Aus Breslau berichtet Oliver Trust
Der Schmerz kam binnen Sekunden. Auf der Tribüne des Stadions von Breslau flossen Tränen. Manche Zuschauer umarmten sich, um sich in diesem traurigen Moment gegenseitig Trost zu spenden. Andere weinten hemmungslos. Nach und nach ergriff diese schmerzhafte Erkenntnis jeden in der Arena im Süden Polens: Es war vorbei, der große Traum geplatzt. Der EM-Gastgeber war nach der 0:1-Niederlage gegen die Tschechen ausgeschieden. Das Turnier, in das das Land viele Hoffnungen gesetzt hatte, geht ohne die Männer mit dem roten Adler auf der Brust weiter.
In den Fanzonen im ganzen Land herrschte Fassungslosigkeit. Wie geschockt standen die Menschen bewegungslos an Ort und Stelle. Haareraufen wurde zum Volkssport. Noch vor dem Gruppenfinale gab es kaum Zweifel am Weiterkommen der eigenen Mannschaft. Statt der erwarteten Jubelfeiern auf den Straßen, trotteten nun Tausende enttäuschte Fans mit gesenkten Köpfen durch die Nacht.
Auf dem Rasen in Breslau sanken die polnischen Spieler kraftlos zu Boden. Robert Lewandowski versteckte sein Gesicht hinter seinen Händen. Jakub Blaszczykowski starrte ins Leere. Rafal Murawski schüttelte unablässig seinen Kopf. Sie wussten in diesem Moment: Polen wird lange brauchen, um den Rückschlag zu verkraften.
"Wir müssen all das erst einmal begreifen. Es ist so bitter. Es ist hart", sagte Kapitän Blaszczykowski. Vergeblich versuchte der Dortmunder, seine Landsleute mit einer Portion Pathos im Fernsehen aufzumuntern. "Das Land ist zusammengerückt. Wir danken den Polen für ihre Unterstützung. Wir haben in diesem Turnier viele schöne Momente erlebt, daran müssen wir denken", sagte der Mittelfeldspieler.
Es gibt aber auch Kritik von Seiten der Spieler. Blaszczykowski bemängelt Probleme innerhalb des Verbands: "Es kann nicht sein, dass wir vor jedem Spiel um Tickets für unsere Familien bei dem Verband betteln müssen." Präsident Grzegorz Lato ist die Person, die der Dortmunder anspricht: "Der Präsident sagt, er habe ein gutes Verhältnis zum Team. So etwas kann ich aber nicht bestätigen. Herr Lato hat nie sein Wort gehalten."
Smuda legt sein Amt nieder
Die Aufbruchstimmung, die die neue Generation um die Nationalhelden Lewandowski und Blaszczykowski verbreiten sollte, endete im Desaster. Wie 2008 scheiterte Polen in der Vorrunde, ohne ein Spiel gewonnen zu haben. Die Bilanz der Gruppenspiele spricht für sich: Dem 1:1 gegen Griechenland folgte das von schweren Ausschreitungen begleitete 1:1 gegen Russland und die Niederlage gegen Tschechien.
Franciszek Smuda sah nach dem Ausscheiden so blass aus wie alle anderen. Bitter enttäuscht saß der Nationaltrainer hinter den Mikrofonen und rang stockend nach Erklärungen. "Die Mannschaft war zu zurückhaltend, als hätten wir Angst gehabt vor den Tschechen", sagte er. Ratlos und wie gelähmt hatten sie nach dem Gegentreffer reagiert. "Wir waren auf diese Situation nicht vorbereitet. Vielleicht haben wir uns mit allem zu sicher gefühlt. Wir haben überhaupt nicht daran gedacht, was passiert, wenn wir es nicht schaffen. Es gab überhaupt keine Zweifel, dass wir gewinnen. Wir waren übermotiviert."
Dann kam die Frage, die Smuda erwartet hatte. "Treten Sie zurück?", fragte ein polnischer Reporter. 40 Millionen Polen verdienen eine Erklärung." Smuda ließ sich Zeit mit seiner Antwort und hinterließ dennoch Verwirrung. Nachdem er angedeutet hatte, bleiben zu wollen, verkündete der 63-Jährige im Interview mit dem polnischen TV-Sender TVP seinen Rücktritt: "Das ist zu einhundert Prozent das Ende meines Wegs. Mein Vertrag läuft mit dem Ende der EM aus."
Es war der negative Höhepunkt an einem der bittersten Abende in Polens Fußballgeschichte.
Tschechien - Polen 1:0 (0:0)
1:0 Jiracek (72.)
Tschechien: P. Cech - Gebre Selassie, Sivok, M. Kadlec, Limbersky - Hübschman, Plasil - Jiracek (84. Rajtoral), Kolar, Pilar (88. Rezek) - Baros (90.+1 Pekhart)
Polen: Tyton - Piszczek, Wasilewski, Perquis, Boenisch - Dudka, Polanski (56. Grosicki) - Blaszczykowski, Murawski (73. Mierzejewski), Obraniak (73. Pa. Brozek) - Lewandowski
Schiedsrichter: Thomson (Schottland)
Zuschauer: 42.000
Gelbe Karten: Limbersky, Plasil, Pekhart - Wasilewski, Perquis, Polanski, Blaszczykowski, Murawski
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