Portugal-Angreifer Nani: In Ronaldos Schatten

Aus Donezk berichtet Frank Hellmann

Er spielt für Portugal, wirbelt auf dem Flügel, ist ein exzellenter Techniker. Gemeint ist nicht Cristiano Ronaldo. Sein Pendant Nani steht trotz guter Leistungen bei dieser EM selten im Vordergrund. Dabei agiert Nani fast ebenso gut - und er ist ein Teamplayer.

EM-Halbfinalist Portugal: Zoff und Zauber Fotos
AFP

Als die Spieler der portugiesischen Nationalmannschaft am Flughafen in Donezk ankamen, war die Riesentorte schon da. Frauen in ukrainischer Tracht hatten sie am Dienstag zur Begrüßung mitgebracht und übergaben das Gebäck an Cristiano Ronaldo. Der kann bei solchen Anlässen immer wie auf Befehl grinsen wie ein Honigkuchenpferd, bis das Blitzlichtgewitter beendet ist. Das dauert meist sehr lang.

Solche und ähnliche Szenen wiederholen sie bei der EM in Polen und der Ukraine ständig, wenn Portugals Team irgendwo ankommt oder auftritt. Oder besser: Wenn Ronaldo irgendwo ankommt oder auftritt. Der 27-Jährige ist wegen Lionel Messi derzeit vielleicht nicht der beste, aber wohl der spektakulärste, teuerste und - für manche Frauen - auch attraktivste Fußballer der Welt.

Alles dreht sich um Ronaldo, auch vor dem Halbfinale am Abend gegen Spanien in der Donbass Arena (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Das nervt Portugals Trainer Paulo Bento ganz offensichtlich, seit geraumer Zeit beantwortet er keine Fragen mehr zu seinem Top-Spieler. Der Nationalcoach hatte nicht reagiert, als Ronaldo zu Beginn der EM eine Torflaute hatte. Dann widersprach er, als der Offensivspieler nach famosen Auftritten gegen die Niederlande und Tschechien als Retter der Nation gefeiert wurde. Bento wird nicht müde zu betonen: "Unser Erfolg ist ein Verdienst der Mannschaft."

Nationalcoach Bento war als Aktiver ein "Klavierträger"

Bento, 43, war früher selbst Nationalspieler Portugals. Er wurde während seiner aktiven Zeit meist im defensiven Mittelfeld eingesetzt, galt als Teamplayer, nicht als Star. In Portugal nennen sie solche Typen gerne "Klavierträger": Spieler wie Bento schleppen das Klavier ins Haus, den Beifall bekommt später aber dann der virtuose Pianist.

Bei Portugal ist das allein Ronaldo. In seinem Schatten verschwinden die übrigen Spieler beinahe. Dabei hat das Bento-Team nicht nur auf dem linken Flügel Außergewöhnliches zu bieten, wo Ronaldo spielt. Rechts offensiv wirbelt Nani nicht minder imposant und flott. Doch der in Praia auf den Kapverden geborene Profi von Manchester United bekommt nur einen Bruchteil der Aufmerksamkeit Ronaldos.

Das liegt auch daran, dass Ronaldo sich selbst unglaublich gerne in Szene setzt und allein jubelt: Nach dem Treffer zum 2:1 gegen die Niederlande bedankte sich der Profi von Real Madrid nicht bei Vorlagengeber Nani, sondern enthüllte eine Grußbotschaft für seinen Sohn. Und nach dem 1:0 gegen Tschechien lief er nicht zu Flankengeber João Moutinho, sondern verteilte Handküsse in die Kamera.

Ronaldo ist ein Exzentriker, eine Diva, das wissen sie bei Portugal. Und sie sind genervt von dem Thema, von dieser Fokussierung. "Ich denke, ich habe einen großen Beitrag zum Erfolg der Mannschaft beigesteuert", sagte Nani nun selbstbewusst. Der 25-Jährige, von 2007 bis 2009 gemeinsam mit Ronaldo bei Manchester aktiv, spielt ganz anders als sein Pendant auf dem linken Flügel: mannschaftsdienlicher, oft fintenreicher, arbeitet mehr nach hinten.

Nani nerven die ständigen Vergleiche mit Ronaldo schon lange. "Seit ich bei United bin, ist es dasselbe", klagte er einmal: "Es geht alles um Ronaldo. Du musst er sein! Spielst du genauso? Wirst du dasselbe schaffen?" Nani habe sich zwar daran gewöhnt, aber ihm gefällt das nicht. Zumal er auch privat viel zurückhaltender auftritt.

Er hat im Nationalteam die stillen Strategen wie Moutinho, Miguel Veloso oder João Pereira hinter sich. Um Ronaldo wiederum scharen sich seine Real-Kollegen Fábio Coentrão und Pepe oder auch der Ex-Bremer Hugo Almeida, der gegen Spanien für den verletzten Helder Postiga im Sturm beginnt. Der Rest des Teams ist keiner Fraktion eindeutig zuzuordnen. Denn alle wissen auch: Nur wenn Ronaldo und Nani gemeinsam aufdrehen, kann die Mannschaft in der Weltspitze mitspielen. Im konkreten Fall: Spanien schlagen und ins EM-Finale einziehen.

