Von Nils Lehnebach
Es herrschte Jahrmarktstimmung im polnischen Gniewino. Etwa 500 Einheimische bereiteten der spanischen Nationalmannschaft am Dienstag bei der Ankunft vor deren Hotel einen rührenden Empfang: Mädchen in pittoresken Trachten, Blasmusik, eine handvoll Cheerleader und als Zugabe ein mit Brot gefüllter Korb für Stürmer Fernando Llorente, der genau wie seine Mitspieler nicht wusste, warum gerade ihm dieses Geschenk zuteil wurde. Die Stimmung war ausgelassen, Mittelfeldspieler Andrés Iniesta und Co. feixten vor sich hin, Xavi hielt die Szene noch rasch mit seinem Handy fest.
Die Spanier, amtierender Welt- und Europameister, gaben sich vor dem Turnier in Polen und der Ukraine betont gelassen. Dabei ist der Druck enorm. Für viele Experten wäre alles andere als der Titelgewinn der Spanier eine Überraschung. Und für die "rote Furie" geht es um eine historische Leistung: Spanien kann als erstes Team zum zweiten Mal in Folge Europameister werden.
"Wir wollen den Titel verteidigen, aber wir wissen, dass es schwierig wird", sagte David Silva noch etwas verhalten. Und die Zurückhaltung ist nicht grundlos. Denn die Spanier, für viele Experten die Top-Favoriten auf den Titelgewinn, mussten sich unter denkbar schlechten Bedingungen auf die EM vorbereiten.
Testspiel-Siege ohne Aussagekraft
Neun Spieler, darunter die sieben Profis vom FC Barcelona, stießen erst am 31. Mai zum Team. Sie hatten nach dem Finale im spanischen Pokal, ähnlich wie die Bayern-Profis im DFB-Team nach der Champions League, noch Regenerationszeit zugestanden bekommen. Die Folge: Spanien bestritt nicht eine Partie mit der Aufstellung, die Trainer Vicente del Bosque wohl beim Auftaktspiel der Gruppe C am Sonntag (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gegen Italien aufs Feld schicken wird. Schlechte Voraussetzungen für das Duell mit dem Angstgegner, gegen den Spanien bisher nur eins von neun Pflichtspielen gewinnen konnte.
So waren bei Spaniens letztem Testspiel, einem mageren 1:0 gegen den Weltranglisten-73. China, zwar alle Stars dabei, Iniesta, Xavi, Sergio Busquets und Gerard Piqué spielten aber maximal eine Halbzeit. Auch die anderen Vorbereitungsspiele hatten sportlich keinen großen Wert. Beim 2:0 gegen Serbien und dem 4:1 gegen China wurden gar Spieler eingesetzt, die nicht zum EM-Kader gehören. Das hoch gehandelte Spanien ist vor der EM zu einem Überteam ohne Übung verkommen.
Sicherlich gibt es Nationen, die dieser Umstand härter treffen würde als Spanien, das seit Jahren personell fast unverändert antritt. Ein Team, das allein schon durch seine Zusammenstellung mit den beiden großen Blöcken vom FC Barcelona und von Real Madrid über eine hohe Eingespieltheit verfügt.
Puyol und Villa fallen verletzt aus
Doch bei der EM fehlen mit Innenverteidiger Carles Puyol (Knieoperation) und Stürmer David Villa (Schienbeinbruch) zwei Schlüsselspieler. Beide standen bei den vergangenen beiden großen Turnieren jeweils im All-Star-Team, Villa erzielte jeweils die meisten Tore. "Puyol: 99 Länderspiele, Charakter, Führungsqualitäten auf dem Platz. Villa, offenkundig: bester Torjäger unserer Geschichte, Treffsicherheit wie kein anderer. Zwei ganz schmerzhafte Ausfälle", sagte del Bosque der "Welt am Sonntag".
Und anders als im Mittelfeld, wo Spanien mit Andrés Iniesta, Xavi, Cesc Fàbregas, Xabi Alonso, Sergio Busquets, David Silva und Juan Mata sieben Weltklassespieler für fünf Positionen hat, ist eine derartige Fülle an Top-Profis auf den weiteren Positionen nicht gegeben.
Gerade im Sturm wiegt Villas Ausfall schwer. Sein eigentlicher Ersatz Fernando Torres spielte beim FC Chelsea eine schwache Saison und schoss in der Liga nur sechs Tore. Auch ein Aufstellen von Bilbaos Fernando Llorente birgt gewisse Risiken. Der 1,95 Meter große Stoßstürmer braucht Flanken, um erfolgreich zu sein. Eine taktische Variante, die in Spaniens vom Kurzpassspiel geprägten Auftritten selten vorkommt.
Doch auch die Defensive steht nach dem Ausfall von Abwehrchef Puyol vor einer Bewährungsprobe. Der Siegtorschütze des WM-Halbfinals 2010 gegen Deutschland war zuletzt der unumstrittene Leader der spanischen Verteidigung. Nun werden wohl Sergio Ramos, in der Nationalelf zumeist als Rechtsverteidiger eingesetzt, und Gerard Piqué im Abwehrzentrum spielen.
Beide sind in ihren Clubs nur zweite Innenverteidiger, die Führungsrolle in Barcelona hat zumeist Puyol inne, bei Real gibt Pepe den Ton an. Nun wird einer der beiden bisher ungeforderte Qualitäten zeigen müssen. Denn nur mit einem Top-Mittelfeld kann auch Spanien nicht Europameister werden.
Spanien - Italien So. 18 Uhr (in Danzig)
(Voraussichtliche Aufstellungen)
Spanien: Casillas - Arbeloa, Piqué, Sergio Ramos, Jordi Alba - Busquets, Xabi Alonso - Silva, Xavi, Iniesta - Negredo
Italien: Buffon - Bonucci, de Rossi, Chiellini - Maggio, Marchisio, Giaccherini, Pirlo, Motta - Balotelli, Cassano
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