Aus Kiew berichten Rafael Buschmann und Peter Ahrens
Michel Platini grinste. Es war ein schiefes Lächeln, fast schon eine Grimasse. Der Präsident der Europäischen Fußball-Union Uefa versuchte sich bei der Eröffnungspressekonferenz der EM als guter Verkäufer, als er über das Turnier in vier Jahren sprach, wenn in Platinis Heimat Frankreich erstmals 24 statt bislang 16 Teams an einer EM teilnehmen werden. Auch wenn sich der Uefa-Boss mühte, diese Aufstockung als positiv darzustellen: Er weiß wohl selbst, dass das Turnier dadurch sportlich kaum vorangebracht wird.
Das sieht auch Oliver Bierhoff, Manager der deutschen Nationalmannschaft, so: "Die Turniere werden etwas verwässert." Generell finden sich derzeit nur wenige Befürworter der EM-Reform: "Der Druck auf die Uefa ist von den Verbänden gekommen, die immer an einer EM-Teilnahme geschnuppert haben: Finnen, Schotten, Norweger. Rein sportlich halte ich die Erhöhung von 16 auf 24 Mannschaften für keine gute Entscheidung", sagt selbst DFB-Präsident Wolfgang Niersbach.
Bis auf das Argument, dass die Uefa und damit die Verbände finanziell von der Aufstockung profitieren, ist nicht nachvollziehbar, warum der Verband diese Entscheidung getroffen hat. Das beste Beispiel, was bei künftigen Turnieren droht, lieferte das irische Nationalteam bei dieser EM: Es ging völlig unter, unterlag Spanien, Italien und Kroatien zum Teil deutlich.
Wenn nun noch mehr Mannschaften dieses Kalibers bei einer EM auftauchen, was kann man bei künftigen Turnieren erwarten?
Zumindest Platini gibt sich zuversichtlich: "Ich bin überzeugt, dass wir acht gute Mannschaften mehr im Turnier haben werden. Das wird die Qualität der Spiele nicht beeinflussen. Ich sehe darin kein Problem." Er sagt aber auch nicht, dass das Turnier dadurch besser werden wird.
Martin Kallen, Direktor dieser EM, antwortet ebenfalls ausweichend. Er lobt lediglich, dass Mannschaften aus der Schweiz, Rumänien, Bulgarien, Litauen, Slowenien, Norwegen oder Schottland "viele Emotionen und viel Atmosphäre mitbringen würden". Dass sie am Ende wahrscheinlich reine Sparringspartner werden, wie es bei dieser EM die Iren, Ukrainer, phasenweise die Tschechen oder Polen waren, ist anscheinend unerheblich.
Platini will mit der Aufstockung den Fußball weiterentwickeln
Für die Uefa in Person von Platini scheint dieses Gefälle sogar noch ein Ansporn zu sein: "Wenn mehr Mannschaften teilnehmen, dann nehmen auch kleinere Mannschaften teil, die können sich entwickeln. Und meine Aufgabe ist es, den Sport weiterzuentwickeln", sagt Platini. Dass die "kleineren" Mannschaften viele Tore kassieren werden, die man medial schön darstellen kann und dadurch das Eventprojekt EM noch weiter positioniert, wollte Platini "so pauschal nicht unterschreiben".
Dies ist aber möglicherweise aus Sicht der Uefa tatsächlich eine Maßnahme, um der aktuellen EM-Langeweile ein wenig zu begegnen. Denn viele Spiele ließen kaum Überraschungen oder Neuheiten zu. Aber ob Finnland, Israel oder Schottland dies tatsächlich ändern können?
Auch nimmt die Uefa - wieder einmal - kaum Rücksicht auf die eingesetzten Spieler. Viele der an der EM teilnehmenden Akteure wie Bastian Schweinsteiger, Mario Balotelli oder Jakub Blaszczykowski beschwerten sich in den Vorwochen bereits über zu viele Spiele. Durch eine aufgestockte EM werden die Klagen nicht weniger. "Für Vereine, die Nationalspieler abstellen müssen, ist das ein Horror. Ich hätte den Wettbewerb so belassen, wie er jetzt ist. Mit 16 Teams", sagte der ehemalige deutsche Nationalmannschaftskapitän Uwe Seeler.
Es bleibt wohl beim naheliegendsten Argument für die Aufstockung: Die 24 Teams haben zur Folge, dass die Uefa eine zentrale Vermarktung nach dem Vorbild der Champions League einführt. Dadurch lässt sich aus dem Turnier noch mehr Geld generieren. Mit der Aufstockung wird es mehr Gruppen geben, zudem ein Achtelfinale, dadurch wohl auch mehr Spielorte. Dafür werden mehr Hotels, Flüge, Gastronomiebetriebe benötigt. Sponsoren- und Fernsehverträge werden wegen mehr Spielen wohl ebenfalls besser dotiert sein. Denn: Gibt es mehr Länder, gibt es auch mehr Fans, die zuschauen.
Die Aufstockung ist beschlossene Sache, aber es gibt weitere (fragwürdige) Ideen. So erwägt die Uefa, die EM 2020 europaweit auszutragen. "Das Exekutivkomitee hat mir die Erlaubnis erteilt, diesen Vorschlag den Verbänden zu unterbreiten", sagte Platini: "Wir können in zwölf Städten in einem Land spielen, aber auch in zwölf Städten in ganz Europa. Es ist nur ein Vorschlag, aber ich habe viel Sympathien für diese Idee." Kein Wunder, schließlich hatte sie der Franzose selbst.
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