Kicken in Pakistan: Wo Fußball nur Randsport ist

Von , Islamabad

Deutschland, Spanien und Co. kämpfen um die EM-Krone - Pakistans U-22-Nationalspieler haben da ganz andere Sorgen. Sie verstehen die Sprache ihres Trainers nicht und haben noch nie an einem Turnier teilgenommen. Viele mussten ihre Eltern überzeugen, damit sie überhaupt Fußball spielen dürfen.

Pakistan: Fußball als Randsportart Fotos
AP

Eigentlich kann alles nur noch besser werden. Genau 23 Zuschauer sind ins Jinnah-Stadium in Islamabad gekommen, wo knapp 50.000 Menschen reinpassen, zum Spiel der pakistanischen Nationalmannschaft gegen eine Auswahl der Armee. Man kann nicht behaupten, Fußball interessiere die Menschen in Pakistan.

Vor dem Anpfiff brüllt Cheftrainer Zavisa Milosavljevic seine Spieler an. "Reißt euch zusammen! Ihr braucht System und Präsenz!" 27 junge Kerle sitzen auf der Bank, die gesamte Mannschaft inklusive Auswechselspieler, alle unter 22 Jahre alt. Es ist die U-22-Mannschaft. Die Spieler schauen den Coach ratlos an. System? Präsenz? Was meint er damit?

Der Serbe Zavisa Milosavljevic, den sie hier im pakistanischen Tonfall "Saawi Shah" aussprechen - an den Nachnamen trauen sie sich erst gar nicht heran ("Very difficult name, what can we do?") -, ist seit sieben Monaten Trainer der pakistanischen Nationalmannschaft. Er war mal Sportprofessor an der Universität in Belgrad, hat die Jugendteams von Serbien trainiert, einen Verein in Ruanda, zuletzt die Nationalmannschaft von Lesotho. Die brachte er von Platz 161 auf Platz 160 der Fifa-Weltrangliste - zu wenig, wie die Verantwortlichen befanden. Milosavljevic wurde nach nicht einmal eineinhalb Jahren wieder entlassen.

Nun ist er in Pakistan. Die Nationalmannschaft rangiert auf der Fifa-Liste auf dem 181. Platz, hinter Ländern wie Gabun, Liechtenstein oder Nepal, eigentlich hinter der ganzen Welt. Viel schlechter geht es kaum.

Gebrüll auf Englisch und Urdu

Neben Milosavljevic steht Nasir Ismail, der Co-Trainer. Ihn verstehen die Spieler wenigstens sprachlich. Denn Milosavljevics Englisch ist nicht wirklich flüssig, das der meisten Spieler auch nicht. Also übersetzt Ismail, was der Chef sagt - meist noch lauter brüllend als Milosavljevic. Manchmal dröhnt auch der Torwarttrainer mit. Es ist ein Lärm auf Englisch und Urdu. Die Spieler hocken auf der Bank, und man weiß nicht, ob die lauten Worte durchdringen zu ihnen.

Es macht auch nicht immer Sinn, was da gebrüllt wird. Während des Spiels kickt der Torwart den Ball weit ins gegnerische Spielfeld. Milosavljevic springt schreiend und wild gestikulierend von seinem Stuhl auf, es soll heißen, er solle den Ball lieber einem Spieler in der Nähe zuspielen und nicht einfach weghämmern. Eine Viertelstunde später tut der Torwart wie befohlen - und wieder brüllt Milosavljevic ihn an, diesmal verlangt er, er hätte den Ball ruhig weiter nach vorne schießen können, da stünden doch genügend anspielbare Leute. Der Torwart zuckt mit den Schultern. Soll das einer verstehen.

Es wirkt so, als würden die Spieler vor allem versuchen, beschäftigt auszusehen. So viel wie möglich zu rennen, so zu tun, als wüssten sie, was sie tun. Viele brüllen auf dem Spielfeld herum, auch der Torwart, das soll den Eindruck von Kompetenz vermitteln. Das Brüllen hilft über manche peinliche Situation hinweg. Doch wenn der Ball auf sie zugeflogen kommt, zucken sie zusammen, als hätten sie Angst, er könnte sie im Gesicht verletzen.

In der Halbzeit ruft der Muezzin in der benachbarten Moschee zum Gebet. Nur ein Spieler läuft zum Spielfeldrand und verneigt sich gen Mekka. Die anderen nutzen die Zeit, Dehnübungen zu machen. Als alle wieder auf der Bank hocken, gibt Milosavljevic ihnen einen Tipp: "Aggression, Aggression, Aggression!" Wieder übersetzt Ismail, er sagt aber nicht "Aggression", sondern "Feuer". Der Trainer sieht die fragenden Gesichter seiner Spieler. "Was meine ich mit Aggression? Hat hier irgendjemand auch nur einen blassen Schimmer?" Keiner meldet sich zu Wort. Er schüttelt ärgerlich den Kopf. "Damit meine ich: Immer ran an den Ball! Immer Attacke! Immer nach vorne!"

