Von Benjamin Knaack
Hamburg - Natürlich konnte es nicht an den Angreifern Cristiano Ronaldo oder Nani gelegen haben, dass Portugals hochgelobte Offensive gegen Deutschland ohne Torerfolg geblieben war. Schließlich hatte der eine ja in der Saison für Real Madrid 60 Tore erzielt, und der andere spielt immerhin bei Manchester United. Nein, schuld war einzig und allein: der Ball.
"Der wollte ja überall hin, nur nicht ins Tor", klagte Angreifer Nani. Portugals Mittelfeldspieler Miguel Veloso pflichtete dem 25-Jährigen bei: "Es ist die Wahrheit. Wir haben einen Haufen Torchancen kreiert, aber der Ball wollte nicht rein."
An Ausreden mangelte es den Portugiesen nicht, doch eines können auch Nani und Veloso nicht leugnen: Vor dem zweiten Gruppenspiel gegen Dänemark am Mittwoch (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) steht ihr Team gehörig unter Druck. Und das liegt nicht am Ball, sondern ausgerechnet an der stark besetzten Offensive.
Bei der Auftaktniederlage gegen Deutschland blieb der Angriff um Nani, Cristiano Ronaldo und Hélder Postiga weitgehend blass. Real-Star Ronaldo agierte ängstlich, spielte in vielen Szenen ab, in denen er besser geschossen hätte, und war bei Jérôme Boateng bestens aufgehoben. Als Höchststrafe wurde er von der internationalen Presse nach dem Spiel gar als "nutzlos" verspottet.
Dänemark hat Erfahrung mit starken Offensivreihen
Wenn sich einmal Möglichkeiten ergaben, wurden diese fahrlässig vergeben. Die schwache Chancenverwertung ist schon länger ein Problem der Portugiesen - trotz der großen Namen. "Wir haben in den vergangenen vier Länderspielen nur ein Tor geschossen", sagt Nani: "Das ist schon verrückt, wenn man jemanden wie Ronaldo im Team hat."
Portugals Trainer Paulo Bento hatte angesichts der Tor-Flaute überlegt, die Angriffsformation zu ändern. Spekuliert wurde über den Einsatz des 20-jährigen Nélson Oliveira in der Sturmreihe anstelle von Postiga, der gegen Deutschland nur mit seiner Grätsche gegen Manuel Neuer aufgefallen war. Doch Bento entschied sich letztendlich erneut für Postiga.
Der Coach weiß: Ein auf dem Papier hochkarätiger Sturm ist keine Garantie für einen Sieg gegen die tapfer verteidigende Dänen. Das hat zuletzt die Niederlande, bestückt mit Offensiv-Künstlern wie Arjen Robben, Wesley Sneijder, Robin van Persie und Klaas-Jan Huntelaar, schmerzlich erfahren müssen.
Vor dem Turnier in Polen und der Ukraine hatten nur wenige Experten den Dänen Chancen auf das Weiterkommen in der "Todesgruppe" zugetraut. Doch die geben sich nach dem überraschenden 1:0-Auftakterfolg gegen Holland selbstbewusst. "Für mich besteht diese Gruppe nicht aus drei starken Mannschaften und uns, sondern aus vier starken Teams", sagt Angreifer Nicklas Bendtner.
Dänemark denkt an 1992, Portugal an 2004
Mut schöpfen Bendtner und Co. auch aus der eigenen EM-Geschichte: William Kvist, der beim Bundesligisten VfB Stuttgart unter Vertrag steht, verweist auf das legendäre Team von 1992, das aus dem Urlaub zum EM-Titel gerauscht war: "Mein Vater ist damals jubelnd durch den Garten gerannt. Ich hoffe, es wird wieder so ein Sommer."
Doch trotz des Auftakterfolgs - eine Spitzenmannschaft sind die Dänen noch lange nicht. Die Niederlande hatten zahlreiche Chancen gegen Dänemark, vergaben diese jedoch leichtfertig. Auch deshalb gelang die Überraschung, und Kvist weiß das: "Wir müssen gegen Portugal einen sehr guten Tag erwischen, um sie zu schlagen", sagt der VfB-Profi. Sturm-Star Bendtner sieht einen Vorteil im Mannschaftsgeist der Dänen: "Portugal hat zwar die besseren Spieler. Aber wer das bessere Team ist, wird sich zeigen."
Im portugiesischen Lager vermeiden es die Akteure um Ronaldo und Co. krampfhaft, Parallelen zur sogenannten Goldenen Generation zu ziehen, die 2002 trotz namhafter Spieler wie Luís Figo und Rui Costa schon in der WM-Vorrunde ausschied. Viel lieber erinnern sie sich an eine andere Episode: "2004 haben wir bei der EM auch das erste Spiel verloren und dann das Finale erreicht. Das muss uns Mut machen", sagt Ronaldo.
Mutig geben sich auch die Dänen: "Wir wissen, wie die Portugiesen zu schlagen sind", sagt Trainer Morten Olsen, "das ist unser Vorteil." Drei der bisherigen fünf Duelle hat das skandinavische Team gewonnen, zuletzt im Oktober des vergangenen Jahres. Am letzten Qualifikations-Spieltag der Gruppe H siegte Dänemark 2:1 - und verdrängte Portugal von der Spitze. Ronaldo und Co. mussten in den Playoffs nachsitzen.
"Sie sind besser geworden, seit wir das letzte Mal auf sie getroffen sind", sagt Trainer Olsen, "aber auch wir können noch besser werden, ich erwarte ein sehr enges Spiel."
Dänemark - Portugal 18 Uhr (in Lemberg)
(voraussichtliche Aufstellungen)
Dänemark: S. Andersen - Jacobsen, Kjaer, Agger, S. Poulsen - Kvist, Zimling - Rommedahl, Eriksen, Krohn-Dehli - Bendtner
Portugal: Rui Patricio - Joao Pereira, Pepe, Bruno Alves, Fabio Coentrao - Miguel Veloso - Raul Meireles, Joao Moutinho - Nani, Cristiano Ronaldo - Helder Postiga
Schiedsrichter: Thomson (Schottland)
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