Aus Tourrettes berichten Rafael Buschmann und Peter Ahrens
Joachim Löws blaues, enganliegendes Hemd offenbarte zum Ende der Pressekonferenz tellergroße Schweißflecken. Beim Sprechen über die Streichung einzelner Spieler aus dem EM-Kader wurde dem Nationaltrainer offensichtlich heiß. Es war für ihn ein Vorgeschmack auf den kommenden Dienstag. Dann wird Löw vier Spielern im stickigen Presseraum des DFB sagen müssen, dass es für sie nicht reicht. Sie dürfen oder müssen Urlaub machen. Der Traum von der EM wird dann trotz allen Aufwands knapp eine Woche vor dem Turnier beendet sein.
Wen es am Ende treffen wird, daraus macht Löw weiterhin ein Geheimnis. Er spricht davon, dass seine "Gedankenspiele noch nicht beendet sind" und dass der Test gegen die Schweiz am Samstag (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) "ein paar Erkenntnisse liefern wird".
Löw wird das vorletzte Spiel vor dem Turnier deshalb vornehmlich als Testballon nutzen. Insgesamt sechs Wechsel darf der Nationaltrainer tätigen, das Kontingent wird er ausschöpfen. Er kündigte schon einmal an, dass Sami Khedira und Mesut Özil "maximal 60, 70 Minuten spielen werden". Doch für die beiden geht es eher um das Aufrechterhalten ihres Spielrhythmus denn um eine Kadernominierung. Um diese müssen andere Spieler zittern.
Position von Lahm noch nicht entschieden
André Schürrle zum Beispiel. Bislang galt der 21-Jährige als sicherer Kaderkandidat, der Lukas Podolski im Falle einer Verletzung oder Sperre auf der linken Außenbahn ersetzen darf. Seit zwei Wochen hört man Löw aber kaum noch ein Wort über Schürrle verlieren. Stattdessen lobt der Trainer Julian Draxler, Schürrles direkten Konkurrenten, bisweilen überschwänglich. Er sei "leichtfüßig und dynamisch", nehme die Spielweise beim DFB "voll an" und werde gegen die Schweiz sicherlich zu seinem ersten Einsatz kommen. Mittlerweile scheint es keineswegs ausgeschlossen, dass Löw sich für den jungen Schalker entscheidet. Vielleicht zum Leidwesen von Schürrle.
In der Defensive scheint sich hingegen eine Überraschung anzudeuten. Erstmals offerierte Löw, dass Philipp Lahm die EM womöglich nicht auf seiner bisherigen linken Außenverteidigerseite bestreiten wird. "Ich muss noch einmal mit Philipp sprechen", sagte Löw, der derzeit wohl lieber Marcel Schmelzer auf links sieht. Gegen die Schweiz wird der Dortmunder noch einmal auf dieser Position getestet, Benedikt Höwedes auf rechts. Das kündigte Löw bereits an.
Schmelzer, der dadurch in die Stammformation rücken könnte, wird dann vielleicht ein wenig aufbauend mit seinem BVB-Mitspieler Mats Hummels reden müssen. Für den Dortmunder Abwehrchef sieht es derzeit eher so aus, als würde er lediglich der Ersatzmann von Per Mertesacker werden. Holger Badstuber scheint bei Löw auch deshalb gesetzt zu sein, weil er ein Linksfuß ist und der Mannschaft dadurch eine flexiblere Spieleröffnung ermöglicht.
Gündogan mit guten EM-Chancen dank gutem Spielaufbau
Flexibel ist auch der Noch-Gladbacher Marco Reus. "Wir haben mit Mario Götze, Toni Kroos und Mesut Özil drei Spieler, die auf Marcos ursprünglicher Position eingesetzt werden", sagt Löw. Deshalb weicht Reus auf einen Platz im Sturm aus. "Er ist ein schneller, wendiger Querläufer. Das kommt unserem Spielsystem mit den vielen flachen Pässen sehr entgegen", sagt Löw.
Der Leidtragende könnte hier Cacau werden. Vier Stürmer wird Löw wohl eher nicht zur EM mitnehmen, Cacau machte in Tourrettes bislang kaum auf sich aufmerksam. In den meisten Trainingsspielchen wirkte er ein bisschen wie ein Relikt früherer Zeit. Manchmal kam er dem Tempofußball dieser neuen Generation kaum hinterher. Für ihn spricht derzeit wohl eher, dass er mit seiner Erfahrung und guter Laune ein ausgleichender Pol im Team ist.
Weitere Wackelkandidaten sind die beiden Bender-Zwillinge, von denen Sven wohl die schlechteren Karten hat, da Lars auch auf der rechten Außenbahn einsetzbar ist. Gut möglich, dass sich der junge Leverkusener gegen die Schweiz genau dort je eine Halbzeit mit Höwedes teilt.
Der Gewinner der Bender-Demission könnte hingegen Ilkay Gündogan werden. Löw nennt den Dortmunder bereits einen "jungen Schweini". Und tatsächlich gleicht Gündogans Spielweise der des Vizekapitäns aus München. Im Team fehlt zudem jemand, der einen Schweinsteiger-Ausfall adäquat auffangen könnte. Die restlichen defensiven Mittelfeldspieler sind eher für ihre Laufleistungen berühmt denn für ein intelligentes Aufbauspiel. Und Kroos interpretiert die Rolle in der defensiven Zentrale weitaus offensiver als Schweinsteiger.
Schürrle, Cacau und Sven Bender - dies könnten die Streichkandidaten werden. Vielleicht aber auch Draxler und beide Benders. Gehen muss in jedem Fall zudem einer der drei Keeper (Marc-André ter Stegen, Tim Wiese, Ron-Robert Zieler) neben dem gesetzten Manuel Neuer. Löw wird beim Schweiz-Spiel seine Kandidaten ganz genau unter die Lupe nehmen. Und hoffen, dass der Presseraum am Dienstag gut gekühlt ist.
Schweiz - Deutschland Samstag 18 Uhr (in Basel)
(voraussichtliche Aufstellungen)
Schweiz: Benaglio - Lichtsteiner, Senderos, Djourou, Ziegler - Inler, Dzemaili - Shaqiri, Xhaka, Mehmedi - Derdiyok
Deutschland: Wiese - Höwedes, Mertesacker, Hummels, Schmelzer - Khedira, Gündogan - Reus, Özil, Podolski - Klose
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