamer, als es voran zu treiben. Auch in der Defensive steht das Duo nicht immer sicher: Vor dem 1:0 von Mario Gomez offenbarten beide im Stellungsspiel eklatante Schwächen.

Die defensive Anfälligkeit hat es in dieser Form bei der WM 2010 in Südafrika nicht gegeben, als es die Niederländer mit dem Gegenteil ihres berühmten "Voetbal totaal" bis ins Finale schafften. Für die Generation um Arjen Robben, Wesley Sneijder oder Robin van Persie, allesamt im besten Fußballalter, sollte dieses Turnier eigentlich die Krönung bringen: den Titel. Doch auch gegen die DFB-Elf trat das Team zwischen Abwehr und Angriff seltsam zweigeteilt auf und war weit davon entfernt, wie ein Titelfavorit zu spielen. Die deutsche Mannschaft legte schonungslos offen, woran es mangelt: an Struktur und Konzept, ein bisschen auch an Abschlussglück, aber vor allem an Zusammenhalt.

Marwijk, in den Niederlanden keineswegs mehr unumstritten, sagte: "Wir haben in der Schlussphase alles oder nichts gespielt. Aber leider hat es für uns nicht gereicht. Wir haben Mut im Gang nach vorn gezeigt, aber nicht in der Verteidigung." Der 60-Jährige muss jetzt überlegen, ob er seine zur Halbzeit angebrachten Korrekturen - Rafael van der Vaart ersetzte Bommel, Klaas-Jan Huntelaar kam für den wirkungslosen Ibrahim Afellay - nicht von Beginn an gegen Portugal umsetzt, um offensiver ausgerichtet ins Spiel zu gehen.

Laut van der Vaart ist das dringend nötig: "Ich sage schon immer, dass wir offensiver spielen müssen." Gelingt das gegen Portugal nicht, folgt der dritten Dienstreise nach Charkiw nur noch die Abreise in die Heimat.

Niederlande - Deutschland 1:2 (0:2)
0:1 Gomez (24.)
0:2 Gomez (38.)
1:2 Persie (73.)
Niederlande: Stekelenburg - van der Wiel, Heitinga, Mathijsen, Willems - Bommel (46. van der Vaart), Nigel de Jong - Robben (ab 83. Kuijt), Sneijder, Afellay (ab 46. Huntelaar) - Persie
Deutschland: Neuer - Boateng, Hummels, Badstuber, Lahm - Schweinsteiger, Khedira - Müller (ab 90.+2 Lars Bender), Özil (ab 81. Toni Kroos), Podolski - Gomez (ab 72. Klose)
Schiedsrichter: Eriksson (Schweden)
Zuschauer: 37.750
Gelbe Karten: de Jong, Willems - Boateng

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1.
glen13 14.06.2012
Zitat von sysopDPADie niederländische Nationalelf liegt am Boden. Nach der Niederlage gegen Deutschland droht ihr bereits in der Vorrunde das EM-Aus. Nur eine minimale Chance auf das Weiterkommen besteht noch - abhängig ist das Team dabei ausgerechnet von den Deutschen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,838783,00.html
Die Niederländer sind selbstkritisch, hacken nicht auf glücklichen Deutschen rum, echte Charakterstärke in der Niederlage. Da hat sich viel verändert im Verhältnis Niederlande zu Deutschland, wenn ich da an früher denke. Ich habe echtes Mitgefühl mit denen.
2. ...
jujo 14.06.2012
Zitat von sysopDPADie niederländische Nationalelf liegt am Boden. Nach der Niederlage gegen Deutschland droht ihr bereits in der Vorrunde das EM-Aus. Nur eine minimale Chance auf das Weiterkommen besteht noch - abhängig ist das Team dabei ausgerechnet von den Deutschen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,838783,00.html
Robben kann einem ja fast leid tun, musste er doch gegen die Leute spielen gegen die er im Training schon chancenlos ist! Für mich wurde das Spiel im Mittelfeld entschieden , zweimal Hüftsteif und destruktiv gegen zweimal beweglich und konstruktiv, das konnte nur zu Gunsten der DFB-Elf aufgehen
3. Was für eine Enttäuschung!
dannyinabox 14.06.2012
Vom Spiel der Holländer bin ich absolut enttäuscht. Kein Vergleich mehr zur letzten WM in Südafrika und es zeigt sich eben auch, dass eine perfekte Qualifikation nicht automatisch zum Erfolg im Endturnier führt. Ich würde sagen die Holländer sind raus und sie haben es auch absolut nicht verdient weiter zu kommen. Ich hoffe eine der anderen Mannschaften packen es!
4. Warum sollte am Sonntag
whitewolfe 14.06.2012
die DFB Auswahl mit den Dänen nicht Rasenschach spielen?90 min Auslauftraining und man spart sich die Kräfte für ein Viertelfinale gegen Polen?Ein "gepflegtes 0:0 und Deutsche und Dänen wären zufrieden.Vorausgesetzt die Niederländer machen endlich mal ihren Job.Schon peinlich diese Arbeitsverweigerung der holländischen Profis.Auch traurig für die vielen holländischen Fans,die sich mit ihren Wohnwagen 1500 km in die Ukraine gequält haben um ihre Lieblinge zu unterstützen.Auf gehts,Holland,wir sehen uns wieder in Brasilien.Aber ohne Wohnwagen.
5. och nö....!
user@zeitz 14.06.2012
Hatte mich so gefreut gestern abend! Sind die Holländer denn gar nicht tot zu kriegen?!
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