Aus Krakau berichtet Rafael Buschmann
Hunderte Reporter stehen vor den Toren des EM-Quartiers der ukrainischen Nationalmannschaft in Kiew. Seit einer Woche versuchen sie, einen Blick auf das Gelände zu erhaschen oder hoffen auf ein Gespräch mit einem der Spieler. Am liebsten wäre ihnen natürlich eine Äußerung von Andrej Schwetchenko, der ukrainischen Legende. Doch eine echte Chance darauf gibt es nicht. Nationaltrainer Oleg Blochin mag es nicht, wenn jemand seine Arbeit beobachtet. Medientermine nimmt er nur auf Anordnung der Uefa wahr. Ansonsten schottet er sich mit seinem Team vollständig ab.
Dabei ist das Interesse nach dem historischen 2:1-Sieg gegen Schweden größer denn je. Was der Erfolg für das Land bedeutet, zeigte sich noch zwei Tage nach dem Spiel auf den Straßen: Autos fuhren mit großen ukrainischen Flaggen, die aus Fenstern und Schiebedächern hingen, umher und hupten. Von den Fußgängern hallten laute "Ukraina, Ukraina"-Rufe zurück.
"Der Fußball ist das einzige, was die Ukraine eint"
Das Land wirkt nach dem EM-Triumph wie wachgeküsst. Die zwei Tore von Schewtschenko scheinen alle politischen Probleme in den Hintergrund zu rücken. Niemand spricht mehr über das Scheitern der orange Revolution. Die Bevölkerung hat erkannt, dass die neuen Demokraten auch nicht viel ehrenwerter sind als die alten Machthaber und hat sich zunehmend ins Private geflüchtet. Sämtliches Vertrauen in die Führung ist verloren.
Hinzu kommt, dass die Nation zerrissen ist. Der Westen gilt als EU-orientiert, hier dominieren ukrainische Traditionen. Im Gegensatz dazu steht der russlandfreundliche Osten. Dem Land fehlte bisher eine echte Identität. Bis zu Schewtschenkos zweitem Tor gegen Schweden.
Denn nun ist die Stimmung beim EM-Mitausrichter so, als sei die Ukraine nach 1917 und 1991 zum dritten Mal neu gegründet worden. "Der Fußball ist das einzige, was die Ukraine eint", hat der Schriftsteller Sergej Chadan in seiner EM-Fibel "Totalniy Futbol" geschrieben. Die Zeitung "Segonda" titelte nach dem Sensations-Coup über Schweden: "Schewa-a-a-a-a-a-a! Ukraina-a-a! Was wie ein Traum schien, ist Realität geworden." Der Fußball und das Land, so wird suggeriert, sprechen eine Sprache.
Ausgerechnet jetzt muss das Blochin-Team zum zweiten Spiel der Gruppe C gegen Frankreich nach Donezk in den Osten des Landes reisen. Hier könnte es auf alle Vorbehalte treffen, die vor dem Sieg gegen Schweden galten. "Als im Qualifikationsspiel gegen Griechenland in Donezk in den ersten zwanzig Minuten gar nichts zusammenlief, fing das Stadion sofort zu pfeifen an. Nachher sagte der Nationaltrainer, das wäre das Gleiche, als hätte man auf neutralem Platz gespielt. Von wegen Heimspiel", sagt der ukrainische Publizist Jewhen Polozhij dem "Tagesspiegel".
Gellendes Pfeifkonzert beim Heimspiel
In 20 Jahren gewann das Nationalteam kein Spiel mehr in Donezk. In den vergangenen vier Partien gab es zwei Niederlagen und zwei Remis. Das bislang letzte Spiel endete 1:4. Der Gegner damals wie heute: Frankreich. Die Zuschauer empfingen die Mannschaft bereits beim Warmlaufen mit einem gellenden Pfeifkonzert. Viele in Donezk sind immer noch große Fans der russischen Nationalmannschaft. Jubelstürme gab es für das ukrainische Team in der Oststadt noch nie.
"Wir haben gespielt wie eine Familie, ältere und jüngere Spieler haben sich füreinander eingesetzt. Das ist natürlich auch ein Signal an unser ganzes Land", sagte Bayern-Profi Anatoli Timoschtchuk nach dem Auftakterfolg. Und Andrej Woronin ergänzte: "Jetzt wollen wir auch ins Viertelfinale."
Dafür müsste die Ukraine Frankreich ausschalten. Der EM-Sieger des Jahres 2000 scheint nach seiner sehr schwachen WM 2010 zwar besser in der Spur zu sein als in Südafrika. Doch beim 1:1 gegen England offenbarte die "Tricolore" viele Fehler im Spielaufbau, wirkte fahrig im Abschluss. Dennoch: Lässt die Ukraine das französische Flügelspiel mit Franck Ribéry zu, könnte es ein harter Abend für die Blochin-Truppe werden.
Und eine Probe für die neue Einigkeit des Landes.
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