Unentschieden gegen die Armee

Es nützt alles nichts, das Freundschaftsspiel geht unentschieden aus. Eine Schmach für die Nationalmannschaft, aber die Spieler sind trotzdem fröhlich. Sie wissen, dass die Armee in Pakistan irgendwie alles können muss, warum also nicht auch ungeschlagen bleiben bei einem Spiel gegen das beste Team des Landes? Das Lachen vergeht ihnen nur für ein paar Sekunden, als Milosavljevic kommt und ihnen an den Kopf wirft: "Die meisten von euch sind nicht reif dafür, Mitglied der Nationalmannschaft zu sein!"

Fußball ist eine Randsportart in Pakistan, obwohl das Land der weltgrößte Produzent von handgenähten Lederfußbällen ist. Aber wenn man das Gebrülle hört und versucht, das mit der Mentalität der Menschen zusammenzubringen, wird es wohl auch in Zukunft Randsportart bleiben. Der Mannschaftsarzt sagt: "Die Regierung ist schuld. Sie investiert nichts in Fußball." Dass öffentliches Interesse damit wenig zu tun hat, sieht der Arzt nicht. Dabei sind die Menschen selbst im armen, kriegsgeschüttelten Nachbarland Afghanistan geradezu fußballverrückt.

Aber wer in Pakistan ein Nationalheld werden will, ein millionenschwerer Superstar, spielt besser Cricket. Die Cricket-Nationalspieler besitzen Sportwagen und Luxusvillen und wohnen auswärts in Fünf-Sterne-Hotels. Sie trainieren in modernen Stadien.

"Es geht hier schon recht unprofessionell zu", sagt Milosavljevic. Nach einem Training sitzt er in einer Sportlerherberge in Islamabad. Es gibt Reis, Kartoffeln in einer fettigen Soße, Linsen, die in Öl schwimmen, außerdem Hühnercurry. Ist das die Sportlerdiät? "Das ist eine Frage für unseren Doktor", sagt der Trainer. Der antwortet: "Ja, da ist alles drin, was unsere Spieler brauchen. Reis hat Kohlehydrate, Linsen und Hühnchen sind eiweißhaltig und..." Milosavljevic unterbricht ihn. "Vielleicht sollte doch besser ich diese Frage beantworten. Also, ich wiederhole mich: Es ist ziemlich unprofessionell." Er häuft sich Curry auf den Teller und sagt: "Aber ich liebe das Essen."

Hoffen auf WM-Teilnahme - irgendwann, Inschallah

Am schwierigsten sei, dass die Spieler keine Verträge hätten, sich mithin "nicht hundertprozentig" auf den Fußball konzentrieren könnten. "Sie müssen sich Sponsoren suchen oder nebenbei einer bezahlten Arbeit nachgehen", sagt Milosavljevic. Manche bekommen ein Stipendium von einer Bank oder vom staatlichen Energieversorger. Die meisten Spieler stammen aus Mittelschichtsfamilien, aus allen Teilen des Landes, manche haben ihre Kindheit auch im Ausland verbracht und dort den Fußball entdeckt. Sie erzählen, es sei nicht einfach, die Eltern davon zu überzeugen, Fußballer zu werden. "Aber am Ende sind sie doch stolz, dass ihre Söhne das pakistanische Nationaltrikot tragen", sagt Faisal Iqbal, der schon als 14-Jähriger Nationalspieler war.

Und gucken sie sich die EM an? Iqbal lächelt verlegen. "Wenn wir die Zeit finden, schon." Aber gerade standen Freundschaftsspiele in Bahrain an, demnächst bestreiten sie Qualifikationsspiele in Saudi-Arabien für ein Turnier des südasiatischen Fußballverbands. Mehrere Länderspiele also, gegen Länder wie Syrien, Kirgisien, Sri Lanka und gegen die palästinensische Mannschaft. "Wir sammeln so mehr internationale Erfahrung", sagt Iqbal.

Haben sie schon mal gegen Deutschland gespielt? Oder gegen eine andere europäische Mannschaft? Wieder lächeln sie verlegen. "Nein, nein", sagt Kaleem Ullah, der U-22-Mannschaftskapitän und Mitglied im Nationalteam. "Dazu sind wir einfach noch nicht gut genug." Die Frage, ob sie schon mal an einer Weltmeisterschaft teilgenommen haben, erübrigt sich wohl.

Aber wann erhoffen sie sich ihre erste Turnier-Teilnahme? Der Trainer guckt irritiert und sagt: "Sie verstehen wirklich nichts von Fußball, oder?" Der Co-Trainer sagt: "Fragen Sie doch bitte nicht einen Erstklässler, wann er promovieren wird!" Der Torwarttrainer, ein kräftiger Paschtune mit schulterlangen Haaren, der Kurse bei Bayern München und Bayer Leverkusen belegt hat, ist optimistischer. "Irgendwann werden wir an einer WM teilnehmen", sagt er. "Inschallah." So Gott will.

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