Portugal - Spanien 20.45 Uhr (in Donezk)
(voraussichtliche Aufstellungen)
Portugal: Patricio - Pereira, Pepe, Alves, Coentrão - Moutinho, Veloso, Meireles - Nani, Ronaldo - Almeida
Spanien: Casillas - Arbeloa, Piqué, Sergio Ramos, Jordi Alba - Xavi, Busquets, Xabi Alonso - Silva, Fernando Torres, Iniesta
Schiedsrichter: Cakir (Türkei)

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1.
Tunechi 27.06.2012
---Zitat--- [..]aber wohl der spektakulärste (1), teuerste (2) und - für manche Frauen - auch attraktivste Fußballer der Welt (3).] ---Zitatende--- 3. Kann ich zustimmen Aber.... 1. Was ist schöner: Ein Ronaldo, der einen Spieler mit einem Übersteiger beisegt oder ein Messi, der vier Gegner mit einer Körpertäuschung besiegt ? 2. Weit verbreiteter Irrglaube: Ronaldo wurde für knapp 93 Mio Euro verkauft. Jedoch wurden für Messi Gebote von 120-146 Mio Euro abgegeben, er wurde nur halt nicht weggegeben.
2.
HaioForler 27.06.2012
Zitat von Tunechi3. Kann ich zustimmen Aber.... 1. Was ist schöner: Ein Ronaldo, der einen Spieler mit einem Übersteiger beisegt oder ein Messi, der vier Gegner mit einer Körpertäuschung besiegt ?
Letzteres. Messi ist der komplettere Spieler, der bessere Techniker, spielt mannschaftsdienlicher, spielt nicht so schematisch, macht weniger Schau und ist zudem bescheidener.
3. und ewig lockt der Neid...
dubmaid 27.06.2012
Cristiano hat nicht umsonst mehr Fans als Messi, weltweit: sein "Gehabe" auf dem Platz ist seine Sache, aber er ist privat der durchaus nettere, umgänglichere. Bin immer wieder baff, wie sehr sich die Fussball-Fans blenden lassen. Ein 20-Minuten-Interview von Cristiano - und man versteht die Faszination, die von ihm ausgeht. Alles andere ist Klischee. Messi würde unter vergleichbarem Druck nicht so gut spielen. Da nimmt der Fan auch Diven-Exzentrik in Kauf. Cristiano trinkt nicht, raucht nicht (wie etwa Özil), und ist sonst ein gutes Vorbild. Messis Bescheidenheit spiegelt die typische südamerikanische Verlogenheit wider. Soooo bescheiden.
4.
socsss 27.06.2012
Unabhängig mal von der Frage, ob Messi oder Ronaldo aktuell der Beste Spieler der Welt ist (wie wäre es mit Xavi? Oder vielleicht langsam doch eher Iniesta??), denn die ist für die EM herrlich irrelevant und auch sonst schwer zu lösen, weil über das fussballersiche hinaus gerade bei Ronaldo völlig artfremde Überlegungen negativ wie positiv hinein spielen (wobei eigentlich alle sein Mitspieler, im Gegensatz zu dem, was dem Artikel entnehmen würde, insbesondere auch die portugisieschen immer wieder seinen Teamgeist loben), muss man zu dem Artikel mal ganz klar eins sagen: Bei aller Liebe, das ist bislang nicht die EM von Nani! Insbesondere hat der noch eine Chancenverwertung am Fuss wie Ronaldo in den ersten beiden Spielen! Ich glaube, die beiden dürften bei der EM die meisten glasklaren ausgelassen haben. Mit dem Unterschied, dass Ronaldo inzwischen auch ein paar rein gemacht hat...
5. Bla Bla Artikel
Andreadeia 27.06.2012
Ich finde es köstlich, dass sich der Autor darüber echauffiert, dass sich alles um Cristiano Ronaldo dreht. Und dann schreibt er über wen? Richtig: Cristiano Ronaldo. Das bescheidene Hascherl Nani (Ironie aus) dient ihm auch nur als Aufhänger um negative, schlecht bis gar nicht recherchierte Worthülsen über Cristiano Ronaldo loszulassen. Kleines Beispiel: Nur Cristiano wurde mit einem Kuchen begrüsst und dann minutenlang fotografiert. "Zufällig" ist Cristiano Ronaldo der Kapitän der portugiesischen Nationalmannschaft. Also normal, dass er der Adressat des Begrüßungsrituals ist und sich lächelnd bedankt. Hätte er teutonisch-grimmig schauen sollen? Was sich heutzutage so Journalist nennen darf ...
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Von der Fußball-EM 2012 in Polen und der Ukraine (8. Juni bis 1. Juli) berichtet unser Autor Frank Hellmann.

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