Streit im polnischen Fußball: Im Visier des Scharfmachers

Aus Warschau berichtet Rafael Buschmann

Direkt vor der EM kämpft der polnische Fußball mit großen Problemen. Ein Top-Funktionär und ein ehemaliger Star-Spieler sind zu erbitterten Feinden geworden, sie streiten über Korruption, Skandale, Rassismus. Die Negativ-Schlagzeilen überlagern die Begeisterung für das starke Team.

EM-Gastgeber Polen: Auftakt vor Augen, Probleme im Hintergrund Fotos
REUTERS

Wenn Jan Tomaszewski sich aufregt, beginnen seine Wangen zu tanzen. Sie springen dann in alle Richtungen, das massige Gesicht bebt. Diese Mimik zeigt der 64-Jährige derzeit häufig, er ist so etwas wie der polnische Chefpopulist, ein Scharfmacher.

Tomaszewski, in dunklem Anzug mit blauem Hemd und blauer Krawatte, lehnt sich in einen Sessel in seinem Büro in Lodz zurück und sagt: "Ich bin das schlechte Gewissen des polnischen Fußballs. Ich lege als Einziger meinen Finger in die offenen Wunden."

Und diese Wunden sind tief: Korruption in Ligaspielen, in Funktionärsgremien, beim Stadion- und Straßenbau. Tomaszewski, parlamentarischer Abgeordnete der Oppositionspartei PiS (Recht und Gerechtigkeit), kritisiert zudem die fehlende Jugendförderung im Fußball, die kaum vorhandene Transparenz der Sportgerichtsbarkeit, das Vertuschen von Skandalen und obendrein den Nationalmannschaftseinsatz von Lukasz Piszczek, des wegen Spielmanipulation verurteilten Außenverteidigers von Borussia Dortmund. Gleichzeitig echauffiert er sich über die Nominierung von "gefärbten Füchsen". So nennt er eingebürgerte Spieler wie die in Deutschland spielenden Eugen Polanski oder Sebastian Boenisch.

Die eigene Partei schloss Tomaszewski kurzzeitig aus

"Wir sind der Mülleimer Europas. Wir nehmen jeden Dreck, den andere Nationen nicht wollen. Die 'gefärbten Füchse' sind Verräter. Sie haben ihre Länder und sich selbst verraten. Mit solchen Leuten soll ich mich identifizieren?", fragt Tomaszewski, früher Polens Nationaltorwart. In seinem Arbeitszimmer hängen zwei polnische Schals. Tomaszewski sagt, er sei kein Rassist, sondern Nationalist. Er habe nichts gegen die Menschen Boenisch oder Polanski, wolle aber nicht, dass Spieler, die für ein anderes Land gespielt haben (Polanski war sogar Kapitän der deutschen U21-Nationalmannschaft), für das polnische Team auflaufen.

Mit derartigen Aussagen löste Tomaszewski in den vergangenen Wochen ein Erdbeben nach dem anderen aus. Nachdem er vor wenigen Tagen angekündigt hatte, er würde sich bei der EM lieber die Spiele der Deutschen ansehen, weil dort mit Miroslav Klose und Lukas Podolski "zwei echte Polen" spielten, schloss ihn sogar seine eigene Partei für einen Monat von Fraktionssitzungen aus.

Polen gilt als Geheimfavorit auf den EM-Titel

"Er ist wie die Scheiße, die sich an ein Schiff geklebt hat und nun schreit: 'Hurra, wir schwimmen!'", sagte Grzegorz Lato, Präsident des polnischen Fußballverbands, über Tomaszewski im Wochenmagazin "Wprost". Dabei spielten sie früher zusammen für Polen, waren Teamkollegen, wurden bei der WM 1974 in Deutschland Dritter und damit gemeinsam zu Nationalhelden. Heute sind sie erbitterte Feinde.

Damit haben es die zwei Stars von gestern geschafft, die EM-Euphorie im eigenen Land zu überlagern. Selbst die starken Auftritte des polnischen Nationalteams im Vorfeld des Turniers werden von ihren Beschimpfungen und Pöbeleien in den Schatten gestellt. Polen wird nicht zuletzt wegen der drei starken Spieler von Borussia Dortmund, Robert Lewandowski, Jakub Blaszczykowski und Piszczek, als ein Geheimfavorit auf den EM-Gewinn gehandelt. Doch vor dem Eröffnungsspiel der Polen am Freitag gegen Griechenland (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) scheint es, als sei das derzeit zweitrangig. Die Negativ-Schlagzeilen dominieren.

Mehr als 600 Akteure und Funktionäre sind mittlerweile in den Manipulationsskandal der polnischen Liga verstrickt. Doch anstatt diesen aufzuklären, muss Verbandschef Lato sich selbst mit Korruptionsvorwürfen auseinandersetzen. Zuletzt sind Videobänder aufgetaucht, auf denen angeblich seine Stimme zu hören sein soll. Es soll um Schmiergeldzahlungen beim Erwerb eines Grundstücks für eine neue Zentrale des polnischen Verbands PZPN gehen. "Die Sachen sind bei den Staatsanwaltschaften. Noch ist alles ruhig", so Lato. Mehr will der ehemalige Stürmer nicht sagen. Dafür plant er seine erneute Kandidatur für das Präsidentenamt.

"Alles bleibt beim Alten. Der Fußball in Polen ist tot", sagt Tomaszewski. Er fordert, dass Lato seinen Sitz räumt, damit unabhängige Personen "die ganzen Vergiftungen des polnischen Fußballs" untersuchen können. Doch Tomaszewskis Kritik verhallt zunehmend ungehört. Zu aufdringlich, zu oft hat er sich zuletzt zu Wort gemeldet. Zu viele Themen hat er nur angerissen, zu wenig Lösungsvorschläge unterbreitet. Die wenigsten Funktionäre nehmen ihn noch ernst, er wirkt weitgehend isoliert.

Tomaszewski interessiert das alles nicht. "Das ist mir egal. Während der EM wird sowieso niemand mehr über die ganzen Probleme reden. Jetzt gilt es, das schöne, freundliche Gesicht Polens zu zeigen. Aber ab Juli, wenn die Fans und Kameras wieder weg sind, beginnt die Zeit der Abrechnungen."

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Polen vs. Griechenland

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Fußball-EM 2012
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Von der Fußball-EM 2012 in Polen und der Ukraine (8. Juni bis 1. Juli) berichtet unser Reporter Rafael Buschmann.

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