Von Nils Lehnebach
Hamburg - Traurig und enttäuscht trottete Xavi in der 87. Minute vom Platz, er durfte nicht mehr weiterspielen. Die Auswechslung ihres zentralen Spielers, ihres Taktgebers war der letzte Beweis für den mäßigen Auftritt der Spanier. Drei Minuten vor Ende der regulären Spielzeit erkannte Spaniens Trainer Vicente del Bosque, dass sein Team im Halbfinale gegen Portugal mit spielerischen Mitteln wohl nicht zum Erfolg kommen würde - und nahm Xavi vom Feld.
Doch auch mit der Brechstange wurde es nicht besser, beide Teams schossen in 120 Minuten kein Tor. Die Entscheidung über den Finaleinzug musste im Elfmeterschießen fallen - und dort wurde Cesc Fàbregas zum Helden. Der Offensivspieler verwandelte den finalen Schuss, Spanien siegte 4:2 (0:0, 0:0, 0:0) nach Elfmeterschießen. Zuvor waren die Portugiesen Joao Moutinho und Bruno Alves mit ihren Versuchen gescheitert.
Fàbregas sagte: "Das Spiel war schwierig. Am Schluss hatte ich das Gefühl, es könnte klappen. Ich bin so voller Gefühle, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich bin superglücklich. Vielleicht ist Deutschland der Gegner im Endspiel."
Portugal zwingt Spanien zu langen Bällen
Die Aufstellung war überraschend, das Spiel war es ebenso: Spanien schaffte es nicht, die Partie zu kontrollieren. Portugal verstand es gut, den Ball auch über längere Phasen in den eigenen Reihen zu halten. Die sonst so häufig gesehene spanische Dominanz im Bereich Ballbesitz kam nicht zustande. Portugal attackierte früh und brachte den Gegner mit hohem läuferischem Aufwand dazu, hin und wieder das Spiel mit langen Bällen zu eröffnen. Eine Variante, von der man dachte, die Spanier kennen sie gar nicht.
So kam der Titelverteidiger im ersten Durchgang nur zu zwei nennenswerten Torchancen, die Schüsse von Alvaro Arbeloa (9.) und Andrés Iniesta (29. Minute) gingen aber über das Tor. Überraschend auch, dass die Spanier nicht wie sonst früh attackierten, sondern den Portugiesen im Spielaufbau viel Freiraum ließen.
Die nutzten ihre Möglichkeiten jedoch nicht aus. Cristiano Ronaldo (31.) schoss einmal in Richtung Tor, der Ball ging vorbei. Ansonsten fiel der Superstar vor allem damit auf, anschließend einen Eckball zu fordern, auch wenn keiner den Ball mehr berührt hatte.
Auch Fàbregas bringt keine Besserung
Acht Minuten waren im zweiten Durchgang gespielt, da sah auch del Bosque ein, dass die Idee mit Negredo keine allzu gute war. Spaniens Trainer wechselte den Stürmer aus und brachte Fàbregas. Besser wurde die Partie dadurch nicht.
Es gibt Fachleute, die erfreuen sich nach solchen Partien an taktischen Feinheiten, loben Laufwege und Defensivkonzepte. Fans hingegen nennen derartige Spiele oft einfach langweilig. Eigentlich war es eine Partie, wie gemacht für Ronaldo. Irgendeine spektakuläre Aktion hat der 27-Jährige fast immer auf Lager. Doch Portugals Kapitän wurde nicht so richtig warm, in der 73. Minute schoss er einen Freistoß aus zentraler Position über das Tor, zehn Minuten machte er es bei einer ähnlichen Situation auch nicht besser.
Ronaldo blieb der auffälligste Spieler der Schlussphase. In der letzten Minute hatte er bei einer Kontersituation den Siegtreffer auf dem Fuß, schoss aber erneut neben das Tor. So blieb es nach 90 Minuten torlos.
Spanien in der Verlängerung stärker
In der Verlängerung wurde die Partie offener, beide Teams drängten nach vorne, doch die nachlassenden Kräfte sorgten vor allem bei den Portugiesen für zahlreiche Fehlpässe. Den Spaniern hingegen war anzumerken, dass sie es auf keinem Fall zu einer Entscheidung in der Lotterie Elfmeterschießen kommen lassen wollten.
Es war dann Iniesta, der in der 104. Minute die bisher größte Chance der Partie hatte. Nach einer Hereingabe von Jordi Alba scheiterte der Mittelfeldspieler aber aus kurzer Distanz an Portugals Torwart Rui Patricio. Spanien drängte weiter auf den Siegtreffer, doch auch der eingewechselte Jesus Navas (111.) konnte Patricio nicht überwinden. Nachdem auch Pedro (114.) bei einem Konter zu schnell das Tempo verlor und so nicht zum Abschluss kam, musste die Entscheidung im Elfmeterschießen fallen. Dort wurde Fàbregas zum Held.
Spanien fehlt damit nur noch ein Sieg, um als erstes Team den EM-Titel zu verteidigen. Im Endspiel am Sonntag trifft die Mannschaft auf Deutschland oder Italien, die am Donnerstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) im zweiten Halbfinale gegeneinander spielen.
Portugal - Spanien 2:4 (0:0, 0:0, 0:0) n.E.
Xabi Alonso verschießt
Moutinho verschießt
0:1 Iniesta
1:1 Pepe
1:2 Piqué
2:2 Nani
2:3 Sergio Ramos
Bruno Alves verschießt
2:4 Fabregas
Portugal: Rui Patricio - Joao Pereira, Pepe, Bruno Alves, Fabio Coentrao - Veloso (106. Custodio) - Meireles (113. Varela), Moutinho - Nani, Cristiano Ronaldo - Hugo Almeida (81. N. Oliveira)
Spanien: Casillas - Arbeloa, Piqué, Sergio Ramos, Alba - Busquets - Xavi (87. Pedro), Xabi Alonso - Dav. Silva (60. Jesus Navas), Iniesta - Negredo (54. Fabregas)
Schiedsrichter: Cüneyt Cakir (Türkei)
Zuschauer: 48.000
Gelbe Karten: Joao Pereira, Pepe, Bruno Alves, Fabio Coentrao, Veloso - Arbeloa, Sergio Ramos, Busquets, Xabi Alonso
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