Spanien-Erfolg gegen Frankreich: Nicht schön, nur effizient

Aus Donezk berichtet Frank Hellmann

Mit Ruhe und Präzision hat sich Spanien für das EM-Halbfinale qualifiziert. Das Team von Trainer Vicente del Bosque spielt kaum spektakulär, dafür höchst wirkungsvoll. Nun aber warten die offensivstarken Portugiesen. Ist der Titelverteidiger frisch genug für diese Aufgabe?

AFP

Der Motor des spanischen Mannschaftsbusses lief schon eine ganze Weile, doch das Team konnte nicht abfahren, der Hauptdarsteller des Abends fehlte noch. Xabi Alonso stand im Inneren der Donbass-Arena in Donezk und war noch dabei, seinen Interview-Marathon zu absolvieren. Beim Profi von Real Madrid drehte sich alles um seine beiden Tore beim 2:0-Sieg der Spanier im EM-Viertelfinale gegen Frankreich. Ansonsten ging es vor allem ums Wetter.

"In Donezk ist es sehr heiß, deshalb war das schwierig für uns", sagte Spaniens Trainer Vicente del Bosque, dem die drückende Hitze im Osten der Ukraine einige Sorgen bereitete. Der 61-Jährige wurde auch gefragt, ob er und sein Team nicht einfach in Donezk bleiben wollten, schließlich muss der Titelverteidiger an diesem Ort auch sein Halbfinale am Donnerstag gegen Portugal bestreiten (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). "Nein", antwortete del Bosque: "Wir gehen zurück in unser Hotel in Polen und fliegen Dienstag wieder hierher."

Dass nach Spielschluss Fragen zum Klima und zum Quartier plötzlich so wichtig waren, sagt viel über das vorangegangene K.o.-Spiel, das vor allem eins war: unspektakulär. Spanien besiegte Frankreich mit stoischer Ruhe und großer Präzision in den entscheidenden Momenten. Nicht schön, aber effizient.

Alonso der Prototyp des Umschaltspielers

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EM-Viertelfinale: Doppelpack im Jubiläumsspiel
Mit seinem Kopfballtor (19. Minute) und dem Elfmetertreffer in der Nachspielzeit krönte Xabi Alonso sein 100. Länderspiel. Für den Lenker und Denker der spanischen Defensive, den Bundestrainer Joachim Löw schon vor Jahren als Prototyp des Umschaltspielers gelobt hatte, ein außergewöhnliches Ereignis: Zuvor hatte der 30-Jährige in 99 Länderspielen ganze 13 Tore erzielt.

"Manchmal musst du deine Linie verlassen. Ich habe die Lücke gesehen", beschrieb Alonso seinen ersten Treffer, als er den Ball gegen die Laufrichtung von Frankreichs Keeper Hugo Lloris ins lange Eck geköpft hatte. Das Tor brachte Alonso später sichtlich in Verlegenheit. Wann er denn sein letztes Kopfballtor erzielt habe, wurde er von den Journalisten gefragt. Vielleicht im Trikot des FC Liverpool, wo er von 2004 bis 2009 spielte? Alonso kratzte sich am bärtigen Kinn und sagte: "Ich weiß es wirklich nicht."

Spanien fehlten gegen Frankreich die klaren Torabschlüsse

Auf andere Fragen konnte der Mittelfeldspieler besser antworten. Etwa auf die zum bevorstehenden Halbfinale gegen Portugal, wo Alonso auf seine Real-Vereinskollegen Cristiano Ronaldo, Pepe und Fábio Coentrão trifft. "Wir kennen Portugal genau, aber sie kennen uns auch gut", sagte Alonso, wirkte dabei aber nicht gerade, als würde er sich fürchten.

Warum auch? Die spanische Passmaschine hat sich auch von den zeitweise überforderten Franzosen nicht aufhalten lassen, obwohl das stürmerlose 4-6-0-System der Spanier schon ein bisschen eigentümlich wirkt. Wie gegen Italien agierte Cesc Fàbregas, eigentlich zentraler Mittelfeldspieler, als "falscher Neuner" im Sturm. Angreifer Fernando Torres saß anfangs mal wieder nur auf der Bank. Folge: Trotz der spanischen Dominanz mangelte es an Torgefahr, weil nach dem Kombinationswirbel die klaren Abschlüsse ausblieben. Gegen die Equipe Tricolore begnügten sich die Spanier mit vergleichsweise bescheidenen neun Torschüssen in 90 Minuten. Reicht solch ein geringer Aufwand für den EM-Titel?

