DFB-Rechtsverteidiger Jo so weit, Jo so gut

Joshua "Jo" Kimmich lief, flankte, schaltete sich in den Sturm ein im Spiel gegen Nordirland. Mit ihm war endlich mal Alarm auf der rechten Angriffsseite. Die Härtetests warten aber noch auf ihn.

Joshua Kimmich
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Joshua Kimmich

Aus Paris berichten und


Die Länderspielkarriere von Joshua Kimmich ist erst so kurz, dass er bei jedem Einsatz noch etwas Neues erlebt. Zum Beispiel, dass die Fans von Gegner Nordirland am Dienstag noch 20 Minuten nach Abpfiff inbrünstig ihr "Will Grigg's on fire" schmetterten, wie man es nur bei einem großen Turnier genießen kann. Kimmich schickte noch einen staunenden Blick in Richtung der Nordiren, bevor er sich in die deutsche Kabine begab.

Dabei hätte es auch gepasst, wenn die für ihr Fair Play bekannten Gästefans auch eine Strophe in "Jo Kimmich is on fire" umgedichtet hätten. Der 21-Jährige, der beim 1:0-Erfolg über Nordirland seine EM-Premiere feierte, war schließlich von allen Seiten mit Lob für sein selbstbewusstes Debüt als Rechtsverteidiger überschüttet worden. Das fiel teilweise so überschwänglich aus, dass es dem Spieler selbst nicht geheuer zu sein schien.

"Niemand ist allein auf dem Fußballplatz", wollte er lieber die Mannschaftsleistung in den Mittelpunkt gerückt wissen, aber das blieb seine erfolgloseste Aktion dieses Abends in Paris. Alles sprach über Kimmich, alles lobte Kimmich.

Mitspieler sind voll des Lobes

"Der hat sich heute richtig was getraut, solche Spieler brauchen wir", attestierte Abwehrkollege Mats Hummels, und Mesut Özil, von der Uefa zum Spieler des Spiels gekürt, gab die Blumen auch weiter an den jungen Bayern-Spieler: "Er hat das so cool gemacht für sein Alter." Özil, weiß, wie so etwas ist. Als er 2010 die WM in Südafrika spielte, war er auch erst 21.

Kimmich hatte tatsächlich ein erstaunliches Spiel auf der rechten Seite hingelegt. Auf der Seite, auf der zuvor Benedikt Höwedes zwar den Flügel nach hinten solide abgedichtet hatte, vorne jedoch den lieben Gott einen guten Mann sein ließ. Jetzt war endlich bei dieser EM mal Alarm auf der rechten Angriffsseite. Kimmich lief, Kimmich flankte, Kimmich schaltete sich in den Sturm ein, das hatte man vermisst bei der DFB-Elf, bei der bis dahin fast alles offensiv über links gelaufen war.

Seine Vereinskollegen bei den Bayern hat das nicht besonders überrascht. "Er hat heute das gespielt, was ich von ihm erwartet habe, was ich von ihm kenne", sagte Thomas Müller. Und Mario Götze wusste, dass Kimmich "ohnehin ein Superkerl ist, immer da, wenn man ihn braucht".

Im Video: Die besten Szenen vom Sieg der DFB-Elf

Joachim Löw ist noch zurückhaltend

Wie sehr der Bundestrainer Kimmich bei diesem Turnier braucht, ist allerdings auch nach dem Spiel noch nicht beantwortet. "Kimmich hat das gut gemacht", lobte Joachim Löw eher zurückhaltend. Er weiß, dass der junge Bayern-Spieler für diese Partie genau die passende Lösung war. Ob er auch der Richtige ist, wenn die gegnerische Mannschaft selbst stark über außen kommt und es vor allem darauf ankommt, defensiv gut zu stehen - dieser Test steht noch aus. Das ist wohl nur zu erfahren, wenn man ihn dann auch ausprobiert.

Was Löw in jedem Fall imponiert hat: "Man konnte bei ihm keinerlei Nervosität feststellen." Das passt zu Kimmich, der sich bei der Nationalmannschaft und in der Öffentlichkeit auch mal einen Satz zutraut, der nicht zuvor zehnmal von PR-Strategen geprüft und freigegeben wurde. Kimmich wirkt, als wisse er sehr genau, was er kann. Im Verein hat er schon die ersten kleinen Rückschläge hinnehmen müssen. Gegen Juventus hat er in der Champions League Lehrgeld bezahlt. Dass er fähig ist, daraus zu lernen, bezeugte seine sehr starke Vorstellung beim DFB-Pokalfinale gegen Borussia Dortmund.

Kimmich ist jung, und die harten Brocken beim Turnier kommen noch. Bei allem Respekt: Das war am Dienstag schließlich nur Nordirland, und Löw will daher auch nicht zu viel Euphorie über die Leistung seiner Defensivspieler aufkommen lassen. "Es war gut heute, aber es war auch nicht besonders schwierig."

Joshua Kimmich wird das wissen. Er hat noch so viel Zeit, er wird alle großen Gegner noch kennenlernen. Und vielleicht schon bei diesem Turnier.

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insgesamt 42 Beiträge
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spon_2937981 22.06.2016
1. Der neue Lahm
Kimmich ist ganz klar der neue Lahm. Zwar noch nicht Weltklasse, aber das kann ja noch kommen. Defensiv hat er seine Leistungsnachweise schon in der CL abgegeben, dass wird er schon hinkriegen. Ungeheuer selbstbewusst, mutig und souverän. Beeindruckende Vorstellung.
altertainment 22.06.2016
2. Außenverteidiger
Richtig. Gegen Nordirland hat er seine Sache super gemacht. Man hätte allerdings auch einen Götze, Özil, Leroy Sané oder sonst irgendeinen "Offensivspieler" gegen Nordirland als "Außenverteidiger" aufstellen können, das hätte die Offensive auf die gleiche Art belebt. Aber gegen andere Gegner wird das leider nicht das einzige sein, was nötig ist. Verheizt den Jungen nicht, indem ihr ihn nach einem einzigen wenig aussagekräftigen "Test" zum Erlöser hochjubelt!
romeov 22.06.2016
3. Hat er doch längst alles bewiesen
...bei einem Verein namens FC Bayern München.
johannesraabe 22.06.2016
4.
Wenn man die Kirche im Dorf lässt und der Gegner nicht Nordirland gewesen wäre, hätte es hinten deftig gerappelt. Sobald Kimmich auf einen Außenverteidiger trifft der Stirn zeigt, ist es aus. Wäre Nordirlands Umschaltspiel schneller gewesen, hätte man mitbekommen, dass es hinten doch ziemlich offen war und Boateng und Hummels das nur aufgrund der mangelhaften nordirischen Spielanlage nach vorn so glimpflich abgegangen ist. Kimmich ist gut, ohne Frage, aber diese Heldengeburt ist unnötig.
Pela1961 22.06.2016
5. Er hat sich
in der CL bewährt, warum sollte er bei einer EM das nicht schaffen?
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