Eine Debatte, die del Bosque gar nicht mag. "Wir hatten mit Iniesta, Silva und Fàbregas drei Angreifer auf dem Platz. Wir wollen immer den Ball, wir waren fast immer am Ball, deshalb war das Resultat okay", sagte der Coach trotzig. Doch auch del Bosque wird nicht verborgen geblieben sein, dass bei seinen Kombinationskünstlern bei allem Spielwitz derzeit das Spektakel fehlt. Spanien wirkt mitunter routiniert, aber nicht ganz frisch. Zwei Tage weniger Zeit zur Ruhe und Erholung bis zum Halbfinale "sind gegenüber Portugal auch kein Vorteil", sagt del Bosque, dessen Team bei diesem Turnier bislang noch nicht an seinem Limit spielte, so scheint es.

"Wir werden bis zum Ende hier unsere Idee verfolgen", versprach Alonso noch, bevor er in den Bus stieg. Auf dem steht: "Un motivo para vivir, una razón para soñar." Übersetzt: "Ein Anlass zu leben, ein Grund zu träumen." Sie träumen bei Spanien von der Titelverteidigung. Und der Traum lebt nach wie vor.

Spanien - Frankreich 2:0 (1:0)
1:0 Xabi Alonso (19.)
2:0 Xabi Alonso (90. + 1)
Spanien: Casillas - Arbeloa, Piqué, Sergio Ramos, Alba - Busquets - Xavi, Xabi Alonso - Silva (65. Pedro), Iniesta (84. Santi Cazorla) - Fàbregas (67. Torres)
Frankreich: Lloris - Réveillère, Rami, Koscielny, Clichy - M'Vila (79. Giroud) - Cabaye, Malouda (65. Nasri) - Debuchy (64. Ménez), Ribéry - Benzema
Schiedsrichter: Rizzoli (Italien)
Zuschauer (in Donezk): 47.000
Gelbe Karten: Sergio Ramos - Cabaye, Ménez (2)

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insgesamt 37 Beiträge
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    Seite 1    
1. die deutschen
zephyros 24.06.2012
sollten sich schnell was gegen die Spanier einfallen lassen. Denn wenn man die 90 min. ihr "Ticki-Tacka"-System spielen läßt, kommt der Zuschauer vor Langeweile um.
2. das klügste, was sie tun konnten
wwwwalter 24.06.2012
Zitat von sysopMit Ruhe und Präzision hat sich Spanien für das EM-Halbfinale qualifiziert. Das Team von Trainer Vicente del Bosque spielt kaum spektakulär, dafür höchst wirkungsvoll. Nun aber warten die offensivstarken Portugiesen. Ist der Titelverteidiger frisch genug für diese Aufgabe? EM 2012: Spanien besiegt Frankreich im Viertelfinale - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,840621,00.html)
Die Spanier waren doch die klar bessere Mannschaft. Bei den Franzosen war nur Stückwerk zu erkennen, wenn auch phasenweise recht schön anzuschauen, aber ohne wirkliche Durchschlagskraft. Weshalb hätten sich die Spanier denn jetzt schon total verausgaben sollen ? Um in der Medienberichterstattung glänzen zu können ? Um noch mehr hochgejubelt zu werden, und endgültig als unbesiegbar zu gelten ? So ein Hype kann für jedes Team zur echten Belastung werden. Insofern war es das klügste, was sie tun konnten: die Begegnung gegen Frabkreich routiniert runterzuspielen, und nicht alles zu zeigen, was vielleicht noch möglich ist.
3. Ronaldo
Zenturio.Aerobus 24.06.2012
Nach diesem öden Querpassgeschiebe der Spanier hoffe ich am Mittwoch auf Cristiano Ronaldos zurückgekehrte Torgefährlichkeit.
4. Finde ich nicht
rehabilitant 24.06.2012
Zitat von zephyrossollten sich schnell was gegen die Spanier einfallen lassen. Denn wenn man die 90 min. ihr "Ticki-Tacka"-System spielen läßt, kommt der Zuschauer vor Langeweile um.
Ich finde es absolut nicht langweilig, sondern hoch amüsant, wenn sich Mannschaften, die zur Weltspitze gehören, verzweifeln, weil sie nie an den Ball kommen. Mal sehen, wie der selbsternannte Titelfavorit Deutschland diesmal damit klarkommt. Interessant auch, dass der Halbfinalgegner der Deutschen für Sie gar nicht zu existieren scheint.
5. ebenfalls interessant
sabine_franz 24.06.2012
Zitat von rehabilitantIch finde es absolut nicht langweilig, sondern hoch amüsant, wenn sich Mannschaften, die zur Weltspitze gehören, verzweifeln, weil sie nie an den Ball kommen. Mal sehen, wie der selbsternannte Titelfavorit Deutschland diesmal damit klarkommt. Interessant auch, dass der Halbfinalgegner der Deutschen für Sie gar nicht zu existieren scheint.
das die Portugisen für Sie ebenfalls schon geschlagen sind. Sie liegen also ganz auf SPON Niveau.
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